Zeitung Heute : „Wir brauchen jemanden wie Steve Jobs“ Tom Pearsall zu den Aussichten der Photonik

Die Raumfahrt, die Nanotechnologie oder die Windkraft sind in aller Munde. Warum nicht die Photonik?

Die Photonik ist eine Technologie, die sich sehr rasant entwickelt. Deshalb ist es schwierig, eine starke Industrie zu entwickeln. Man muss viel tun, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Es gibt nur wenig Firmen, die damit viel Geld verdienen, in Deutschland etwa Zeiss. Die meisten Firmen sind aber klein, häufig Start-Ups, die eine Technologie zur Marktreife bringen und danach wieder verschwinden. Geben Sie das Wort Photonik in Google ein, dann bekommen Sie rund 100 000 Einträge. Bei Nanotechnologie sind es mehr als sechs Millionen.

Es wäre eine Aufgabe für das Europäische Konsortium EPIC, das zu ändern.

Natürlich, wir brauchen mehr PR, um die Photonik ins Bewusstsein zu rücken. Das hat auch damit zu tun, dass die Bauelemente der Photonik so klein sind. Kaum jemand weiß, dass in einem CD-Player jede Menge Lasertechnik steckt. Es ist eine stille Industrie, denn niemand wirbt für Photonik. Lieber für Handys oder MP-Player. Doch ohne Photonik würden diese Geräte keinen Mucks machen.

Sie erwähnten die hohe Geschwindigkeit der Innovation in dieser Branche. Worauf führen Sie diesen Trend zurück?

Die Photonik ist der Steigbügelhalter für nahezu alle anderen Technologiezweige: für integrierte Mikrochips, für die Biomedizin und die Genomanalytik, für Datennetze und Unterhaltungstechnik. Photonik ist der Motor, der die anderen Industrien nach vorn treibt. Um Bauelemente kleiner, leichter, billiger und Energie sparend zu machen, übernimmt das Licht immer mehr Aufgaben, die früher Elektronen erledigt haben. Leider haben wir das Problem, dass die EU diese Zusammenhänge noch nicht ausreichend erkannt hat.

Wie schätzen Sie die Unterstützung in Deutschland ein?

In Europa sind die Deutschen so etwas wie Helden, was die Förderung der Photonik angeht. Wir können uns über die Forschungsministerin Annette Schavan nicht beschweren, denn Deutschland hat seine Förderetats für Optoelektronik und Photonik in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Das bekommen die Forscher in Deutschland zu spüren, da bewegt sich etwas. Die deutschen Wissenschaftler und Firmen haben großen Erfolg.

Statt öffentlicher Förderung könnte Risikokapital aus privaten Quellen einspringen. Warum ist das ein Problem?

Ich kenne einige Venture-Capital-Gesellschaften, die in Unternehmen der Photonik investieren. Aber das ist harte Arbeit, der schnelle Euro ist in diesem Geschäft nicht zu machen. Das ist nicht wie bei Google, denn in der Photonik muss man Experimente und wissenschaftliche Entwicklungen vorantreiben. Das Marktvolumen ist nicht so groß wie im Internetgeschäft, der Rückfluss der Investitionen ist oft nur langsam zu erwarten.

Wie kann man das ändern?

Wir brauchen Vorbilder. Mit Frontleuten wie Steve Jobs von Apple wären wir in einer anderen Position. Dabei könnte auch Steve Jobs sein Geschäft ohne uns nicht verwirklichen. Er hat das Telefon in ein visuelles Objekt verwandelt, das voll photonischer Bauelemente steckt. Vielleicht kann ich ihn überreden, ein Sabbatical einzulegen, um eine Weile für uns zu arbeiten.

Eine Universität wie die TU Berlin kann Steve Jobs sicher nicht verpflichten, wohl aber einiges für die Photonik tun. Wo sehen Sie ihre Stärken?

Der neue Sonderforschungsbereich in Berlin ist eine großartige Sache. Das ist ein echter Leuchtturm für Europa. Professor Dieter Bimberg, der den Antrag für die Fördermittel konzipierte, hat ein glückliches Händchen bewiesen. Er arbeitet auch in unserem MONA-Projekt an vorderster Stelle mit. In diesem europäischen Projekt, das wir gerade gestartet haben, geht es um die Verbindungen zwischen Nanotechnologie und Photonik. Die wissenschaftlichen Ergebnisse müssen schnell in Produkte münden.

Das Gespräch führte Fred Winter

Tom Pearsall ist seit 2003 Generalsekretär des Konsortiums der europäischen Photonikindustrie (EPIC)

in Paris.

Zuvor erforschte der Physiker neue Halbleiter aus Indium.

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