Zeitung Heute : Wir da unten

Erika Wagner weiß, was Abstieg ist. Sie hat studiert und gearbeitet, dann wurde sie krank. Jetzt ist sie ein Fall für Hartz IV

Dagmar Rosenfeld

Sie ist eine von 2,1 Millionen. Eine von 2,1 Millionen Menschen in Deutschland, die zu spüren bekommen, was es bedeutet, wenn ein Land versucht, sein soziales System neu zu erfinden. Eine von 2,1 Millionen, von denen mehr verlangt wird und die dafür meist weniger bekommen. Und eine von 2,1 Millionen, vor deren Wut Kirchen und Gewerkschaften warnen, ja sogar Randale prophezeien. Erika Wagner* ist 42, studierte Pädagogin und Psychologin. Seit zweieinhalb Jahren hat sie keine Arbeit; ist eine Langzeitarbeitslose; eine, die bald das Arbeitslosengeld II bekommen wird. Eine von 2,1 Millionen.

Erika Wagner spricht leise, reiht die Sätze bedächtig aneinander. Manchmal stoppt sie mittendrin. Dann senkt sie ihren Blick, fixiert den untersten Knopf auf ihrer beigen Leinenweste, so als würden dort die richtigen Worte stehen. Ob sie sich das braune Haar aus dem Gesicht streicht oder in ihrem Kaffee rührt, alles an ihr wirkt behutsam, fast schon vorsichtig. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass eine wie Erika Wagner demnächst die Arbeitsagentur stürmen soll. Sie lächelt.

„Es sind doch nicht wir, vor denen die anderen Angst haben“, sagt sie. „Wir“, das sind für Erika Wagner die, die keine Arbeit haben. Und die anderen, die mit der Angst, das sind wir, die Erwerbstätigen mit einem festen Arbeitsverhältnis. Erika Wagner und wir stehen auf verschiedenen Seiten. Arbeit oder keine Arbeit – dazwischen verläuft die Trennlinie, es ist das, was uns unterscheidet. Jedenfalls ist das bisher so gewesen.

Es ist das Leben auf Erika Wagners Seite, das sich bald grundlegend ändern wird: mehr Druck, mehr Verzicht. Aber die Panik bricht auf unserer Seite aus, auf der Seite wo wir, die Berufstätigen, leben. Wir, die eine Arbeitsstelle besitzen und morgens, wenn wir aufwachen, wissen, dass wir etwas zu tun haben. Die einen von uns nennen es Karriere machen, Leistung bringen, die anderen Maloche oder Schufterei. Egal, wie wir unsere Arbeit auch bezeichnen – wir haben eine Aufgabe, etwas, woran wir unseren Selbstwert messen können. Und die meisten von uns bekommen jeden Monat einen auskömmlichen Betrag auf das Konto überwiesen.

Dennoch sind es vor allem wir, die seit Wochen erschrocken darüber debattieren, was auf der Seite der anderen, der ohne Arbeit, passieren soll. Aufgewühlt fragen wir uns, ob Hartz IV in die Armut führen wird, und empören uns über Kindersparbücher, die geplündert werden sollen. Ganz offenbar sind es vor allem wir, die Angst haben. Davor vielleicht, bald auch auf der anderen Seite zu stehen. Davor, dass die Arbeitslosigkeit auch uns treffen kann. Und davor, was uns dann zugemutet werden soll.

Erika Wagner war auch mal eine von unserer Seite. 4500 Mark, dann 450 Mark plus Miet- und Heizkosten, dann 2000 Mark, dann 1300 Mark, 2100 Mark, dann 725 Euro, 585 Euro. Das ist Erika Wagners Berufsleben in Zahlen. Traumjob, dann Sozialhilfe und Wiedereingliederungsmaßnahme, befristete Halbtagsstelle, Arbeitslosengeld, ABM, Arbeitslosengeld, schließlich Arbeitslosenhilfe. Das sind die Worte hinter den Zahlen. Sie erzählen von dem Versuch wieder hereinzukommen in die Welt der Arbeitenden.

