Zeitung Heute : „Wir haben mit Sicherheit nicht immer glücklich operiert“

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Die Truppen auf dem Balkan stehen in der Kritik. Herr Koschnick, hat der Westen im Kosovo versagt?

Von Versagen will ich nicht sprechen, aber mit Sicherheit haben wir nicht immer glücklich operiert. Es ist eine schwierige Situation und kaum abzusehen, wie man dort vernünftig herauskommt.

Was ist falsch gelaufen?

Man hätte gleich am Anfang stärker darauf achten müssen, dass die Serben nicht vertrieben werden, nachdem die internationale Gemeinschaft zuvor die Vertreibung der Albaner verhindert hatte. Es ist eindeutig so, dass ein Teil der offiziell geduldeten Hasspropaganda durch die Übergangsregierung in Pristina gegen die Serben schreckliche Wirkung hatte. Dass die serbische Regierung in Belgrad ihrerseits in der Lage ist, immer wieder alte Ressentiments hochkochen zu lassen, wussten wir vorher schon.

Nach den Ausschreitungen im März hat es Kritik an den Deutschen gegeben. Hat die Bundeswehr den Einsatz unterschätzt?

Nicht die Bundeswehr. Beim Einsatzauftrag hätte die Regierung prüfen müssen, ob das, was die UN-Verwaltung Unmik von Deutschland forderte, der Krisensituation der Region gerecht wurde. Die Bundeswehr sagt, sie habe ihren Einsatzbefehl eingehalten. Man hätte in Berlin wissen müssen, wie gefährdet zum Beispiel historisch-kulturelle Gebäude der serbischen Minderheit waren. Die Bundeswehr hätte aktiver und schärfer auf die Angriffe reagieren und die Zerstörungen verhindern können müssen. Aber das ist eine Frage des Auftrags, mit dem die Soldaten ins Kosovo geschickt wurden.

Man fragt sich, ob die UN-Politik „Standards vor Status“ gehalten werden kann.

Die Frage nach dem völkerrechtlichen Status ist für mich zweitrangig. Anfangen sollte man mit diesen Diskussionen erst, wenn die Menschen sehen, dass ihr Leben ein wenig besser wird. Deshalb müssen wir versuchen, auf dem ökonomischen Weg die Grundlage für eine neue Friedensordnung zu legen.

Die albanische Regierung im Kosovo betont aber immer wieder, Investitionen gäbe es erst, wenn die Statusfrage geklärt sei .

Private Investoren kommen erst, wenn die Region relativ sicher ist. Die ersten großen Investitionen werden deshalb öffentliche sein. Dafür haben wir die Weltbank und die europäischen Institutionen. Wir müssen so oder so viel Geld geben. Deshalb sollten wir damit lieber die kleine und mittlere Industrie viel mehr unterstützen, als die Mittel in die uneffektiven Verwaltungsstrukturen der Unmik zu stecken. Und die UN müssen endlich über die Eigentumsfragen der Wirtschaft entscheiden, denn die Großkonzerne im Kosovo hatten ihren Sitz in Belgrad. Bleiben diese in serbischer Hand, wird es keine Lösung geben. Ich bin dafür, im Kosovo deshalb operativen Treuhandbesitz zu schaffen, in den investiert werden kann.

Sehen Sie bei den UN und ihrer Übergangsverwaltung Unmik genug Bereitschaft, die Probleme anzugehen?

Nein. Und zwar, weil die UN nie richtig gehandelt haben, wenn konkrete Verwaltungsstrukturen gefragt waren. Die regionalen Unterorganisationen der UN wie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) könnten hier viel wirkungsvoller helfen als der aufgeblähte Apparat der UN, in dem Menschen aus aller Welt zusammengekommen sind, um zum Beispiel im Kosovo Lösungen herbeizuführen, ohne die kulturellen und geistigen Hintergründe des Balkankonflikts wirklich voll zu erkennen.

Was muss politisch weiter passieren?

Im Oktober sind Parlamentswahlen geplant. Ich bin sehr skeptisch bei Wahlen in Regionen, in denen Demokraten noch nicht zu Hause sind. Aber wenn man Wahlen will, muss man Lösungen schaffen, damit sich auch die Serben daran beteiligen. Man darf die Blockadeposition nicht alleine den Albanern zuspielen. Andererseits muss den Serben genauso deutlich gemacht werden: Wenn sie sich durch ein absolutes Nein gegen den Versuch sperren, eine neue friedliche Ordnung zu schaffen, werden die wirtschaftlichen Hilfen für Serbien gekürzt.

Hans Koschnick (SPD) war Bosnienbeauftragter der Bundesregierung und EU- Administrator für Mostar.

Das Gespräch führte Sven Lemkemeyer.

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