• „Wir Geschäftsleute sind geblendet worden von den Voraussagen der Lokalpolitiker“, sagt Konditor Kiefer Zu Gast bei Enttäuschten

Zeitung Heute : „Wir Geschäftsleute sind geblendet worden von den Voraussagen der Lokalpolitiker“, sagt Konditor Kiefer Zu Gast bei Enttäuschten

Als entschieden wurde, dass die brasilianische Nationalelf ihr WM-Quartier in Königstein im Taunus aufschlagen würde, freuten sich Ladenbesitzer und Kneipiers auf ein Jahrhundertgeschäft, die Bewohner auf Begegnungen mit Ronaldinho in der Fußgängerzone. Nun hinterlassen die Brasilianer enttäuschte Gastgeber.

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Königstein hat sich so schön geschmückt für die Fußballweltmeister aus Brasilien. An der Burgruine hoch oben über der Stadt weht ein Transparent mit der erwartungsfrohen Aufforderung an die prominenten Gäste „Make the Ball happy“. Fast jeder Laden in der Innenstadt der 16 000-Einwohner-Gemeinde hat brasilianische Flaggen im Schaufenster liegen, viele heißen ihre Kunden derzeit mit einem grün- blau-gelben „Bem-venidos“- Spruchband willkommen. Darüber freuen sich indes fast ausschließlich Besucher, die des Portugiesischen nicht mächtig sind.

Statt wie erhofft 6000 bis 10 000 Fußballtouristen täglich haben in den vergangenen acht Tagen gerade einmal 2000 Besucher pro Tag das Fanfest in der Kneipenstraße Königsteins gesäumt. Brasilianer sind nur wenige darunter, was die Geschäfts- treibenden in der Stadt sehr enttäuscht. „Wir Geschäftsleute sind geblendet worden von den Voraussagen der Lokalpolitiker“, sagt Paul Kiefer, der eine Konditorei betreibt und sein Café ebenfalls brasilianisch geschmückt hat.

Auch Petra Bastuck ist in ihrer Boutique erstaunt über die ausgebliebene Besucherschwemme. „Ich habe extra eine schicke, kleine und weltweit einzigartige Fußballtasche gestaltet und 200-mal herstellen lassen“, sagt Bastuck. „Jetzt bin ich schon erstaunt, dass kaum jemand hier in die Stadt kommt.“

Bürgermeister Leonhard Helm äußerte sich dieser Tage ebenfalls missmutig über die Gäste, die sich im Fünf-Sterne-Hotel „Kempinski Falkenstein“ oberhalb der Stadt verschanzt haben. Die Stadt, so der Verwaltungschef, sei enttäuscht von den Brasilianern. Die Superstars hätten sich schon mal werbewirksam in der Stadt sehen lassen können, statt in ihrer Freizeit gen Frankfurt zu verschwinden. Dort haben Ronaldo und einige Kameraden die ein oder andere Nacht durchgetanzt, während in Königstein kein einziges Kadermitglied je gesichtet wurde. So, sagt Helm, benehme man sich nicht als ein Gast, für den Königstein so viel Geld investiert habe. Rund 600 000 Euro hat die wohlhabende, von vielen Einkommensmillionären bewohnte Stadt oberhalb der Bankenmetropole Frankfurt ausgegeben, um sich auf den am Samstag endenden Besuch der Brasilianer vorzubereiten. Statt erhoffter zusätzlicher Steuereinnahmen in ähnlicher Höhe wird die Stadt nun auf 80 Prozent der Ausgaben sitzen bleiben, wenn die Brasilianer zu ihren weiteren Domizilen in den nächsten Vorrunden-Spielorten München und Dortmund weiterziehen. Dennoch will Helm nicht von einem Fehlschlag reden und stimmte am Freitag auf der letzten seiner etwas bizarr anmutenden täglichen WM-Pressekonferenzen versöhnliche Töne an – obwohl sich das brasilianische Team nicht einmal ins Goldene Buch der Taunusgemeinde eingetragen hat. „Wir haben Werbung für unsere Stadt gemacht“, sagt der Bürgermeister. Zudem habe der FC Königstein 1910 künftig den besten Fußballplatz in der Bezirksoberliga. Immerhin.Daniel Meuren

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