Zeitung Heute : „Wir brauchen eine Kultur des Miteinanders“

Wolfgang Kern plädiert für Stiftungszentren und die Vernetzung der Aktivitäten

Stifter unter sich – hier im Hamburger Rathaus. Die Hansestadt hat mit Abstand die meisten Stiftungen in Deutschland. Insgesamt gibt es an der Elbe 1028 Stiftungen mit einem Kapital von mehr als vier Milliarden Euro. Berlin zieht langsam nach. Foto: Widmann/dpa
Stifter unter sich – hier im Hamburger Rathaus. Die Hansestadt hat mit Abstand die meisten Stiftungen in Deutschland. Insgesamt...Foto: picture-alliance/ dpa

Herr Kern, das Evangelische Johannesstift feierte in Spandau im vergangenen Jahr 100-jähriges Bestehen seines Stiftungsländes. Ihre insgesamt 150-jährige Geschichte zeigt: Dies ist das Werk mehrerer Generationen. Ist nach Ihrer Einschätzung der Gedanke in der heutigen Gesellschaft noch fest verankert, künftigen Generationen die Welt in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben?

Zunächst: Ich finde so schlecht steht es gar nicht um unsere Gesellschaft. Viele Dinge haben sich gut entwickelt, sind im Blick und viele bemühen sich um reife und gute Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen wie demografischer Wandel oder soziale Gerechtigkeit. Natürlich geht es darum, dass die heutige Gesellschaft sich ständig fragen muss: Was bedeutet unser Handeln für unsere Kinder und Enkel? Wir haben diese Erde nur von unseren Kindern geerbt. Dies Indianerweisheit bringt unsere Verantwortung ja auf den Punkt. Das werden viele bejahen, aber ich stelle Veränderungen fest. Die Zeit ist kurzatmiger geworden. Entscheidungen müssen oft schnell getroffen werden, und ob dabei immer genug Zeit bleibt, sich gründlich mit den Folgen zu beschäftigen? Auch das Schielen bei Entscheidungen nach der öffentliche Meinung geht auf Kosten von Nachhaltigkeit und der künftigen Generationen. Hinzu kommt, dass Akteure, die für Nachhaltigkeit stehen, wie bspw. die Kirchen oder die Verbände große Akzeptanzprobleme und damit auch Legitimationsprobleme haben. Bindungen und die Übernahme von längerfristiger Verantwortung ist eher schwierig geworden. Das hängt aber nicht unbedingt mit Haltungen zusammen, sondern oft mit den Lebensumständen, die solche Bindungen ausschließen. All dies wirkt zusammen. Und gerade deshalb braucht es stabile Organisationsformen, die die Kraft haben, längerfristig mit einer gewissen Unabhängigkeit zu planen. Dazu zählen zweifelsohne Stiftungen.

Wenn man gänzlich unbefangen die Aufgaben betrachtet, die Sie sich auf Ihre Agenda geschrieben haben, könnte man auf den Gedanken kommen, der Staat und damit alle ordnungspolitischen Gemeinwesen hätten abgedankt. Sind Stiftungen die besseren Ministerien? Oder anders gefragt: Sehen Sie sich mit Ihrer Stiftung im Einklang mit Politik und Gesellschaft auf einem Feld - oder eher als Reparaturbetrieb?

Es geht nicht darum, wer die besseren Ministerien oder Institutionen sind. Das ist altes Denken. Staatliches Handeln und Stiftungshandeln befruchten sich gegenseitig. In unserem Sozialsystem gilt ja das Subsidaritätsprinzip. Und im Fall des Evangelischen Johannesstifts ist es wie bei vielen anderen Trägern so, dass Eigenverantwortung vor staatliches Handeln gestellt ist.

In der Globalisierung, die wirtschaftlich vor der Haustür nicht halt macht und dahinter dank Facebook, Internet & Co auch kulturell noch bis in die privaten Verästelungen unser Denken und Handeln zu bestimmen beginnt, wirkt das Evangelische Johannesstift wie eine grüne Insel der Glückseligkeit: Müssen Sie, die Stiftungen, die einen gesellschaftspolitischen Auftrag verspüren, sich wandeln?

