Zeitung Heute : „Wir brauchen eine Ökologie des Menschen“

Papst weist die Politik auf Grundlagender Gerechtigkeit hinWulff: Kirchen sollen sich nicht auf sich selbst zurückziehenVerständnis für Kirchenaustritte als Folge des MissbrauchsskandalsMehrere Tausende demonstrieren in Berlin gegen den Besuch

Mit Widersprüchen. Benedikt XVI. beim Empfang mit militärischen Ehren durch Bundespräsident Wulff – und der Protest der Papstkritiker am Potsdamer Platz. Fotos: dpa
Mit Widersprüchen. Benedikt XVI. beim Empfang mit militärischen Ehren durch Bundespräsident Wulff – und der Protest der...Foto: dpa

Berlin - Papst Benedikt XVI. hat die Politik dazu aufgerufen, sich ihrer ethischen Grundlagen bewusst zu bleiben. „Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein“, sagte das Kirchenoberhaupt am Donnerstag in einer stark philosophisch geprägten Rede vor dem Bundestag. Dabei reiche in Grundfragen der Menschenwürde das Mehrheitsprinzip allein als Legitimation nicht aus. Notwendig seien vielmehr moralische Kriterien, wie sie sich in Europa aus dem Zusammenwirken von griechischer Philosophie, römischem Recht und dem Glauben an einen Schöpfergott entwickelt hätten.

Als beispielhaft für ein solches Denken würdigte der Papst die ökologische Bewegung. In den 70er Jahren sei jungen Menschen in seiner deutschen Heimat bewusst geworden, dass die Natur nicht nur „Material für unser Machen“ sei, sondern „dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihren Weisungen folgen müssen“. Jetzt sei es an der Zeit, eine „Ökologie des Menschen“ zu entwickeln. „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“, betonte Benedikt.

Beim Empfang von Bundespräsident Christian Wulff in Schloss Bellevue stellte das Oberhaupt der katholischen Kirche ebenfalls die Bedeutung der christlichen Religion für die freiheitliche Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner Rede. Religion sei „eine Grundlage für ein gelingendes Miteinander einer Gesellschaft“, sagte der 84-Jährige. Ohne verbindliche Basis lebe „jeder nur seinen Individualismus“. Es müsse Werte geben, „die durch nichts und niemand manipulierbar sind“. Bundespräsident Wulff, der den Papst mit den Worten „Willkommen zu Hause, Heiliger Vater“ begrüßte, wies darauf hin, dass bei den Menschen angesichts von Ungerechtigkeit, ökologischen und wirtschaftlichen Krisen die Sehnsucht nach Sinn wachse. „Auch deshalb ist es so wichtig, dass die Kirchen den Menschen nahe bleiben, dass sie sich trotz Sparzwängen und Priestermangel nicht auf sich selbst zurückziehen.“

Am Mittag war der Papst mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einem Vier-Augen-Gespräch zusammengekommen. Merkel sagte danach, das Thema Europa habe eine wichtige Rolle gespielt.

Für Benedikt XVI. ist es die dritte Deutschlandreise seit seiner Wahl 2005, aber der erste offizielle Besuch als Papst. Die viertägige Reise steht diesmal auch im Zeichen der bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester. Auf dem Flug nach Berlin äußerte der Papst vor Journalisten Verständnis für Kirchenaustritte als Folge des Missbrauchsskandals. Vor allem bei Menschen, die Missbrauchsopfern sehr nahestünden, sei ein Austritt nachvollziehbar. Zu den Protesten von Kritikern sagte Benedikt XVI., diese seien in einer freien Gesellschaft normal. Wichtig sei, dass sie friedlich verliefen.

6500 Polizisten sicherten den Besuch in Berlin. Die Absperrungen in der Innenstadt waren deutlich schärfer und weiträumiger als angekündigt. Zwischen Regierungsviertel und Friedrichstraße waren fast alle Straßen gesperrt, der Verkehr kam vielerorts zum Stillstand. Nachmittags demonstrierten mehrere tausend Menschen, darunter auch gewaltbereite Autonome, am Potsdamer Platz gegen den Papst-Besuch. Am Abend feierte Benedikt mit 70 000 Menschen eine Messe im Olympiastadion. In seiner Predigt rief er die Gläubigen dazu auf, auch in schwierigen Zeiten in der Kirche zu bleiben: „Die Kirche ist das schönste Geschenk Gottes.“ Weitere Stationen des Papstes sind Erfurt und Freiburg.

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