Zeitung Heute : „Wir brauchen moralische Hilfe für unseren Kurs“

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Zehntausende haben in Beirut ihre Solidarität mit der unter Druck geratenen syrischen Regierung bekundet. Wie wollen Sie die syrischen Truppen aus Libanon bekommen, Herr Dschumblatt?

Sie haben begonnen, aus Beirut abzuziehen. Aber wir wollen einen Zeitplan für den kompletten Rückzug aus Libanon. In Damaskus trifft sich jetzt die syrischlibanesische Militärkommission. Wenn Syrien auf Zeit spielt, wäre das schädlich für den Versuch, syrisch-libanesische Beziehungen auf der Basis gegenseitigen Vertrauens zu schaffen.

Am Sonntag wurde in Beirut ein antisyrischer Demonstrant angeschossen. Wie groß ist die Gefahr eines gewaltsamen Konflikts zwischen der Opposition und prosyrischen Kräften wie den Schiiten-Organisationen Amal und Hisbollah?

Die Schüsse waren ein Einzelfall. Es wird keine Zusammenstöße geben. Aber Amal und Hisbollah werden sich auch nicht der Opposition anschließen. Wir brauchen mit beiden einen Dialog. Auch über die Waffen, die Hisbollah noch hat.

Bekommt die Protestbewegung Unterstützung aus dem Ausland?

Wir haben keine Hilfe bekommen. Der Protest hat sich von selbst entwickelt. Es begann damit, dass die Syrer 2003 eine zweite Amtszeit für Präsident Emile Lahoud erzwangen. Dann folgte am 14. Februar der Mord an Ex-Premierminister Rafik Hariri. Die Libanesen haben einfach genug vom Blutvergießen.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Besuch in Deutschland?

Wir brauchen moralische Hilfe für unseren Kurs in Richtung Unabhängigkeit und Demokratie. Ich werde Außenminister Fischer die Situation erklären.

US-Präsident George W. Bush hat den wichtigsten Anführer der Christen und erklärten Syrien-Gegner, den maronitischen Patriarchen Nasrallah Sfeir, für nächste Woche nach Washington eingeladen. Was erwarten Sie von diesem Treffen?

Kardinal Sfeir ist Realist genug, um zu wissen, dass Libanon gute Beziehungen zu Syrien braucht. Bush sollte dies berücksichtigen. Es wäre kontraproduktiv, wenn die amerikanische Politik versucht, in Libanon eine antisyrische Front zu installieren. Wir wollen nicht für einen Konflikt mit Syrien benutzt werden.

Sie haben im Bürgerkrieg die Miliz der Drusen geführt, an der Seite prosyrischer Verbände wie der Amal. Jetzt fordern Sie den Abzug der Syrer aus Libanon. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Der Bürgerkrieg ist vorbei, und die Hisbollah hat den Süden Libanons von den Israelis befreit. Warum sollten die Syrer jetzt noch bleiben? Schon mein Vater war 1976 gegen den Einmarsch der Syrer.

Ihr Vater wurde 1977 bei einem Attentat getötet, für das vermutlich Syrien verantwortlich ist. Der vor drei Wochen ermordete Ex-Premier Rafik Hariri hielt auch Distanz zu den Syrern. Müssen Sie ebenfalls einen Anschlag fürchten?

Im Nahen Osten ist Politik ein riskantes Geschäft. Aber es ist notwendig, dafür zu kämpfen, dass die jungen Menschen in Libanon auf die Zukunft hoffen können.

Selbst wenn sich die Syrer zurückziehen sollten, bleibt in Libanon das System der konfessionellen Aufteilung staatlicher Ämter bestehen. Müsste es nicht revidiert werden, um mehr Demokratie zu erreichen?

Eines Tages gibt es vielleicht eine Trennung von Staat und Religion. Jetzt ist es besser für die Stabilität Libanons, das konfessionelle System beizubehalten.

Wollen Sie der neuen Regierung beitreten, die nach dem durch die Proteste erzwungenen Rücktritt des Kabinetts Karamé gebildet werden muss?

Zuvor müssen die Umstände des Todes von Hariri untersucht werden, die Chefs des libanesischen Geheimdienstes müssen zurücktreten, und es ist ein Zeitplan für den Rückzug der Syrer nötig. Werden diese Forderungen nicht erfüllt, ist die Opposition nicht kompromissbereit.

Wer könnte der nächste Premier sein?

Der zurückgetretene Premier Karamé ist wieder im Gespräch. Aber das wäre für mich wie ein weiterer Mord an Hariri.

Der Druse Walid Dschumblatt führt die libanesische Opposition und war Gast bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin.

Das Gespräch führte Frank Jansen.

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