Zeitung Heute : Wir gehen aus

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Illustration: Imke Trostbach

Früher bin ich zwischen Hamburg und Berlin gependelt, der Fernbeziehungs-Klassiker. Freitagabends und montagmorgens saß ich im Auto oder im Zug, im Gepäck Puder, Wimperntusche, Hosen, Röcke, Pullis für eine Woche. Um meine Tasche zu packen, brauchte ich eine Viertelstunde, und ich vergaß nie etwas. Ich führte zwei Leben in zwei Städten, einer schnellen und einer langsamen, einer schön gefährlichen und einer gefährlich schönen, und bevor es mir in einer der beiden langweilig werden konnte, war ich schon wieder weg. Ich gehörte zur Hamburg-Berlin-Community und kannte die Gesichter der anderen Hamburg-Berlin-Reisenden. Wir verstanden einander ohne Worte. Menschen, die ihre Reisen ewig im Voraus planten, waren mir suspekt, und für Paare, die eine Einladung nach Hamburg mit dem Seufzer „ach, die Kinder“ ablehnten, hatte ich nur Verachtung übrig. Wenn ich mal ein Kind haben würde, sagte ich mir, würde ich ihm die Welt zeigen.

Um einem knapp Einjährigen die Welt zu zeigen, braucht man einen Siebeneinhalbtonner, denn so ein Kind muss mehr Klamotten mitnehmen als Jennifer Lopez, wenn sie auf Tournee geht. Wir haben nur einen Kombi, und auf die vermessene Idee, Noah die ganze Welt zu zeigen, würden wir nie kommen. Aber Köln, das müsste zu schaffen sein, sagten wir uns, als die Einladung unserer Freunde kam. Wir hatten die Hoffnung auf Resozialisierung noch immer nicht aufgegeben und jubelten: Wir gehen zu einer Party! Gut, genau genommen war es ein Hochzeitsfest, zu dem wir eingeladen waren, aber wir sind jetzt wohl in einem Lebensalter, in dem eine Hochzeit als Party durchgeht.

Wir packten also unsere Koffer: Grieß- und Haferbrei (milchfrei), Fertigmilch für allergiegefährdete Kinder, Karotte-Kartoffel-Rind im Gläschen (plus Ersatzgläschen, falls eines runterfällt), diverse Sorten püriertes und frisches Obst (was sich im Fall der frischen Bio-Bananen rächen sollte; am Ende klebten sie auf den Grieß- und Haferbreipackungen und an der Heckklappe des Kombis), Windeln, Spucktücher, zwei Pyjamas, vier Bodys, Schnuller, Spielzeug, Teddy, Spieluhr… Dass ich meinen Puder und die Wimperntusche vergaß, hätte mich früher in Verzweiflung gestürzt. Diesmal habe ich es kaum bemerkt.

Die Vorstellung, dass wir unserem Kind irgendetwas zeigen würden, und sei es auch nur eine hässliche Stadt am Rhein, war ein Irrtum. In Wirklichkeit nämlich ist es umgekehrt. Seit seiner Geburt zeigt uns unser Kind die Welt, genauer gesagt eine Parallelwelt, die wir zuvor nicht wahrgenommen haben. Wir wissen inzwischen, auf welchen Autobahnraststätten es die besten Wickelräume gibt und wo die Spielecken mit einem weichen Gummibelag gefliest sind, auf dem Kleinkinder nicht so leicht ausrutschen. Bei der Hochzeit kannten wir innerhalb von fünf Minuten alle übrigen Jungelternpaare. Wir wussten, welches Baby noch mit Darmkoliken kämpft, welches per Kaiserschnitt und welches per Wassergeburt zur Welt gekommen war. Wir waren sofort akzeptierte Mitglieder der Eltern-Community, vielleicht waren wir sogar besonders beliebt, weil wir ein Babyfon dabei hatten, das man im Ruheraum im ersten Stock aufstellen konnte.

Noah schlief, wir hatten etwas vom Büffet abbekommen und ein Kölsch getrunken, das Babyfon ruhte auf dem Tisch zwischen uns. Der DJ drehte auf. Ich dachte: Mensch, man könnte mal wieder tanzen! Da leuchteten am Babyfon alle roten Lämpchen auf. Zum Abschied begleiteten uns die verständnisvollen Blicke der Eltern-Community.

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