Zeitung Heute : „Wir bringen einen Computer nicht zum Schwitzen“

Der Tagesspiegel

Was verstehen Sie als Wissenschaftler unter Intelligenz, Herr Professor Burkhard?

Alles, was uns hilft, uns in unserem Leben zurecht zu finden. Damit meine ich nicht die Fähigkeit 20 Sprachen zu sprechen. Die schwierigen Dinge sind oft die, die uns einfach erscheinen. Beispielsweise dass ich mich in einem Raum zurecht finden kann, dass ich über die Straße gehen kann, dass ich das Leben organisieren kann. Das erfordert unheimlich viel Intelligenz.

Sie befassen sich ja nun gerade mit nicht-natürlicher Intelligenz...

Künstliche Intelligenz ist das Bestreben, Maschinen Fähigkeiten zu geben, die von den Menschen ausgehend als intelligent gelten. Dazu müssen wir verstehen, wie Intelligenz funktioniert. Dann versuchen wir es nachzubauen.

Das funktioniert mit motorischen Fähigkeiten, aber lassen sich Emotionen "nachbauen"?

Für mich ist Emotion eine Teilfähigkeit sich mit der Umwelt auseinander zu setzen. Darum halte ich Emotionen auch für ein sehr vernünftiges System. Nicht, weil es von der Vernunft gesteuert ist. In der Regel führt uns unser Gefühl in den meisten Dingen in die richtige Richtung. Und das wenigste ist uns davon bewusst. Wenn ich jetzt intelligente Systeme baue, muss ich sehen, inwieweit ich solche Phänomene - wie zum Beispiel Angst - mit einbeziehen kann. Aber ich werde natürlich den Rechner nicht dazu bringen, dass er schwitzt. Ich kann in solchen Situationen jedoch die Energieversorgung verändern und alle Energie in die Beine eines Roboters lenken, damit er besser wegrennen kann. Und im Rechner kann ich diesen Zustand dann wieder Angst nennen.

Bisher sind die Fähigkeiten von Robotern eher bescheiden. Worin liegen die Schwierigkeiten im Nachbau?

Der Mensch löst komplexe Aufgaben. Wir merken oft erst, wie komplex sie sind, wenn wir sie nachzubauen versuchen. Sie sitzen hier in einem Raum und sehen Stühle, Tische und Computer. Aber in Wirklichkeit sehen sie das gar nicht, sondern nur ein Stück vom Stuhl und vom Bildschirm nur die Rückseite, aber sie wissen, wie er von vorn auszusehen hat. Wir haben so viel Wissen über Dinge. Wenn ich plötzliche ein System bauen soll, was so reagiert wie ich, dann muss es diese Dinge auch alle "wissen". Das ist unheimlich schwierig.

Warum haben Sie begonnen den Roboterhunden Fußball spielen "beizubringen"?

Die Hunde, wir nennen sie Roboter, sind von der Firma Sony mit viel Technik ausgestattet. Und wir durften sie etwas umprogrammieren. Beim Schach gibt es 32 Figuren, man hat immer den genauen Überblick über das Spielfeld und Zeit zum Nachdenken. Beim Fuß ball sehe ich nicht, was hinter mir ist, ich weiß nicht genau, wo oder zu wem der Ball vorn hinkullert. Manchmal sieht man auch gar nichts, weil der Ball verdeckt ist. Die Information ist ungenau und unvollständig. Und beim Fußball geht alles ganz schnell. Der Roboter muss einschätzen können, ob er in der Lage ist den Ball zu erreichen. Wenn ja, ist es sinnvoll, dass er es tut. Wenn er hinläuft, muss er zusehen, dass seine Beine genau das tun, was ihnen gesagt wird.

Die Roboter sind recht berühmt geworden.

Wir wollen, dass die Leute sehen, was da passiert. Roboter werden in Fabriken eingesetzt, sie werden uns Arbeiten, auch gefährliche, abnehmen. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen ungefähr ein Gefühl dafür bekommen, wie sie mit diesen Dingen umgehen sollen.

Trotzdem haben viele Menschen Angst, die Computer könnten eines Tages den Menschen ersetzen.

Es ist nicht sinnvoll Systeme zu bauen, die Menschen ersetzen sollen. Sinnvoller sind Systeme, die Menschen assistieren. Selbstständig sollen sie nur in Einzelaspekten sein.

Wenn ich mir einen Regierungscomputer vorstelle, der optimal regiert und unbestechlich ist, hat das auch seinen Reiz. Ich habe natürlich Zweifel, dass man das programmieren könnte. Wir stellen uns die ideale Welt vor, aber beim Regieren gibt es zu viele widersprüchliche Interessen und das Ergebnis von Politik ist eben nicht immer ideal. Oft wissen wir gar nicht, was wir wollen. In dieser Hinsicht wird uns die Beschäftigung mit Künstlicher Intelligenz noch sehr viel klüger werden lassen.

In einem Ihrer Projekte arbeiten Sie mit der Charité zusammen. Worum geht es?

Im Wesentlichen um künstliche Agenten. Das sind Einheiten, die selbstständig und intelligent handeln. Sechzig Prozent der Arbeit in einem Krankenhaus bestehen darin Information zu erzeugen, abzulegen, wieder zu finden und sie zusammenzufü gen. Oft ist es aber immer noch so, dass die Krankenschwester Daten von einem Bildschirm in den nächsten eintippen muss. Diese zusammenzufassen ist nicht einfach. Nehmen Sie das Datum: Der eine Computer meint das Geburtsdatum, der andere das Operationsdatum. Schiebt man das von einem auf den anderen Computer, sind die Patienten plötzlich alle ein halbes Jahr alt. Wir entwickeln zur Lösung dieses Problems „Agenten“. Sie müssen in der Lage sein, Daten zusammenzufü hren, ohne jedes Mal nachzufragen.

Seit zehn Jahren arbeiten Sie an der Humboldt-Universität an der Erforschung künstlicher Intelligenz. Was würden Sie als Ihren größten Erfolg bezeichnen?

Wir haben eine Gruppe aufgebaut, der es Spaß macht neue Erkenntnisse zu gewinnen, aber auch mit Studierenden zusammenzuarbeiten - das echte Humboldtsche Ideal von der Einheit von Forschung und Lehre. Für mich ist es das Interessanteste, mit jungen Leuten zu arbeiten, die auch neue Ideen haben und denen es nicht nur wichtig ist, möglichst schnellst möglichst viel Geld zu verdienen. Den Raum und die Möglichkeiten für diese Ideen können wir ihnen in unserem Projekt bieten.

Mit Professor Burkhard, Institut für Informatik der HU, sprach Sven Oliver Lohmann

www.informatik.hu-berlin.de/Institut/struktur/ki

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