Zeitung Heute : „Wir haben ein spirituelles Defizit“ Wie man Menschen hilft, die Geister sehen

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Herr Galuska, Ihre Klinik hat sich darauf spezialisiert, Patienten in parapsychologischen, spirituellen und religiösen Krisen zu behandeln. Mit welchen Problemen haben Sie es zu tun?

Wir helfen Menschen, die nach einem ungewöhnlichen Erlebnis nicht mehr in ihrem Alltag zurechtkommen. Ehemalige Sektenmitglieder oder Menschen, die durch religiöse Vorstellungen oder Praktiken, zum Beispiel exzessives Meditieren, völlig aus dem Gleichgewicht geraten sind. Wir haben auch Patienten, die nach einer paranormalen Erfahrung unsere Hilfe suchen, immerhin zehn Prozent aller Menschen, die wir hier behandeln. Die stellen dann ihr ganzes Leben in Frage.

Was für paranormale Erfahrungen?

Nahtod-Erfahrungen beispielsweise. Für gewöhnlich wird das ja als etwas sehr Positives beschrieben, etwas Lichtvolles, dieses Aus-Dem-Körper-Heraustreten, das Unfallopfer und Patienten während einer Operation haben können. So etwas kann sich allerdings auch negativ auswirken. Meine Patienten beschreiben dann, dass sie völlig verunsichert sind und mit ihrem bisherigen Wirklichkeitsverständnis nicht mehr zurechtkommen. Wir hatten auch Patienten, die das Gefühl hatten, ihre Seele verloren zu haben. Egal, ob man an die Existenz einer Seele glaubt oder nicht, bei diesen Menschen liegt eine lebensbeeinträchtigende Störung vor. Selbst Fachleute können das oft nicht akzeptieren. Manche Betroffenen reden aus Angst oder Scham, für verrückt erklärt zu werden, gar nicht darüber. Das kann die Symptome verstärken.

Und wie können Sie helfen?

In der Therapie gehen wir davon aus, dass eine Persönlichkeitsproblematik vorliegt, die durch diesen bestimmten Vorfall verstärkt wurde. Bei den meisten Patienten war schon vorher etwas nicht ganz im Lot. Erst mal versuchen wir eine normale Psychotherapie. Dabei ist es wichtig, das Problem ernst zu nehmen. Wenn ich beispielsweise einen Patienten vor mir habe, der glaubt, von einem Geist besessen zu sein, nützt es nichts, ihm zu erklären, dass es keine Geister gibt.

Sondern?

Es ist sinnvoll, einen Zugang zum Modell des Patienten zu suchen, es zu verstehen und innerhalb seiner Vorstellungswelt Lösungen anzubieten. Er könnte mit dem Geist reden oder ihn vielleicht sogar fortschicken. Manchmal ist es aber auch sinnvoll, das Bild, das der Patient aufgebaut hat, umzuinterpretieren, etwa in diesem Sinn: Das ist kein Geist, sondern nur ein Teil des Unterbewusstseins. Wir helfen den Patienten, das Bild zu verstehen, damit sie es besser integrieren können.

Sie sagten, dass sich in den vergangenen Jahren parapsychologisch oder spirituell begründete Krisensituationen häufen.

Ja. In unserer Gesellschaft besteht ein spirituelles Defizit und viele Menschen sind auf der Suche. Die klassischen Wege der Kirche sind aber für viele nicht gangbar, da sucht man sich dann seine eigenen – mit den entsprechenden Um- und Irrwegen.Fragen: Christiane Bertelsmann

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