Zeitung Heute : „Wir erleben eine neue Phase der Bedrohung“

Terrorismus-Experte Tophoven: Al Qaida ist keinesfalls am Ende

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Nach den Anschlägen von Bali warnt das BKA nun vor einer erhöhten Gefahr islamistischer Terrorakte in Deutschland. Worauf müssen wir uns einstellen?

Alle Sicherheitsbehörden gehen von einer erhöhten Gefährdung aus. Das hat zwei Gründe: Zum einen sind Osama bin Laden und sein Stellvertreter Aiman alSawahiri offenkundig am Leben und wieder aktiv. Das haben die Videobotschaften gezeigt. Die militante Islamisten-Szene weiß jetzt, dass die Führung noch da ist. Die Kommandos fühlen sich durch deren Rückkehr sicherlich bestärkt, ihre Ziele anzugreifen. Zum anderen gibt es bei den Anschlägen der letzten Zeit eine Kontinuität. Djerba war der erste Terrorakt nach der Vernichtung der Basen in Afghanistan. Dann kam der Anschlag auf den Öltanker in Aden und darauf Bali.

Kommt Deutschland als Ziel in Frage?

Wenn man eine Rangfolge terroristischer Ziele aufstellen will, stehen Amerika und Israel weiter ganz oben. Dann folgen jüdische Einrichtungen und pro-westlich eingestellte arabische Staaten wie Tunesien. Deutschland hatte bisher nicht höchste Priorität. Gleichwohl zählen wir nicht zu den Freunden der Islamisten. Daher ist Deutschland auch im Blickfeld der Terroristen. Das haben die angedeuteten Drohungen von Sawahiri Anfang Oktober deutlich gemacht.

Sind wir vom Ruheraum der Terroristen zum Operationsraum geworden?

Was wir bisher über die Hamburger Islamisten-Zelle von Mohammed Atta wissen, zeigt uns: Deutschland ist schon länger Planungs- und Vorbereitungsraum für Terroristen. Hier gibt es Männer, die fähig und bereit sind, Anschläge vorzubereiten. Ob sich diese Pläne auf Deutschland beziehen, das weiß man nicht. Deshalb haben die Sicherheitsbehörden ja auch einen „Fahndungsdruck“ aufgebaut, der Wirkung zeigt. Denken Sie an die Al Thawid-Gruppe, die verdächtigt wird, Al-Qaida-Mitgliedern zur Flucht aus Afghanistan verholfen zu haben und die vor kurzem festgenommen wurde. Das ist ein Signal an die hier noch nicht entdeckten islamistischen Zellen: Wir machen Druck auf euch!

Dennoch hat man den Eindruck, die Ermittlungsbehörden tappen im Dunkeln. Warum ist es so schwer, Islamisten zu bekämpfen?

Das hängt auch mit dem neuen Profil islamistischer Attentäter zusammen. Die hier lebenden Terroristen sind gut getarnt. Sie haben sich wie Atta mit einer Scheinlegalität umgeben. Der hatte ja eine Aufenthaltsgenehmigung, galt als fleißiger, unauffälliger Student. Hinzu kommt, dass den Terroristen ihr Basislager in Afghanistan verloren gegangen ist. Sie sind jetzt weltweit verstreut. Auch das erschwert die Fahndung nach ihnen. Und keiner sollte glauben, Al Qaida sei am Ende. Das Gegenteil ist der Fall. Und die in Afghanistan geschulten Kader brauchen keine Macht wie die Taliban im Hintergrund, um aktiv zu werden. Sie wissen, was sie zu tun haben.

Ist nur die westliche Kultur der Feind?

Nicht nur. Es geht auch darum, unsere Wirtschaft zu schädigen. Der Anschlag auf den Öltanker in Jemen ist für mich ein deutlicher Hinweis darauf. Dieser Angriff sollte gezielt die Wirtschaftsverbindungen der westlichen Welt treffen. Nach Vorstellung der Islamisten kommt das Öl von Allah und gehört ihnen und nicht den westlichen Kapitalisten. Das ist eine neue Phase der Bedrohung.

Das Gespräch führte Christian Böhme .

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