Zeitung Heute : Wir-Gesellschaft statt Ich AG

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TRIALOG

Widerstandskräfte gegen notwendige Veränderungen oder Reformen werden in unseren politischen Entscheidungsprozessen vielfach beklagt. Sie können mit Introvertiertheit zusammenhängen. Wer sich nur mit sich selbst beschäftigt, wird eher dazu neigen, Besitzstände zu verteidigen. Introvertiertheit und Ich-Bezogenheit liegen nahe beieinander, und Klagen über soziale Kälte sind da nicht fern.

In diesem Zusammenhang stört mich der Vorschlag einer Ich AG. In dem ganzen Getöse, das die noch gar nicht so richtig autorisierten Vorschläge der Hartz-Kommission ausgelöst haben, ist die Fragwürdigkeit dieses Begriffes untergegangen, der eher mehr als weniger Ich-Bezogenheit zu fördern scheint. Ob der Vorschlag geeignet ist, Schwarzarbeit wirklich zu bekämpfen und wie er sich mit dem von der Regierung durchgesetzten Gesetz gegen die so genannte Scheinselbstständigkeit vereinbaren lässt, mag einmal dahin gestellt bleiben.

Aber Ich AG? Das hat uns gerade noch gefehlt. Der „Spiegel“ titelt in der vergangenen Woche „Der neue Raubtierkapitalismus“: rücksichtlose Ausbeutung privater Aktienanleger, schwindendes Vertrauen in Wirtschaftsprüfer, Anlageberater und Investmentbanker, dramatische Kursverluste, Megapleiten und Arbeitsplatzvernichtung bei gleichzeitiger Vervielfachung der Millioneneinkommen von Vorstandsmitgliedern, die noch nicht einmal in den Bilanzen ausgewiesen werden. Die Exzesse belegen, dass schrankenlose Freiheit immer pervertiert. Das gilt auch für die Shareholder-Value-Philosophie, die in der Steigerung des aktuellen Börsenkurses das alleinige Ziel unternehmerischer Tätigkeit sehen will. Die derzeitige Regierung hat mit ihrer Steuer- und Wettbewerbspolitik das Monopolyspiel von Unternehmensfusionen zusätzlich beschleunigt.

Mit sozialer Marktwirtschaft hat das alles wenig zu tun. Sie setzt auf den untrennbaren Zusammenhang von wirtschaftlicher Effizienz und sozialem Ausgleich, und sie weiß, dass Freiheit Grenzen und Wettbewerb Rahmen und Regeln braucht. Menschlicher Egoismus ist als grundlegende Antriebskraft für wirtschaftliches Wachstum auch nur fruchtbar, wenn er eingebunden bleibt in ein ordnendes Regelwerk und in Verantwortung für das Ganze.

Deshalb: Vergesst die Ich AG! Der Begriff taugt allenfalls zur Satire. Egoismus und Rücksichtslosigkeit haben wir wahrlich genug. Wie wäre es stattdessen mit Wir-Gesellschaft? Was wir brauchen, ist die richtige Balance zwischen individueller Entfaltung und Verantwortung für die Gemeinschaft. Weil kein Mensch für sich allein leben kann, bleibt jeder auf Gemeinschaft angewiesen. Wer das Gegenteil suggeriert – und sei es mit verunglückter Begriffsbildung –, der untergräbt die Sozialverträglichkeit unserer Ordnung.

Unsere Probleme begründen sich nicht zuerst in einem Mangel an materiellen Möglichkeiten. Keine Generation hat wohl jemals über größere verfügt. Und dennoch haben wir zum Beispiel weniger Kinder und größere Schwierigkeiten, sie zu erziehen. Und trotz hoher Sozialausgaben, die die Leistungsfähigkeit der öffentlichen Haushalte wie der Steuer- und Beitragszahler zunehmend erschöpfen, nehmen Armut und Entwurzelung in Teilen der Gesellschaft zu. Deshalb muss menschlicher Egoismus eingebunden bleiben, in Regeln und in Verantwortung. Nur so kann aus Wohlstand auch soziale Gerechtigkeit werden und persönliche Zufriedenheit am Ende auch.

Wolfgang Schäuble ist CDU-Präsidiumsmitglied. Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Antje Vollmer und Richard Schröder.

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