Zeitung Heute : Wir können auch anders

Auch dieser Frühling kommt bestimmt! Und Kleider spielen die Hauptrolle. Eine kleine Modeliste.

-

Von Esther Kogelboom AUF DIE KNIE, DJANGO

Es wird im kommenden Frühjahr einige durchaus brisante modische Schwerpunkte geben, aber der Brisanteste von allen ist im Prinzip eine Strumpfhose ohne Füße und heißt Leggings. Ja, richtig! Manche reichen bis zu den Knöcheln, manche nur bis knapp unters Knie. Rein praktisch ergebt sich daraus folgendes Problem: Wenn es warm ist, trägt man ein Kleid mit Sandalen. Ist es kalt, trägt man eben ein Kleid mit Strümpfen und Stiefeln. Doch bei welchen klimatischen Bedingungen soll man Leggings unter dem Kleid tragen – und offene Sandalen dazu, wie Madonna? Ein Widerspruch in sich. Außerdem macht die Kombination kurze Beine. Muss nicht sein.

WILD WILD WEST

Männerwesten waren zuerst an Kate Moss zu sehen, bevor sie sehr kurze Zeit später bei H & M hingen. Mit Röhrenjeans, Ramones-T–Shirt, Blitzohrring und Ponyfrisur gestylt, verleihen sie jeder Frau einen Hauch Skandaljunkietussi. Die Westensache geht weiter: Die Designer schlagen für nächste Saison hautenge Modelle vor, unter die nur noch nackte Haut passt. Sie offen tragen soll nur, wer sich noch immer nicht vom Boho-Terror des vergangenen Jahres erholt an. Den hundefarbenen Schlapphut bitte zur Altkleidersammlung geben.

AUS DER MITTE ENTSPRINGT EIN FLUSS

Nachdem die Taille im Winter bereits ein geraumes Stück nach oben gerückt ist, kommt sie im Frühjahr dort an, wo sie eigentlich hingehört. Scarlett Johannsson zum Beispiel zeigte sich gerade mit einer Jeansform, die vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre – der Bund reichte bis weit über den Bauchnabel und war tailliert. Die schönsten Kleider für den Frühling haben eine Schleife in der Mitte und sehen aus wie eine große Geschenkverpackung. Wem das zu üppig ist, ein Gürtel tut’s auch. Interessanter Nebentrend: Er darf ruhig überhaupt nicht zum Kleid passen, wie etwa ein geflochtener Ledergürtel mit auffälliger Schnalle zum feinen Seidenkleid.

FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY’S

Pünktlich zum Filmstart von „Capote“ ist sie wieder da: Holly Golightly. Mit betonten Schultern, schmaler Silhouette und natürlich in strengem Schwarz-Weiß. Ziemlich ladylike und aufwändig! Denn zu dem Golightly-Look gehören auch gemachte Haare, French Manicure, Lidstrich, Pfirsichwangen und ein entspanntes Lächeln (was man bis jetzt selbst in den Galeries Lafayettes nicht für Geld bekommt).

PLAUENER SPITZE

Schon wieder romantische Flatterblusen? Carmen-Manie? Nein, das ist vorbei. Ab sofort hängen in den Läden Bleistiftkleider mit unterlegten Lochstickereien, wie sie sonst nur auf Omas Bettwäsche zu finden sind. Eine eindeutige Reminiszenz an die postmoderne Unschuld vom Lande.

DAS GEHEIMNIS DER PUDERDOSE

Die Farben werden endlich wieder hell – und endlich wieder dunkel. Die kommende Saison bedeutet den Abschied vom Bunten, von den ach so lustigen Blockstreifen, den Bambi-Shirts und Pucci-Mustern. Das heißt: Creme, Weiß und Puder in allen Nuancen. Und Schwarz. Egal, ob man das „Neue Sachlichkeit“ oder „Rückkehr zu Ernsthaftigkeit“ nennen will, die Netzhaut wird’s freuen.

SCHNAPPT SHORTY

Kurze Hosen statt Minirock sind eine praktische Alltagsalternative. Allerdings kann man mit Shorts oder Bermudas viel mehr falsch machen. Zunächst muss der Schnitt stimmen. Die perfekte kurze Hose zu finden dauert ebenso lang wie die perfekte Jeans zu finden. Kombiniert man sie mit einem T-Shirt, wirkt man wie ein amerikanischer Tourist auf dem Weg in die Philharmonie. Zieht man ein Hemd dazu an, ist man Uli Wickert im hochsommerlichen Tagesthemen-Studio. Die harmonierende Jacke? Keine.

