Zeitung Heute : "Wir können Menschen helfen, das ist doch toll"

Silke Edler

Eine kurze Eingewöhnungszeit braucht zunächst fast jeder, der den Beruf des Orthopädiemechanikers erlernen möchte. Denn nicht jedem fällt es auf Anhieb leicht, ungezwungen mit behinderten und schwerstbehinderten Menschen umzugehen. "Wir hatten schon Lehrlinge, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, weil sie die psychische Belastung nicht aushalten konnten", sagt Ausbilderin Petra Menkel. Dabei sei der Beruf des Orthopädiemechanikers ein besonders abwechslungsreicher und interessanter Beruf. "Wir können Menschen helfen, das ist doch toll", schwärmt sie.

In der Werkstatt des Traditionsbetriebes Paul Schulze in der Kreuzberger Wiener Straße feilen, schrauben und modellieren Orthopädiemechaniker und Bandagisten an Prothesen, Einlagen und Orthesen. Seit zwei Jahren sind diese beiden Berufe zu einem zusammengefaßt. Neben künstlichen Körperteilen stellen Orthopädiemechaniker außerdem Rollstühle, Geh- und andere Hilfsmittel für Behinderte her. Kein Wunder, daß die Auszubildenden einen ausgefüllten Stundenplan haben. "Eigentlich sind die drei Jahre Lehrzeit fast zu kurz, um alles perfekt zu beherrschen", räumt Petra Menkel ein. Allerdings können die angehenden Meister schon während der Ausbildungszeit je nach Talent ihre Schwerpunkte setzten. "Es gibt einige, die sehr fingerfertig sind, und bei anderen ist klar, daß sie später überwiegend Verwaltungsarbeit übernehmen werden." Zur Verwaltungsarbeit gehört bei den Orthopädiemechanikern unter anderem der Kontakt mit den Krankenkassen und Ärzten. Eine Aufgabe, die seit der Gesundheitsreform des früheren Bundesgesundheitsministers Seehofer immer mehr Gewicht bekommen hat.

Im ersten Lehrjahr müssen die Auszubildenden lernen, zu schleifen und zu feilen, Schnallen an Prothesenteile zu nähen und Einlagen zu treiben - sie also in die richtige Form zu bringen. "Es ist gar nicht so einfach, gerade Nähte zu nähen. Da braucht man schon eine ganze Menge Übung", sagt Ausbilderin Menkel. Im zweiten Lehrjahr gießen die Lehrlinge Gipsabrücke und modellieren einzelne Teile. Zudem werden erste Kenntnisse zum Aufbau von Prothesen vermittelt. "Im dritten Jahr müssen die Auszubildenden dann selber Korsetts und Prothesen am Kunden anprobieren", sagt Petra Menkel.

Sascha Schmidt, Lehrling im ersten Lehrjahr, durfte dabei bisher nur zuschauen. "Ansonsten habe ich Einlagen geschliffen, an Kniegelenken mitgearbeitet und Näharbeiten erledigt", erzählt der 19-Jährige. Er zählt noch zu den Anfängern, weiß aber schon, worauf er sich später einmal als Orthopädiemechaniker spezialisieren möchte. "Ich glaube, der Rehabilitationsbereich wird mir am meisten zusagen." Sollte es dabei bleiben, wird Schmidt später Rollstühle, spezielle Badewannen und andere Hilfsmittel für behinderte Menschen bauen. Sein Interesse an diesem Beruf wurde durch eine Zeitungsanzeige geweckt. "Daraufhin habe ich mich über die Ausbildung erkundigt und mich beworben." Ihm habe der Gedanke gefallen, Menschen mit seiner Arbeit helfen und ihnen das Leben erleichtern zu können.

Neben dem Realschulabschluß war das schon einmal eine der wichtigen Voraussetzungen, um die begehrte Lehrstelle zu bekommen. Außerdem sollten die Bewerber offene und mitfühlende Menschen sein und Spaß an Technik, Physik und Anatomie mitbringen. Verlangt wird viel, aber vielleicht sehen deshalb auch die späteren Verdienstmöglichkeiten nicht schlecht aus. Bei einem Anfangsgehalt von 2200 bis 2400 Mark steigert sich das Einkommen je nach Berufserfahrung auf bis zu 3500 Mark. "Nach der Meisterprüfung und entsprechendem Können verdienen Orthopädiemechaniker zwischen 4500 und bis zu 8000 Mark."

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