Zeitung Heute : „Wir haben bald weniger als 1000 Studienplätze“

Der Tagesspiegel

Auch die Berliner Berufsakademie (BA) ist in den Strudel der Landespleite geraten: Wie die kleinen Kunsthochschulen auch, muss die Ausbildungsstätte am Ostkreuz rund ein Zehntel ihres Etats sparen. „Im Doppelhaushalt 2002 und 2003 sollen wir rund 410 000 Euro aufbringen“, sagt BA-Direktor Hartmund Barth. „Diese Summe entspricht sieben Stellen.“ Die Vorgabe des Finanzsenators richtet sich nach den tatsächlichen Personalausgaben des vergangenen Jahres. Im Stellenplan der BA sind aber ohnehin noch drei bis vier Professuren unbesetzt, hinzu kommen einige offene Mitarbeiterstellen. Diese Stellen werden automatisch gleich mit gestrichen. „Das sind weitere 298 000 Euro“, rechnet Hartmund Barth vor. „In der Summe verlieren wir also 708 000 Euro."

Doch damit nicht genug: Sollten auch 2004 bis 2006 zehn Prozent wegfallen, haben die Verluste dramatische Folgen: 21 Stellen müssten wegfallen, davon 13 Professuren. „Von den derzeit ausfinanzierten 1355 Studienplätzen bleiben dann nur noch 955 übrig“, sagt der Direktor. „Ob wir dann überhaupt noch lebensfähig sind, bleibt offen.“

Insgesamt 49 Professoren und 24 Mitarbeiter stehen auf der Gehaltsliste der Berufsakademie. Derzeit sind 1450 junge Leute eingeschrieben, die in so genannten dualen Studiengängen wie Wirtschaftsinformatik, Bankwesen, Immobilienwirtschaft oder Handel studieren. In der dualen Ausbildung haben die Studenten einen Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen in der Tasche. Sie werden nach ihrem Abschluss nach sechs Semestern in der Regel auch in das mittlere Management übernommen. Rund 470 Firmen aus der Region und aus dem gesamten Bundesgebiet schicken ihre Nachwuchskräfte an die Berliner BA, die mit 6,24 Millionen Euro aus dem Berliner Landeshaushalt getragen wird. In der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und PDS war noch davon die Rede, die Berufsakademie auf eine privatrechtliche Grundlage zu stellen. Dazu soll das Berliner Landesgesetz über die Berufsakademie geändert werden. „Davon war bei den jüngsten Spargesprächen in der Wissenschaftsverwaltung keine Rede mehr“, bestätigt Hartmund Barth.

Zurzeit laufen an der BA 17 duale Kurse in zwölf Fachrichtungen. „Um die neuerliche Sparsumme von 410 000 Euro zu erreichen, müssen wir ab 2003 wohl fünf Kurse schließen", prophezeit Hartmund Barth. „Das sind zwischen 400 und 500 Studienplätze. Damit steht ein Drittel unserer Kapazität zur Disposition." Die Berufsakademie, die in einigen Ländern wie Baden-Württemberg oder Sachsen als besonders schlanker „Durchlauferhitzer“ für das mittlere Management gilt, muss sich in Berlin herber Konkurrenz erwehren: Auch die Technische Fachhochschule (TFH) in Berlin-Wedding bietet solche dualen Studiengänge an, allerdings dauert das Studium dort vier Jahre. Die TFH verleiht das begehrte Fachhochschuldiplom, die BA einen eigenen Abschluss. Seit 1995 sind die BA-Diplome den Abschlüssen der Fachhochschule gleichgestellt. Sie werden mittlerweile europaweit anerkannt.

Bis Mitte Mai soll die Berufsakademie der Senatsverwaltung für Wissenschaft nun erläutern, welche Konsequenzen die Sparmaßnahmen haben und wie sich die Summen durch Veränderungen im Lehrangebot sparen lassen. Alle Hoffnungen, die Berliner Wirtschaft könnte der Berufsakademie unter die Arme greifen, beurteilt Hartmund Barth mit Skepsis: „Wenn wir in Berlin nicht mehr ausbilden können, gehen die Unternehmen eben an die Berufsakademien in den anderen Bundesländern. Die Firmen könnten auch neue duale Studienangebote an den Fachhochschulen unterstützen oder gleich die Absolventen von den Fachhochschulen einstellen.“ Heiko Schwarzburger

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