Zeitung Heute : „Wir kämpfen um unsere Existenz“

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

„Ich habe die gemeinsame Sprache mit meinen deutschen Freunden verloren“, sagt Jael Botsch-Fitterling. Die Studiendirektorin an einer Gesamtschule ist Israeli. Auch nach Jahrzehnten in Berlin ist ihr der Staat, in dem sie aufgewachsen ist, „ein Rückhalt, eine offene Tür“. Ihre Freunde sagen, die Okkupation der palästinensischen Gebiete und die Zerstörung von Häusern seien nicht mit den Menschenrechten zu vereinbaren. Das müsse man – bei allem Verständnis für Israel – objektiv so sehen. „Aber ich kann nicht objektiv sein“, sagt Botsch-Fitterling. „Ich habe emotionale Angst um meinen Staat.“

Angst um ihr Land, um ihre Familien, die dort leben – das eint rund 2100 Israelis und 14 000 Palästinenser in Berlin. Aber zwischen den Völkern werden die Gräben seit der letzten Welle der Attentate und dem Beginn der israelischen Offensive tiefer. Israelis sagen, sie seien „enttäuscht von Arafat“, der alle Chancen zur Staatsgründung verspielt und den Terror nicht gestoppt habe. Gemäßigte Palästinenser sprechen von den Selbstmordattentaten als „Verzweiflungstaten“.

„Viele von uns haben ihre Positionen geändert“, sagt Anat Kagan, Leiterin der Jewish Agency in Berlin. Sie habe immer auf der Seite der „Linken“ und der Pazifisten gestanden, befürworte jetzt aber das militärische Eingreifen: „Das ist keine Invasion, sondern eine Aktion gegen die Terroristen.“ Den „Tötungswillen der Attentäter“ könne man nicht mit politischen Mitteln bekämpfen.

Mahmud Hamgan, ein palästinensischer HU-Student, dagegen sagt: „Die Besetzung macht die Attentäter, nicht die Palästinenser.“ Die Militärpolitik Ariel Scharons werde „mehr Selbstmordattentäter nach Israel bringen als zuvor“. Hamgan betont, dass er selbst gewalttätige Aktionen ablehne. Das Vorstandsmitglied der Palästinensischen Gemeinde zu Berlin ist Mitorganisator der für Sonnabend auf dem Alexanderplatz geplanten Demonstration des „Solidaritätsbündnisses für Palästina“. An der Demoplanung sitze er gerade mit einer jüdischen Freundin, sagt Hamgan. Tatsächlich hat auch der „Arbeitskreis Nahost Berlin“ mit zu der pro-palästinensischen Kundgebung aufgerufen. Der Gruppe gehören jüdische und nichtjüdische Deutsche, Israelis und Palästinenser an. Eine der Israelis, die auf dem Alexanderplatz mitdemonstrieren wollen, ist Michal Kaiser-Livne. „Ich solidarisiere mich mit der Friedensbewegung in Israel und verurteile die Militäraktionen Scharons“, sagt die Psychotherapeutin. Kaiser-Livne sieht sich als Friedensaktivistin und kämpft „für das Selbstbestimmungs-, Zivil- und Menschenrecht der Palästinenser“. Wie Mahmud Hamgan glaubt sie: „Die Militäraktion ist keine Lösung, sie bringt neue Selbstmordattentäter hervor.“ Zur palästinensischen Solidaritätsdemo geht die Therapeutin allerdings mit einer düsteren Vorahnung: „Wenn dort wieder Fahnen von Israel angezündet werden, ist für mich kein Platz mehr.“

Zu der für Sonntag geplanten pro-israelischen Demonstration am Hackeschen Markt wäre sie auch gerne gegangen, um dort ein Zeichen für den Frieden zu setzen. Aber unter dem vom jüdischen Studentenbund gewählten Motto – „Solidarität mit Israel – gegen Antisemitismus und Antizionismus“ – könne sie nicht mitlaufen. Kritik an der israelischen Politik und an den Zionisten müsse nicht antisemitisch motiviert sein. Antisemitische Äußerungen nehme sie aber ernst.

Seit der Verschärfung des israelisch-palästinensischen Konflikts sei „Antisemitismus salonfähiger geworden“, verteidigt Uriel Kashi vom Studentenbund das Motto. Brennende Synagogen in Frankreich, der Anschlag auf den Jüdischen Friedhof in Berlin, die Briefbombe an die Bielefelder Gemeindevorsitzende - es sei Zeit, öffentlich zu mahnen. Dem Aufruf zur Demonstration zu folgen ist für Irith Rozanski ebenso selbstverständlich wie regelmäßige Reisen in ihre Heimat Israel. „Wir gehen, um Solidarität zu zeigen.“ Die Vorsitzende von „Kesher“, der Vereinigung der Israelis in Berlin, will am Sonntag die Fahne ihres Landes schwenken – auch um ein Zeichen gegen die „leider sehr pro-palästinensische“ Stimmung in Deutschland zu setzen. Die Veranstalter der Demonstration sind gespannt, wie viele Nichtjuden auf den Hackeschen Markt kommen.

Der Vertreter der Palästinensischen Generaldirektion, Abdullah Hijazi, sagt, er bekomme solidarische Anrufe und werde von Deutschen auf der Straße angesprochen. „Wir können verstehen, dass die Deutschen unkritisch gegenüber Israel waren. Aber Schuldgefühle können nicht ewig sein.“ Der „Feldzug gegen das palästinensische Volk“ sei nicht aus der Vergangenheit zu erklären.

Anat Kagan hat schon den „Ärger“ ihrer Nachbarn gespürt. Leute, „die sonst sehr nett sind“, griffen sie nun wegen der israelischen Politik verbal an. „Sie sehen nur eine Seite der Opfer. Sie vergessen, dass wir um unsere Existenz kämpfen und nicht um die Blumen in unserem Garten.“

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