Zeitung Heute : „Wir haben den Zeitpunkt verpasst“

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Die Zahl der Geburten in Deutschland ist 2005 vermutlich unter 700 000 gefallen. Erinnert Sie das an den Pillenknick, Herr Birg?

Einen Knick gibt es nicht. Wir haben einen Abwärtstrend, der ist aber nichts Neues. Die Zahl 700 000 ist nichts Besonderes, sie liegt auf der bekannten Linie.

Dennoch ist die Zahl ja eine schlechte Nachricht.

Wenn man bedenkt, dass direkt nach dem Zweiten Weltkrieg noch 920 000 Kinder geboren wurden, dann ist die Zahl tatsächlich besorgniserregend. Diejenigen, die von den Kindern versorgt werden müssen, fragen sich zu Recht, wie das zu schaffen ist.

Hilft es weiter, die Familien- und Steuerpolitik aus anderen Ländern wie zum Beispiel Frankreich zum Vorbild zu nehmen?

Es nutzt ja nichts. Selbst wenn wir zwei Kinder pro Frau statt 1,3 hätten, hätten wir trotzdem das Problem einer überalterten Gesellschaft. Die Schrumpfung würde erst 2050 oder 2060 aufhören. Wir haben den Zeitpunkt verpasst.

Aus welchen Gründen sinken die Geburtenzahlen und was sind die Folgen?

Gegen Kinder spricht einfach, dass sie Geld kosten und Mühe machen. Außerdem sind sie immer weniger die eigenen Kinder, weil Gesellschaft und Umwelt permanent an Einfluss gewinnen, die Familien vergesellschaftet werden. Hinzu kommt die geschichtliche Dimension. Großeltern, Eltern und Kinder sehen sich als Teil eines Generationszusammenhangs. Familien haben mit zwei Weltkriegen, zwei Diktaturen, einer Hyperinflation und einer jahrzehntelangen Teilung zu viel verkraften müssen. Wir müssten eigentlich umgekehrt fragen, warum die Deutschen unter diesen Bedingungen immer noch Kinder kriegen. Die Folge dieses starken Geburtenrückgangs ist eine gigantische soziale Ungerechtigkeit.

Was schlagen Sie vor, um diese Entwicklung langfristig aufzuhalten?

Bei der Besetzung von Arbeitsplätzen sollte man Eltern Kinderlosen bei gleicher Qualifikation vorziehen. Außerdem plädiere ich für ein Familienwahlrecht, denn die Kinder sind diejenigen, die die Konsequenzen politischer Entscheidungen tragen müssen. Als Drittes müsste im Reformprozess die höchstrichterliche Rechtsprechung endlich berücksichtigt werden. Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung widersprechen mit ihrem Umlageprinzip dem verfassungsmäßigen Gleichheitsgrundsatz. In Deutschland profitieren diejenigen von Kindern, die selbst keine haben.

Herwig Birg ist Professor für Bevölkerungswissenschaft und Demografie an der Universität Bielefeld.

Das Gespräch führte Meike Fries.

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