Zeitung Heute : „Wir brauchen umfassende Strategien“

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SchaderStiftung, Deutscher Städtetag und andere beraten über Integrationspolitik. Herr Kulenkampff, wie kann Städtebau zur Integration beitragen?

Durch eine bessere Gestaltung des öffentlichen Raumes. Es müssen gemischte Quartiere geschaffen werden, in denen es möglich ist, Gewerbe zu betreiben und zu wohnen. In den alten Stadtkernen ist dies noch der Fall und zeigt sich nach wie vor als integrationsförderlich. In den Großsiedlungen an den Randgebieten der Städte gibt es dagegen nur die einseitige Nutzungsmöglichkeit des Wohnens. Wohnungsunternehmen müssen das gesamte Wohnungsumfeld freundlicher gestalten, nachbarschaftliche Begegnungsstätten sowohl in den Wohnhäusern selbst, als auch um die Häuser herum schaffen, zum Beispiel in Form von Mietergärten. Möglichst unentgeltlich.

Warum muss Integrationspolitik heute woanders ansetzen als früher?

Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich geändert: Der demografische Wandel wird zukünftig auch den Anteil ethnischer Gruppen an der Gesamtbevökerung weiter erhöhen. Die Gesellschaft ist heute nicht mehr so homogen. Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt als wichtiger Integrationsfaktor weitgehend weggefallen ist. Das Wohnumfeld als neuer Lebensmittelpunkt erhält damit völlig neue Bedeutung. Der Wunsch nach einer Nachbarschaft aus dem eigenen Kulturkreis und der begrenzte finanzielle Spielraum bei der Wohnungssuche haben in den größeren Städten bereits zur Herausbildung ethnisch geprägter Quartiere geführt.

Was bedeutet das für die Integration?

Bis zu einem gewissen Grade kann räumliche ethnische Segregation positiv sein, weil sie den Zuwanderern oft den Einstieg in der neuen Heimat erleichtert: Der Austausch mit eigenen Landsleuten kann ersten Halt geben. Gefährlich wird ethnische Segregation dann, wenn diese Quartiere sich separieren und zu in sich geschlossenen Einheiten werden. Langfristig kann dies zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

Warum gibt es erst jetzt verstärkte Bemühungen bei der Integrationspolitik?

Wir Deutschen wollten lange nicht anerkennen, dass wir ein Zuwanderungsland sind. Zudem brauchten wir uns um die Frage nach der richtigen Integration bis in die 80er Jahre hinein kaum zu kümmern, weil sie recht gut über den Arbeitsmarkt funktionierte. Erst seit der Debatte um das Zuwanderungsgesetz wird sich auf Bundesebene wieder mit ihr beschäftigt. Zwar gibt es in den Kommunen schon seit längerem integrationspolitische Maßnahmen, sie wurden jedoch auf Bundesebene nicht koordiniert. Ziel unseres Projektes ist es, die Kommunen zu vernetzen.

Wie muss Integrationspolitik zukünftig aussehen, um erfolgreich zu sein?

Wir müssen anerkennen, dass ethnische Segregation in den Städten bereits vorhanden ist. Von den Kommunen bis zum Bund muss eine umfassende Integrationsstrategie verfolgt werden, in deren Mittelpunkt Bildung und Arbeit stehen müssen.

Christoph Kulenkampff ist geschäftsführender Vorstand der Schader-Stiftung.

Das Gespräch führte A. von Heydebreck.

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