Erika Wagner ist ehrgeizig: Doppelstudium, Diplom in Pädagogik, Magister in Philosophie, Soziologie und Psychologie. Anschließend Projektleitung in einem Sozialzentrum in München, 15 Leute unter sich, bezahlt nach Bundesangestelltentarif A5, der Traumjob, jene 4500 Mark im Monat. Studium, Festanstellung, Führungsposition mit 29 Jahren – schön, wenn man alles richtig gemacht hat und das Leben nach oben offen ist. Mit 30 ist sie schwanger geworden, ungeplant, von einem Mann, den sie kaum kannte. Karrierepause. Als die Tochter ein halbes Jahr alt ist, will Erika Wagner zurück, will auf eine Halbtagsstelle umsteigen, will da weitermachen, wo sie aufgehört hat. Doch sie wird schwer krank, ihre Lunge funktioniert nicht mehr richtig. Als sie nach sieben Monaten aus dem Krankenhaus kommt, ist sie ein Sozialfall und ihre Tochter lebt bei einer Pflegefamilie. Das ist fast zehn Jahre her.

Seitdem steht Erika auf der anderen Seite und sucht einen Weg zurück. Für die meisten weniger Leistung und mehr Druck für alle, das sind die Wegweiser, die die rot-grüne Regierung nun für die Menschen ohne Arbeit aufstellt. „Niemandem wird es mehr möglich sein, zumutbare Jobs abzulehnen“, hat Wirtschaftsminister Wolfgang Clement gesagt. Seitdem diskutieren wir darüber, was zumutbar ist. Wir stellen uns vor, wie ein arbeitsloser Abteilungsleiter künftig Parkanlagen kehren muss, oder denken an einen Unternehmensberater, der im Altenheim aushilft – und sind schier entsetzt darüber. Wie entsetzt aber muss dann erst Erika Wagner sein. Sie, die studierte Pädagogin und Psychologin, ist schließlich eine von denen, die künftig gezwungen sein werden, jede angebotene Arbeit auch anzunehmen. „Eitelkeit können wir uns doch längst nicht mehr leisten“, sagt Erika Wagner. Sie sagt das sachlich, ganz ohne Ironie oder Bitterkeit.

Erika Wagner hat Kaffee auf Messen in Nürnberg gekocht, Briefe eingetütet, an einem Imbissstand ausgeholfen. Sie hat auch bessere Arbeit gehabt, zum Beispiel eine Stelle als Beraterin beim deutschen Hausfrauenbund, befristet auf ein Jahr. Dafür ist sie jeden Morgen von Nürnberg nach Erlangen gefahren, eine Stunde hin, abends eine Stunde zurück. Hat für Tochter Lena* einen Hortplatz gesucht. 450 Mark im Monat hat der gekostet, ein Viertel ihres Bruttogehalts. Was also ist zumutbar? „Arbeit zu haben, ist ein Privileg“, ist Erika Wagners Antwort darauf. Offenbar sind es wir, die Privilegierten, wie Erika Wagner uns nennt, die es sich überhaupt noch leisten können, die Frage nach der Zumutbarkeit zu stellen.

