Zeitung Heute : Wir erinnern uns

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Manche lassen die Vergangenheit ruhen. Anderen lässt sie keine Ruhe. Gut, dass es Gedenktafeln gibt. Sie sind wie Wegweiser durch die Stadtgeschichte. Man muss sie nur sehen. Der Herr Pensionär und die Frau Rentnerin sehen mehr, seit sie nicht mehr alle Tage in Hast und Eile sind, und sie machen mit Besuch von auswärts gern Abstecher zu solchen Gedächtnisstützen. Erst neulich entdeckten wir eine Berliner Gedenktafel aus weißem KPM-Porzellan am Haus Quermatenweg 178 in Zehlendorf. Hier lebte die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz 40 Jahre bis zu ihrem Tod 1986. Bisher fiel mir im Quermatenweg allein der CDU-Politiker Peter Lorenz ein, der dort 1975 von Terroristen entführt wurde und wenige Tage später wieder freikam.

Beim Spaziergang am Schlachtensee mit Gästen muss natürlich ein kleiner Umweg zum Marinesteig 14 sein, wo Willy Brandt als Regierender Bürgermeister wohnte. Oder zur versteckten Hoiruper Straße, wo Ferdinand Friedensburg zu Hause war, der Bürgermeister neben Louise Schroeder während der Blockade. „Und in so einem kleinen Haus wohnte der große Ernst Reuter?“, staunte ein junger Freund in der Bülowstraße 33 in Zehlendorf. Gedenktafeln bieten halt allerhand Gesprächsstoff. Doch warum dieses leise belustigte Lächeln meiner alten Berliner Freundin, die seit 40 Jahren Amerikanerin ist, als wir vor der Villa des Reichsaußenministers Walther Rathenau in der Koenigsallee, Grunewald, standen? Ach, wir hatten ihr das Haus und die Stelle in der Nähe, an der er 1922 ermordet wurde, schon öfter gezeigt. So ist das mit einer Passion.

Wie viel erinnert erst in der Innenstadt an große Namen. Sind wir am Brandenburger Tor, zieht es uns auch zum Schadow-Haus in der Schadowstraße, dem Schöpfer der Quadriga zu Ehren. In der Wilhelmstraße muss man einfach vor dem Haus halten, in dem Konrad Adenauer wohnte, wenn er als Präsident des Preußischen Staatsrats (vormals Preußisches Herrenhaus, heute Bundesrat) in Berlin zu tun hatte. Bis 1934 hing am alten Herrenhaus eine Gedenktafel für Felix Mendelssohn Bartholdy, denn dort, in der Leipziger Straße 3, stand zuvor sein Elternhaus. Die Nazis entfernten sie wegen der jüdischen Wurzeln des Komponisten. Ich finde, es kann nicht genug Gedächtnisstützen geben.

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