Wenn Sie das Stiftungsgelände in Berlin-Spandau betreten, dann ist das in der Tat ein idyllischer, ein wunderbarer Ort, den unsere Vorfahren vor 100 Jahren geschaffen haben. Das geht zusammen mit einer langjährigen Tradition und mit dem Wissen, dass manche Dinge Zeit brauchen. Das ist schon etwas Beeindruckendes, wenn ich auch nicht von Glückseligkeit reden möchte. Stiftungen müssen sich stets fragen: Welchen Nutzen haben wir für die Menschen, für die Gesellschaft. Und deshalb müssen wir uns immer wandeln, weil die Gesellschaft sich wandelt. Kooperation und Vernetzung kommen immer mehr in den Blick. Und nicht nur die Kooperationen von Stiftungen untereinander, sondern auch darüber hinaus. Warum? Gesellschaftliche Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam lösen. Die Berliner Stiftungsrunde ist eine Initiative, die genau dieses im Blick hat. Eng gehört damit auch der Gedanke des Transfers von Projekten zusammen. Viel Energie – und damit Zeit und Geld – fließt in die Entwicklung von ähnlichen Programmen. Das kann man durch Zusammenarbeit abkürzen. Dies setzt aber eine Kultur des Miteinander und die Bereitschaft voraus, dass Stiftungen sich um der Sache willen sich in eine Reihe stellen. Da ist noch einiges zu tun. Ich bin aber überzeugt: Es lohnt sich um der Menschen willen.

Die Kirchen freuen sich über einen Stiftungsboom. Die deutschen Katholiken gründeten jetzt mit dem „Bonifatius Stiftungszentrum“ sogar ein eigenes Werk, das bei der Kanalisierung der Geldströme behilflich sein soll. Worauf führen Sie diese Bewegung zurück – wenn man zum Beispiel an die vielen Kirchenaustritte, oft aus finanziellen Gründen, in den vergangenen Dekaden denkt?

Der Stiftungsboom hat praktische, aber auch ideele Gründe. Zunächst hat der Staat die Rahmenbedingungen für Stiftungen verbessert, Stichwort ist hier: Das Gesetz zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements. Das hat sichtbar Anreize geschaffen, eine Stiftung zu gründen. Dann ist bekannt, dass das Vermögen von Privatpersonen in Deutschland stetig wächst. Das geht bisweilen damit einher, dass keine Erben vorhanden sind. Hier liegt der Gedanke nahe, dieses Vermögen gesellschaftlichen Zwecken zu widmen. Es gibt dann die Möglichkeit eine soziale oder kulturelle Organisation als Erben einzusetzen oder eben eine Stiftung zu errichten. So ist es möglich, die eigenen Vorstellungen der gesellschaftlichen Mitgestaltung nachhaltig zu verwirklichen.

Das Evangelische Johannesstift Berlin ist eine der größten Trägerstiftungen in Deutschland. Sie blicken auf eine lange Geschichte zurück und haben den Überblick. Woran mangelt es, wovon haben wir zu viel und wovon können wir nicht genug bekommen?

Es mangelt an Wissen voneinander. Das erfordert den Willen zur Kooperation und des Austausches untereinander, auch über die Stiftungswelt hinaus. Es ist ja zu beobachten, dass sich viele kleine Stiftungen gegründet haben. Intelligenter Stiften könnte vor diesem Hintergrund bedeuten Kooperationen weiter zu entwickeln und auszubauen. Stiftungszentren können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Es mangelt auch an dem Wissen, ob eine Förderung auch wirklich effizient ist im Sinne von: Nutzt es den Menschen wirklich? Das erfordert genaues Hinschauen und ehrliche Überprüfung des Stiftungshandelns, sprich Evaluation. Es gibt zu viel wechselnde Förderung von sogenannten Innovationen. Manche Aktivitäten brauchen Kontinuität und nicht das Licht der Öffentlichkeit. Da ist es nicht immer so einfach ein passende Stiftung zu finden, die dies unterstützt, weil eher Außergewöhnliches als Antrag gewünscht wird. Ganz klar, Engagement kann es nicht genug geben! Unsere Gesellschaft, die Menschen, wir alle brauchen das. Das hält zusammen.

Das Interview mit Wolfgang Kern, Geschäftsführer Stiftungskommunikation des Evangelischen Johannesstifts Berlin, führte Reinhart Bünger.

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