585 Euro Arbeitslosenhilfe bekommt Erika Wagner im Monat, plus 349 Euro Kindergeld und Unterhalt. 136 Euro verdient sie sich mit einem Nebenjob als Hausaufgabenbetreuerin in einem Nürnberger Gymnasium dazu. Nach Abzug von 450 Euro Miete (60 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad), Heizung, Strom, Telefon, Fernsehgebühren und Schülerticket für Lena, bleiben den beiden noch 460 Euro zum Leben. Das ist nicht viel, aber auch nicht zu wenig. Jedenfalls nicht, wenn man so lebt, wie Erika Wagner es tut. Lebensmittel kauft sie grundsätzlich im Discounter, Kleidung immer in Second-Hand-Geschäften. Manchmal wird es trotzdem eng, wie vor vier Monaten zum Beispiel, als Lena auf Klassenfahrt gegangen ist – 140 Euro für eine Woche Schullandheim im Bayerischen Wald. Oder wie vor drei Wochen, als der Zahnarzt Erika Wagner zwei Zähne versiegelt hat – 53 Euro 20, für die die Krankenkasse nicht aufkommt. In solchen Monaten verzichtet Erika Wagner dann auf das, was sie „den einzigen Luxus nennt, den ich mir leiste“. Auf neue Bücher. Zuletzt hat sie sich „Kafka am Strand“ von Haruki Murakami gekauft. Gebunden, das macht sie sonst eigentlich nie. Normalerweise wartet sie, bis die Taschenbuchfassung erscheint.

Vor drei Tagen hat Erika Wagner Post von der Arbeitsagentur bekommen. Einen dicken Umschlag. Das Antragsformular für das Arbeitslosengeld II, 16 Seiten, über die sich sogar schon der Bundesdatenschutzbeauftragte ausgelassen hat, weil er findet, dass sie rechtlich fragwürdig sind. 16 Seiten, auf denen Erika Wagner ihr Leben offen legen muss, wie sie wohnt, wie sie versichert ist, was für ein Auto sie hat oder ob sie wertvollen Schmuck besitzt. „Als ehemalige Sozialhilfeempfängerin kenne ich das schon, da musste ich auch so einen Antrag ausfüllen“, sagt sie und sie zuckt mit den Schultern. Das sei zwar nicht sonderlich angenehm, aber „es ist doch verständlich, dass die Behörde wissen muss, was ich habe, um feststellen zu können, was ich brauche“, sagt sie. „Letztlich ist das Arbeitslosengeld II doch nichts anderes als Sozialhilfe.“

Vielleicht ist es genau das, was diese fast schon hysterische Debatte um die Hartz-Reform erklärt. Jeder dritte Deutsche, das haben zwei Studien in den vergangenen Woche ergeben, glaubt, dass sein Arbeitsplatz gefährdet ist. Und nun kommt zu der Angst vor der Arbeitslosigkeit noch die Furcht vor dem gesellschaftlichen Abstieg. Die Angst davor, bald vielleicht nicht nur ein Arbeitsloser zu sein, sondern ein arbeitsloser Sozialhilfeempfänger. „Für deutsche Verhältnisse ist man damit wohl im untersten sozialen Level angekommen“, sagt Erika Wagner.

Wie aber wird es sein im Januar 2005, wenn Erika Wagner und ihre Tochter zu einer Bedarfsgemeinschaft werden und zum ersten Mal das Arbeitslosengeld II bekommen? Wie viel Geld Erika Wagner und ihre Tochter brauchen, hat der Staat festgelegt. Mit Miete und Heizkosten sind das ungefähr 1100 Euro. Darauf wird nun ein Teil des Geldes, das Erika Wagner mit der Hausaufgabenbetreuung verdient, angerechnet. Ebenso wie das Kindergeld und der Unterhalt. Unterm Strich wird Erika im kommenden Jahr voraussichtlich sogar mehr Geld zur Verfügung haben, und zwar rund 100 Euro. Finanziell also wird es ihr nicht schlechter, sondern besser gehen.

Offensichtlich gibt es also auch Gewinner bei der Hartz-Reform, Alleinerziehende wie Erika Wagner zum Beispiel. Aber ist Erika Wagner wirklich eine Gewinnerin, weil sie ab 2005 mehr Geld haben wird? „Eine berufliche Perspektive werde ich mir auch davon nicht kaufen können“, sagt sie. Es ist die Zuversicht, die ihr fehlt und die ihr auch die Hartz-Reform nicht wiederbringt. Und das ist es wohl, was unsere beiden Seiten verbindet – die fehlende Zuversicht.

*Namen geändert

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