TOLL TRIEBEN ES DIE ALTEN RÖMER

Die süßlichen Ballerinas von 2005 dürfen neben die allgegenwärtigen Flip-Flops von 2004 ganz weit hinten ins Schuhregal. Der Trend 2006 sind … Römersandalen! Nur im ersten Moment wirken diese geschnürten Lederexemplare irgendwie altbacken. Hat man sich erst an ihren verschnürten Anblick gewöhnt, offenbaren sie ganz neue Vorteile: Die Fußpflege-Firma Scholl wird ihre überteuerten Gel-Einlagen für gequälte High-Heel-Ballen vom Markt nehmen müssen. Lackierte Nägel wirken in ihnen wie ein unpassendes Zitat aus einer längst vergangenen Zeit. Zu den Römerlatschen wird stattdessen das ordinäre Fußkettchen seine überraschende Renaissance feiern. Wer hoch hinaus will, dem blieben immerhin klotzige Keil- und Blockabsätze, wer Filigranes wünscht, kann sich für Peeptoes entscheiden – eine elegante Promenadenmischung aus Sandale und Pumps.

RHEINGOLD

Die Accessoires nehmen sich zur Stunde ganz schön was raus. Eitel blinken Taschen, Geldbörsen und Schmuck aus dem trüben Grau. Gold, das prestigeträchtigste aller Edelmetalle, ist zurück. Vielleicht beeinflusst vom Bling der Hip-Hop-Stars, der Sehnsucht nach Sicherheit und alten Werten oder von den kleinen, altmodischen Uhren mit den winzigen Zifferblättern? Egal, es schlägt die Stunde des Goldes. Gilt auch für das nicht ganz so auffällige Messing.

EINEN VOR DEN LATZ GEKNALLT

Die unangefochtene Denimtendenz: Latzröcke und -hosen. Untragbar für alle über zwölf Jahren. Ach was, acht Jahren.

BROT UND TULPEN

Tulpenröcke sind Röcke, die zunächst glockenförmig auseinanderspringen, bevor sie sich kelchförmig um die Knie schlingen. Die gab’s schon mal in den 80er-Jahren. Auch damals erzwangen sie diesen zickigen Trippelschritt, der ein schnelles Fortschreiten unmöglich macht. Kurzum, Tulpenröcke sind das Gegenteil von Sneakers-Streetwear, die diesen Sommer eine Pause einlegen muss. Selbst Gwen Stefani hat ihre Jogginghosen abgelegt.

TAUSEND MORGEN

Auch als Print machen Blumen im Frühjahr eine kleine Karriere. Millefleurs-Dessins haben große Muster abgelöst. Sie tauchen aber meist nicht flächendeckend auf, sondern zwischen feinen Ranken auf Einnähern und Biesen.

KÜSSE, KUGELN UND KANAILLEN

Halsketten aus vielen aneinander gereihten, dicken und dünnen Kugeln sind der letzte Schrei. Ob einzeln oder übereinander getragen, ohne Kugelketten kommt niemand durchs Frühjahr. Zur Vermeidung des Weihnachtsbaum-Effekts, empfiehlt es sich, das restliche Accessoires-Programm eher dezent zu halten.

KLASSIKO

Damit niemand im Sommer auf seinen geliebten Trenchcoat verzichten muss, gibt es den Klassiker neuerdings auch als Light-Version. Der Trench hat sich als Hemdblusenkleid verkleidet, bleibt kamelhaarfarben und somit die ideale Tarnung für jede Investigation.

THE BEACH

Der gute, alte Badeanzug ist zurück! Lange Zeit waren an den Baggerseen dieser Welt fast ausschließlich Bikinis zu sehen, jetzt gibt es sie wieder, die glamourösen Einteiler mit den spitz zulaufenden Rückenausschnitten. Auch en vogue: Badeanzüge in Sicherheitsgurt-Optik, die nur aus feinsinnig drapierten, schwarzen Bändern bestehen, auf die kein Seepferdchen-Abzeichen passt. Dazu trägt die Diva Sonnenbrillen mit bonbonfarbenen Rändern (nicht weiß, das sieht zu sehr nach Paris Hilton aus!) und Sixties-Haarbänder.

Alle Überschriften sind Filmtitel. Den Anfang macht „Wir können auch anders“ (Deutschland 1992). Die weiteren Filme: Italien 1968, USA 1999, USA 1992, USA 1960, DDR 1983, CSR 1959, USA 1959, USA 1995, USA / Schweiz 1965, BRD 1977, USA 1975, Frankreich / Italien 1955, Finnland 2001, USA 1999

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben