Zeitung Heute : "Wir haben den Spirit des Mutes"

Katja Winckler

Metropolengerede wird in Berlin derzeit nur zu gern angestimmt. So auch bei einer Diskussion im Friedrichshainer Design Zentrum Berlin zum Thema "Werbehauptstadt Berlin - Liegt die Zukunft an der Spree?". Nicht zum ersten Mal wurde die Frage gestellt, ob sich Berlin denn nun zur Werberstadt mausere oder ob die Ansiedlung von Dependancen bekannter Großagenturen und neuer Werbeschmieden nur ein Strohfeuer sei. Dabei bewegten sich die Vertreter aus Werbung, Senats- und Geschäftskreisen auf schwammigem Terrain. Wer auf Prognosen hoffte, wurde enttäuscht. Ansonsten ähnelte die ganze Veranstaltung eher einer Verkaufsaktion mit bunten Filmchen denn einer aussagekräftigen Diskussion.

"Die deutschen Hochburgen der Werbung haben wir leider noch nicht eingeholt", stellte Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner fest. Aber immerhin hätten sich in diesem Jahr sieben der zwanzig größten Werbeagenturen in Berlin niedergelassen. Zudem seien 22 neue Agenturen gegründet - darunter Aimaq, Rapp und Stolle, Arthesia sowie Heimat - verkündete Branoner nicht ohne Stolz. 200 Unternehmen der Werbe- und PR-Branche mit 1,5 Milliarden Mark Umsatz und 5000 Beschäftigten könnten sich sehen lassen. Im Multimedia-Sektor liege man mit knapp 5000 von bundesweit insgesamt 15 000 Beschäftigten sogar in Spitzenstellung. Verheißungsvoll klang das.

In den Vorträgen zum Werbestandort Berlin kristallisierten sich zwei Denk-Schulen heraus: Die einen verlangten quasi nach einem Gütesiegel Berlin, die anderen einfach nur nach guter Werbung - der Standort sei dabei vollkommen egal. "Der Berliner Stil entwickelt sich", bemerkte Albert Heiser, Kreativ-Chef der alteingesessenen Agentur Dorland. "Wir sind hier in Berlin eben immer etwas näher dran am Punk des täglichen Lebens. Fragen Sie die Taxifahrer." Das sieht Pieter Schnell, Vorstand der Agentur Heymann & Schnell, anders. "Ein Berliner Stil ist nicht erstrebenswert, weil das nur uniform wirken würde." Schnell setzt im Gegensatz zu den etablierten Werbehochburgen Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf lieber auf den Berliner Underdog-Status. "Denn da hat man noch die Macht der Überraschung." Die erfolgreiche BSR-Kampagne habe dies gezeigt.

Dass sich Berlin werbemäßig noch im Aufbau befinde, konstatierte Jean Baptiste Bonzel, Geschäftsführer von der Agentur Scholz & Friends. "Deshalb müssen wir denen in Westdeutschland zeigen, dass es uns gibt." Die Infrastruktur dazu wäre jedenfalls vorhanden. "Schweißtreibender arbeiten", rät GKM-Geschäftsführer Antonio Graf Strachwitz allen Berliner Werbern. "Deshalb fangen die Mitarbeiter bei uns jetzt immer pünktlich um neun an. Nix mit akademischem Viertel".

Auch der anschließenden Diskussion unter der Moderation von Tagesspiegel-Herausgeber Heik Afheldt fehlte es an konkreten Fakten und Aussichten. Dafür versprach Wirtschaftssenatorin Ingrid Walther, zuständig für den Bereich Medien, "Agenturen aktiv und aggressiv in die Stadt zu zerren". Mit der Goldgräberstimmung Anfang der 90er, als in Berlin viele PR-Agenturen aus dem Boden schossen, die aber genauso schnell wieder verschwunden waren, wollte Geschäftsführer Fritz Hendrik Melle von Melle. Pufe.Thiessen. indes nichts wissen: "Wir bleiben. Denn wir haben den Spirit des Mutes".

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