Zeitung Heute : „Wir brauchen Vorbilder im Lehrerzimmer“

Mehr Migranten werden Lehrer: Im Juni findet der erste Schülercampus in Berlin statt

Christine Boldt
Mehr Migranten werden Lehrer – aber wie? Der Schülercampus, der nach Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Bremen nun auch in Berlin stattfindet, will Oberstufenschülern mit Migrationshintergrund vier Tage lang Lust auf den Lehrerberuf machen. Foto: Frederika Hoffmann
Mehr Migranten werden Lehrer – aber wie? Der Schülercampus, der nach Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und...

Als Mengü Özhan 1992 anfing, an der Freien Universität Biologie und Chemie auf Lehramt zu studieren, war sie in ihrem Semester eine der wenigen Studierenden mit Migrationshintergrund. Eine Frau, die Naturwissenschaften studiert und aus einer Einwandererfamilie stammt, war auch in den neunziger Jahren in Berlin noch etwas Außergewöhnliches. Später, als Studienrätin an einer Kreuzberger und einer Tempelhofer Schule, machte sie ähnliche Erfahrungen: Die Tochter türkischer Einwanderer blieb in dem deutschen Lehrerkollegium die Ausnahme.

Bis heute hat sich an dieser grundsätzlichen Situation wenig geändert. Zwar gibt es immer mehr Schülerinnen und Schüler aus Migrantenfamilien – an Berlins öffentlichen Schulen lag der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit nichtdeutscher Herkunftssprache im Schuljahr 2009/2010 bei mehr als 32 Prozent. In den Lehrerzimmern spiegelt sich dies jedoch kaum wider: Bundesweit wird der Anteil der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund auf nur sechs Prozent geschätzt. Das soll sich nun ändern: Um mehr Schüler mit Migrationshintergrund für den Lehrerberuf zu interessieren, hat die Hamburger Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius vor drei Jahren den „Schülercampus“ initiiert. „Viel zu selten entscheiden sich Abiturienten aus Zuwandererfamilien für den Lehrerberuf. Hier wollen wir unterstützen. Deutschland braucht Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund: als engagierte Pädagogen, gute Vorbilder und verständnisvolle Vertraute“, erläutert Tatiana Matthiesen von der Zeit-Stiftung. Nach Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Bremen findet vom 16. bis 19. Juni zum ersten Mal ein Berliner Schülercampus statt.

Vier Tage lang nehmen 30 ausgewählte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund der Klassen 10 bis 12 beziehungsweise 13 an einem Intensivseminar teil – und wechseln sozusagen auf die andere Seite des Klassenzimmers. „Die Schüler, die sich vorstellen könnten, später einmal einen lehramtsbezogenen Studiengang aufzunehmen, lernen Professorinnen und Professoren an den Universitäten kennen, sprechen mit Studierenden, mit Seminarleitern und Lehrkräften“, sagt Diemut Ophardt, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung an der Freien Universität. Hier wird der Berliner Schülercampus federführend betreut.

Neben Hospitationen an sechs ausgewählten Neuköllner Schulen haben die Schüler die Möglichkeit, Einzelberatungen zu erhalten. Angeboten werden außerdem Vorträge zu Karriereperspektiven für Lehrer sowie Informationen zu Bewerbung, Bafög und Stipendien. Besonderes Augenmerk werde auf die Simulation praktischer Situationen gelegt, sagt Diemut Ophardt: „In Rollenspielen können sich die Schüler als Lehrer üben und so herausfinden, ob sie für den Beruf geeignet wären.“

Dass das Angebot sich an motivierte Schüler mit Migrationshintergrund richtet, soll neben dem konzentrierten Programm und der individuellen Betreuung auch die besondere Unterbringung der Gruppe zeigen: Die Schüler wohnen während der viertägigen Veranstaltung im Wannsee-Forum, der von 1906 bis 1908 erbauten ehemaligen Bankiersvilla Jörger im Südwesten Berlins. Den Schülern solle vermittelt werden, dass ihre Orientierung auf das Lehramtsstudium ein gesellschaftlich wichtiges Anliegen sei, sagt Tatiana Matthiesen. Der festliche Auftakt, mit dem der Schülercampus am 16. Juni im Beisein prominenter Politiker eröffnet wird, unterstreicht das ebenfalls.

