Zeitung Heute : "Wir haben uns beharkt " - Interview mit dem scheidenden Chef über 15 Jahre Privatfernsehen

Welche Aufgaben warten auf Ihren Nachfolger Urs Ro

Welche Aufgaben warten auf Ihren Nachfolger Urs Rohner an der Spitze der Pro 7 Media AG?

Er hat grundsätzlich dieselben Aufgaben zu erfüllen wie der jetzige Vorstandsvorsitzende: die Pro 7-Gruppe strategisch auf die audiovisuelle Medienwelt von morgen vorzubereiten. Die Geschäftsfelder Fernsehen, Multimedia und Mechandising sind strategisch weiterzuentwickeln. Er wird sich dabei vor allem auf die Mehr-Sender-Strategie und die Verbindung des klassischen Fernsehgeschäfts mit den neuen Multimedia-Märkten konzentrieren. Ferner muss er sich um die Medienpolitik kümmern, und er muss die Company gegenüber dem Kapitalmarkt vertreten. Als Libero muss der Vorstandvorsitzende außerdem immer frei sein, um neue Geschäftsideen aufzugreifen, sich mit interessanten Leuten zu unterhalten und sie, wenn sie ihn interessieren, an das Unternehmen zu binden.

Was muss Urs Rohner dringend angehen?

Dringliche Aufräumarbeiten oder grundsätzliche Kurskorrekturen stehen nicht an. Ich übergebe ihm am 1. Februar 2000 ein Unternehmen, das absolut besenrein ist. Alle Türen und Bücher sind schon heute für ihn offen. Er wird keine stillen Leichen, sondern höchstens stille Reserven finden. Das Wichtigste ist jetzt: Der neue Vorstandschef muss in den nächsten Monaten mit der bestehenden Mannschaft die wichtigsten Projekte besprechen, Vertrauen zu den Mitarbeitern gewinnen und umgekehrt, damit es in der Pro 7-Gruppe einen sanften, sympathischen und freundschaftlichen Übergang gibt.

Zukunft heißt auch, eine Integration von weiteren Sendern in die Senderfamilie der Pro 7 Media AG?

Erst einmal werden wir am 24. Januar 2000 den neuen Nachrichtensender N24 starten. Damit verfügt die Pro7-Gruppe über drei Sender. Weitere Pläne gibt es derzeit nicht. Allerdings gilt für Senderfamilien: je mehr Sender, desto besser. Ein Senderverbund mit einem Unternehmen wie Sat 1 wäre beispielsweise eine richtig appetitliche Konstellation. Die Entscheidung darüber liegt jedoch nicht beim Vorstand, sondern bei den Gesellschaftern.

Jüngst wurde der 15. Geburtstag des Privatfernsehens in Deutschland gefeiert. Georg Kofler ist ein Pionier dieses Mediums. Wenn Sie zurückschauen: Was hat das Privatfernsehen trotz aller Erfolge falsch gemacht?

Aus heutiger Sicht war es vielleicht falsch, dass die Privatsender gegenüber der Politik zu wenig mit einer Zunge gesprochen haben. Wir haben uns in den ersten Jahren des Privatfernsehens untereinander zu sehr beharkt und unsere Interessen nicht strategisch und effizient gebündelt, wie es andere, ausgewachsene Industrien, beispielsweise die Versicherungs- oder Energiewirtschaft, schon immer gemacht haben.

Was hat die Privatstationen zusammengeführt?

Die Branche ist erwachsen geworden. Außerdem ist das immer auch eine Frage von Personen. Damals hat Helmut Thoma von RTL sehr auf Konfrontation gesetzt.

Georg Kofler aber auch?

Nein, ich habe mich nur dagegen gewehrt - allerdings mit dem sportlichen Ehrgeiz, die Marke Pro 7 gegenüber der damals übermächtigen Marke RTL hoch zu halten. Wir haben unsere Auseinandersetzungen auch mit beträchtlichen Schauwerten für das Publikum geführt. Diesen Konfrontationskurs gibt es jetzt nicht mehr, weil die sachlichen Interessen klar sind. Die Gesellschafter-Konstellationen in den Häusern sind heute klarer, und das Einmaleins des Geschäftes ist heute auch jedem klar.



Ein Einmaleins, eine Stimme, ein Interesse. Gerade hat der Intendant des Hessischen Rundfunks, Klaus Berg, einen TV-Jugendkanal aus öffentlich-rechtlicher Hand gefordert. Was sagt Georg Kofler dazu? Noch hat die Privatfunk-Lobby ja keine Sprachregelung gefunden.

Ich persönlich halte das für einen Skandal, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten ständig über neue Kosten klagen - und mit ihren Projekten die größten Kostentreiber sind. Sie beweisen viel Kreativität, was die Schaffung von neuen Kostenpositionen angeht, für die sie dann wieder einen erhöhten Gebührenbedarf bei der KEF anmelden. Ein neuer Jugendkanal sollte, wenn überhaupt, privat veranstaltet werden - das ist doch sonnenklar.

Helmut Thoma hat zuletzt immer wieder über die Controller und Rechenschieber um ihn herum geklagt. Werden die Rechenschieber zunehmend an der Spitze der kreativen Medien-Unternehmen sitzen?

Nein, dann wären die kreativen Unternehmen nämlich nicht mehr erfolgreich. Ich sehe das im Übrigen ein wenig anders als Helmut Thoma. Bei Pro 7 habe ich ganz bewusst Controller eingestellt. Fernseh-Unternehmen müssen sich auch als Wirtschaftsunternehmen begreifen. In den ersten, euphorischen Jahren gab es natürlich andere Prioritäten. Da musste man erst einmal ein bisschen Terrain gewinnen und auch auf sich aufmerksam machen. Da war das Rechnen manchmal nicht so wichtig, es stand der strategische Gewinn des Marktes im Vordergrund. Jetzt ist dasselbe bei den Internet-Firmen zu beobachten. Hier gilt: Die Verluste von heute sind die Marktanteile von morgen. Aber wenn das Feld besetzt ist, muss man zeigen, dass der Ackerbau funktioniert und richtig Rendite abwirft. In dieser Phase befindet sich jetzt das Free-TV - und da ist Kreativität gefragt: einerseits in der ständigen Bereitschaft zu programmlichen Innovationen, andererseits aber auch bei der Kombination von Fantasie und ökonomischer Realität. Und die guten Kaufleute zeichnet immer Kreativität in beiden Bereichen aus. Die Kunst besteht darin, als Sender interessant zu bleiben für das Publikum, die Gesellschafter und die Aktionäre.

Kann man denn damit rechnen, dass N 24 ins Berliner Kabelnetz eingespeist wird?

Das ist eine Frage, die sich im Moment nicht sicher beantworten lässt. Wir gehen davon aus und denken, dass der eine oder andere Kanal sinnvollerweise für N 24 verwendet werden könnte. Aber das ist eine Entscheidung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

Die Internationale Funkausstellung ist gerade zu Ende gegangen. Die Messegesellschaft will bei der nächsten IFA unbedingt die privaten Sender wieder auf dem Gelände sehen. Was muss geschehen?

Die Messegesellschaft müsste den Privaten ein interessantes Konzept unterbreiten. Millionenbeträge in Messestände zu investieren, kann nicht das Interesse des Privatfernsehens sein. Denkbar wäre, dass die Messe uns einen interessanten Raum zur Verfügung stellt für angemessene Präsentationsmöglichkeiten von Programmen und Stars sorgt. Aber die Kosten dafür müssten weitgehend von der Messe getragen werden.Das Gespräch führte Joachim Huber

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