• „Wir gehen immer fünf Minuten vor dem Schlusspfiff, so sind wir pünktlich zu den Nationalhymnen beim nächsten Spiel“

Zeitung Heute : „Wir gehen immer fünf Minuten vor dem Schlusspfiff, so sind wir pünktlich zu den Nationalhymnen beim nächsten Spiel“

Franz Beckenbauer will mit der Hilfe moderner Luftfahrttechnik 48 von 64 WM-Spielen live sehen. Joseph Blatter schafft wahrscheinlich nur 34 Spiele – er hat eben keinen Helikop ter, der vor den Stadien landen darf. Damit ist der Fifa-Chef ein Opfer seines eigenen Regelwerks geworden.

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Als der Anpfiff naht, richten sich die Blicke in den Himmel. Ein zweimotoriger Helikopter lärmt heran und landet am Stadion. Jetzt wissen auch die Fans, die nicht auf der Ehrentribüne sitzen: Franz Beckenbauer ist unter ihnen.

Per Hubschrauber reist der WM-Organisationschef von Spiel zu Spiel. Am Samstag etwa schwebte er um 15 Uhr in Frankfurt am Main ein, um 18 Uhr in Dortmund, um 21 Uhr in Hamburg. „Wir gehen immer fünf Minuten vor dem Schlusspfiff, dann schaffen wir es gerade noch zu den Nationalhymnen beim nächsten Spiel“, erzählt Beckenbauers Assistent Marcus Höfl. Auch am Sonntag flogen die beiden, wie immer begleitet von Berater Fedor Radmann, alle drei Vorrundenspiele an.

64 Partien gibt es insgesamt. Nicht weniger als 48 will Beckenbauer live erleben, ab dem Achtelfinale verpasst er nichts mehr. „Wir werden in jeder Stadt zweimal gewesen sein und jede Mannschaft mindestens einmal gesehen haben“, sagt Höfl. Schließlich will Beckenbauer die Delegationsleiter aller Teams persönlich in Deutschland begrüßen und ihnen eine Glasskulptur – ein Ball mit dem Slogan „Germany 2006“ – überreichen. Die kleine Zeremonie findet in den Halbzeitpausen statt, denn beim Abpfiff ist Beckenbauer meist schon wieder entschwunden.

Fifa-Präsident Joseph Blatter kann da nur neidisch werden. „Ich habe nicht mal einen Hubschrauber bei der WM“, sagte er, als er beim Fifa-Kongress in München auf seine angeblichen Privilegien in Deutschland angesprochen wurde. Blatters Statussymbol ist ein kleines Privatflugzeug, mit dem er ab Berlin zu den Spielen startet. Da aber von hier aus die Distanzen zu vielen Stadien größer sind als von Beckenbauers Destination Frankfurt am Main, schafft Blatter nur zwei Spiele an einem Tag. Außerdem kann er nicht direkt vor den Arenen landen wie Beckenbauer, der diesen Vorteil ironischerweise dem Pflichtenheft der Fifa für die Stadien zu verdanken hat. Unter Punkt 6.6 heißt es dort: „In unmittelbarer Nähe des Stadions ist ein Hubschrauberlandeplatz einzurichten.“ Jeder Stadionbetreiber musste zudem die „Distanz Hubschrauberlandeplatz zum VIP-Eingang“ angeben.

Bislang plant Blatter den Besuch von 34 Spielen, heißt es in Fifa-Kreisen. „Unser Ziel ist es, jede Mannschaft einmal zu sehen“, sagt Fifa-Kommunikationschef Markus Siegler. Das Flugzeug mit Platz für bis zu acht Personen zahlt der Verband.

Beckenbauers Hubschrauber stellt Sponsor Emirates bereit, eigentlich eine Gesellschaft für Kontinentalflüge. Über die jeweiligen Kosten gibt es natürlich keine Angaben.

Im Fluge vergeht die WM auch für andere. Lennart Johansson, der Chef des europäischen Fußball-Verbandes, reist ebenfalls per Privatflieger. Und für das deutsche Organisationskomitee (OK) stehen nach Angaben von OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach zwei weitere Flugzeuge in Frankfurt am Main bereit. So reisetüchtig wie der 60-jährige Beckenbauer ist allerdings niemand. Sein Assistent Höfl bekennt: „Ich habe manchmal schon das Dröhnen des Helikopters im Ohr, obwohl wir auf dem Boden sind.“ Robert Ide

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