An dem Berliner Schülercampus wirken die Freie Universität und die Humboldt-Universität als Partner mit. Anders als bei den Veranstaltungen in den anderen Bundesländern waren in Berlin die beiden Hochschulen von Anfang an konzeptionell eingebunden. An beiden Universitäten finden während des Schülercampus Veranstaltungen statt: Während die Schüler an der Humboldt-Universität mit dem dortigen geisteswissenschaftlichen Angebot vertraut gemacht werden, öffnet die Freie Universität ihre Schülerlabore und stellt ihr naturwissenschaftliches Angebot vor.

Weitere Partner der Zeit-Stiftung, die das Format Schülercampus entwickelt hat, sind die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. Sie hat schon den Schülercampus in Nordrhein-Westfalen unterstützt und betreibt seit 2009 das Stipendienprogramm „Horizonte“ für angehende Lehrkräfte mit Migratonshintergrund. Beide Initiativen – der Schülercampus und „Horizonte“ – ergänzten sich, sagt Katharina Lezius, Leiterin der Stipendienprogramme der Hertie-Stiftung: „Die Erfahrung in Nordrhein-Westfalen zeigt, dass der Schülercampus in einer Altersklasse für den Lehrerberuf wirbt, die für das Horizonte-Programm sehr wertvoll ist. Mit Horizonte wiederum bieten wir angehenden Lehrkräften eine Perspektive auf nachhaltige Förderung in Studium oder Referendariat.“

Projektträger des Schülercampus ist das Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund, das die zuständige Senatsverwaltung als Initiatorin im September vergangen Jahres gegründet hat: „Lehrer mit Migrationshintergrund werden dringend gebraucht“, sagt Claudia Zinke, Staatssekretärin für Bildung, Jugend und Familie: „Als Mittler zwischen dem nichtdeutschen Elternhaus und der Schule, zwischen den Welten und Kulturen.“ Die ehrenamtlich engagierten Mitglieder des Netzwerkes, das an der Freien Universität angesiedelt ist, haben alle einen Migrationshintergrund – und damit Vorbildfunktion. Den Schülercampus gestalten sie aktiv mit. Als Koordinatorin des Netzwerkes konnte Mengü Özhan gewonnen werden. Schließlich kennt sie beide Seiten: das multikulturelle Klassenzimmer aus Sicht der Schülerin und das deutlich weniger multikulturelle Lehrerzimmer aus ihrer zehnjährigen Arbeit an Berliner Schulen.

Die Idee des Schülercampus fruchtet. Das belegen Erfahrungen und Zahlen aus den anderen Bundesländern. Bisher haben zwischen 2008 und 2010 insgesamt 146 Schüler in fünf Jahrgängen teilgenommen: Von 121 ehemaligen Teilnehmern studieren inzwischen 90, 73 von ihnen auf Lehramt. Das ist eine Erfolgsquote von 81 Prozent. Die Schüler beeindrucke neben den ausführlichen Informationen die gute Planung und das Gefühl, „gebraucht zu werden“, sagen die Veranstalter.

„Die Einrichtung des Schülercampus ist großartig“, sagt die heute 42-jährige Mengü Özhan. „Vieles wäre für mich leichter gewesen, hätte es so etwas schon zu meiner Schulzeit gegeben.“ Dabei hatte sie familiäre Unterstützung und Vorbilder in ihren Eltern: „Beide sind Lehrer, sie haben in der Türkei und in Deutschland studiert und gearbeitet.“ Dass sie ihre Tochter auch in einem anderen Beruf gern gesehen hätten – Ärztin oder Musikerin etwa – habe mit dem eher geringen gesellschaftlichen Ansehen zu tun, das Lehrer in Deutschland genössen. Ganz anders als etwa in der Türkei: Dort gelte der Beruf als „heilig“, sagt Mengü Özhan. „Lehrer werden als zweite Mütter und Väter angesehen.“

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