Zeitung Heute : Wir halten sein Händchen

Von Tanja Stelzer

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In einem Leben mit Kind gibt es keine ewigen Wahrheiten mehr. Vielleicht ist das einer der wichtigsten Unterschiede zum Leben ohne Kind. Früher wusste ich: Chefs wollen, dass man arbeitet. Wenn irgendwas zu billig ist, hat die Sache einen Haken. In meinem Leben mit Kind gibt es keine unumstößlichen Gesetze. In dem Moment, in dem man glaubt, eine Gesetzmäßigkeit beobachtet zu haben, ist es damit auch schon vorbei.

Vor drei Wochen hatte ich geschrieben, dass Noah nienienie krank ist. Ich habe außerdem den Fehler begangen, diese Behauptung bei einigen Freunden zu wiederholen, deren Augenringe nach der letzten Krankheit ihrer Kinder noch nicht ganz verschwunden waren. Solche bösartigen Angebereien werden bestraft. Gerade erholt Noah sich von Fieber, Halsweh und Lippenbläschen, und nach zwei Tagen mit heulendem Kind auf dem Arm krieche ich mit letzter Kraft im Staub vor all den Eltern, denen ich Unrecht getan habe.

Ich hatte bei Freunden auch öfters mal damit geprahlt, dass Noah innerhalb von zehn Minuten alleine einschläft, ganz nach Ratgeber-Methode: Wir sagten „Gute Nacht, mein Schatz“ und gingen; er winkte fröhlich, und ein paar Minuten später war in seinem Zimmer nur noch ein ganz leises, gleichmäßiges Atmen zu hören. Unsere Freunde, die sich allabendlich mindestens eine halbe Stunde lang zu ihrem Kind ins Bett legen und dabei meist selbst einschlafen, waren grün vor Neid. Irgendwann aber beschloss Noah, dass er sich nicht mehr an die Regeln aus dem Buch halten wollte. Wir wurden reuevolle Mitglieder im Club der Händchenhalter, und fortan saß einer von uns jeden Abend auf dem Fußboden und steckte einen verdrehten Arm so weit durch das Gitter, dass das Schultergelenk so eben nicht auskugelte. Irgendwann – wahrscheinlich, als wir dem Junge-Eltern-Gott demütig genug erschienen – wollte Noah dann wieder alleine einschlafen. Er rollte mit den Augen, wenn ich ihn noch mit einem Gute-Nacht-Lied belästigte, so als wollte er sagen: „Jetzt geh endlich!“ Wir lernten: Demut ist erste Elternpflicht.

Der Junge-Eltern-Gott ist allmächtig und kann, natürlich, auch Gedanken lesen. Man braucht bloß zu denken: „Ach, ist das Kind heute friedlich, so habe ich mir ein Sonntagmorgenfrühstück mit Familie immer vorgestellt“, da lässt der Junge-Eltern-Gott Unzufriedenheit auf das Kind regnen, das Kind fegt mit einer Handbewegung das Sonntagsfrühstück vom Tisch und verlangt das Programm, das ein Anderthalbjähriger für einen Sonntagmorgen vorsieht: mit Marmeladenfingern Klavier spielen, das Nutellaglas in der Legokiste ausleeren und hundertfach „Engelchen, Engelchen flieg!“.

Das erste Gebot des Junge-Eltern-Gottes lautet: Du darfst keine verbotenen Gedanken denken. Das zweite Gebot: Du sollst wissen, dass du nichts weißt.

Man könnte meinen, dass sich mit der Zeit eine gewisse Routine im Kinder-Handling einstellt. Irgendwann müsste man doch gelernt haben, wie man so ein Kind bedient. Meine Schwägerin hat drei Kinder, und sie sagt, im Grunde ist sie genauso schlau wie vorher. Die Sache ist die: Jedes Kind ist anders, und das jeden Tag. Nur eine Sache bleibt: Gibt es ein Problem, ruft es „Mama!“ oder, wenn Frauentag ist im Junge-Eltern-Himmel: „Papa!“

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