Zeitung Heute : Wir haben zwar nichts, doch das teilen wir gern

HEIMATHAFEN NEUKÖLLN Mut zum Kitsch: Die Rixdorfer Perlen laden zur „Fête d’Lametta“ – Marianne, Miezeken und Julchen knutschen einen Elch und bewerfen den Pianisten mit Dominosteinen

PATRICK WILDERMANND

In Italien funktioniert Weihnachten ganz einfach“, erzählt Bruno Franceschini, seines Zeichens Pianist bei den Rixdorfer Perlen am Heimathafen Neukölln, „man isst und trinkt die ganze Zeit, und danach spielt man um Geld“. Als klassisches Beispiel eines solchen Christbaum-Vergnügens nennt er die Tombola, und auf die Frage, was es denn dabei so zu gewinnen gäbe, entgegnet er ungerührt: „Geld. Wir sind sehr monothematisch orientiert.“ Für die restliche Gesprächszeit verfällt der Mann dann in ein unergründliches Schweigen und überlässt das Feld den Frauen, die an diesem Theater den Ton angeben – und die gerade in den Vorbereitungen einer Weihnachtsfeier stecken, die das Gegenteil des italienischen Entwurfs zu werden verspricht, ein Familienfest nach Neuköllner Art nämlich, inklusive Mut zum Kitsch.

Inka Löwendorf, Johanna Morsch und Britta Steffenhagen, die das furiose Berliner-Schnauze-Trio aus der erfolgreichen Gassenhauer-Revue „Die Rixdorfer Perlen“ bilden, schicken ihre proletarischen Philosophinnen nun in den eierlikörlastigen Adventsrausch, „Fête d''Lametta“ nennt sich die Show, in der es nach Löwendorf „ums Janze, um den Glanze“ geht. Die Perlen, Marianne, Miezeken und Julchen genannt, bildeten ja eine Art Wahlfamilie, findet Steffenhagen, und derlei solidarische Zusammenschlüsse – nicht nur die schnapsgestifteten auf der Parkbank – seien eben typisch für den Neuköllner Kiez, Motto: „Ich habe nichts, aber das teile ich.“

Nachdem die Perlen bei ihrem ersten Heimathafen-Auftritt ein leerstehendes Theater erobert haben, sehen sie sich nun mit der Aufgabe konfrontiert, eine Weihnachtsfeier zu gestalten, aber mit Niveau! Die Rahmenhandlung dürfte allerdings eher die Zierschrift auf dem Lebkuchenherz sein, es wird vor allem wieder jede Menge frivol-fröhliche Screwball-Dialoge und natürlich Berliner Songs der 20er und 30er Jahre geben. „Diese alten Liedtexte sterben einfach nicht“, schwärmt Morsch. Von Zuschauern hören sie immer wieder, dass ihnen lange nach der Vorstellung Zeilen einfielen, die sie spontan zum Lächeln brächten.

Inka Löwendorf nennt als Vorbild für den Charakter der Lametta-Revue den Rixdorfer Weihnachtsmarkt, der eben nicht so ein gesichtsloser Alexanderplatz-Rummel sei, sondern von der Tradition, dem Selbstgemachten, dem besonderen Charme lebe. Sich Individualität zu bewahren, darum gehe es schließlich auch bei dem Projekt Heimathafen. „Anderswo werden Trends kopiert, wir setzen selber welche“, befindet sie selbstbewusst, wobei die bisherigen Produktionen in diesem jungen Theater im Saalbau Neukölln und die Resonanz darauf ihr recht geben. Die Mischung aus populären Liederabenden und ambitionierten Brennpunkt-Projekten wie „Arabboy“ stimmt. Und in beide Richtungen, die Neuköllns Geschichte und Gegenwart spiegeln, wird weitergearbeitet. Ob denn auch die Perlen noch Fortsetzungspotenzial besäßen, will man noch wissen. „Würden Sie gerne sehen: ‚Die Rixdorfer Perlen suchen Ostereier''?“, kommt als Gegenfrage. Ja, sicher, warum nicht? „Na also. Wir auch.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 26.11., 20 Uhr

Weitere Vorstellung 28.11., 20 Uhr

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