Zeitung Heute : „Wir kommen auch ohne euch klar!“

Wie lebt es sich zwischen Münster und Aachen, Herr Küppersbusch? Der avantgardistische Heimatkundler über Karneval, Schalke 04 und Katholiken.

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Friedrich Küppersbusch, 43, wuchs auf in Velbert (Bergisches Land), arbeitet in Köln (Rhein) und lebt mit Frau und Kindern in Dortmund (Ruhrgebiet). Als Fernsehmoderator („ZAK“) bekam er den renommierten GrimmePreis, inzwischen produziert er mit seiner Firma probono Sendungen wie „Maischberger“.

Interview: Esther Kogelboom und Norbert Thomma Herr Küppersbusch, Nordrhein-Westfalen hat 18 Millionen Einwohner, es hat ein größeres Bruttoinlandsprodukt als die Niederlande oder Belgien, von den 84 deutschen Großstädten liegen 30 in NRW. Sie haben zehn Sekunden Zeit, dieses Land anzupreisen.

Nordrhein-Westfalen ist die Avantgarde unter den Bundesländern, es ist mit den beiden Kernthemen der Gesellschaft, der Migration und dem Strukturwandel ... halt! Für einen Werbespruch wird das viel zu akademisch.

Neuer Anlauf?

Danke, ja. Wir leben seit 200 Jahren in einer Mixtur aus Italienern, Tschechen, Polen, Griechen, Türken, Unter-, Zwischen- und Oberpommern, Schlesiern. Und die Volltreffer bei den brennenden Asylantenheimen lagen nicht im Ruhrgebiet, wenig in NRW, sondern drum herum. Wir sind die Schmiede eines funktionierenden Multikulturalismus, schon weil wir das Wort gar nicht aussprechen und erst recht nicht korrekt schreiben können. Also, Bürger der Welt: Schaut auf dieses Land!

Eine Wahl verlangt jedem Bürger eine klare Entscheidung ab. Wir stellen deshalb Fragen, in denen es nur eine Antwort gibt: entweder – oder. Ist Nordrhein-Westfalen ein Bindestrichland oder ein…

Das Wort Bindestrichland beschreibt ein Gefühl aus den 50er Jahren, als die Idee neu war, den Niederrhein und Westfalen zusammenzufassen. Doch Sie dürfen das Lipperland nicht vergessen, dieses kleine Ding unten im Wappen, die lippische Landesrose. Das weiß niemand und meist wird sie falsch herum gedruckt. Damit könnten wir stolz den Rechtsanspruch erheben, Gerhard Schröder sei Nordrhein-Westfale. Denn Mossenberg, wo er geboren wurde, kam nach der leiblichen Hervorbringung des Kanzlers zu uns. Wir können aber auch sagen: Mit dem Kerl da haben wir nichts zu tun! Sehr praktisch.

Oder ist NRW ein Trennungsstrichland?

Die Trennungslinie wird jedes Jahr vom 11.11. bis zum Februar gezogen, wenn im Radio ununterbrochen Fremdsprache kommt und geschunkelt wird – das versteht die Hälfte der Menschen in NRW nicht. Dann läuft der Rheinländer unter Geiselnahme des Westdeutschen Rundfunks Amok, und es wird den ganzen Tag „Uffta, uffta“ gesendet.

Und Sie persönlich: Karneval oder Schützenfest?

Weder noch. Ich habe in Köln gelebt und arbeite noch dort, und wer vom 11. 11. an das Anwachsen der Massenpsychose mitkriegt, der ist am Rosenmontag automatisch ein Chefjeck. Wer aber im Kaltstart am Rosenmontag im Kölner Hauptbahnhof ankommt und auf dieses kollektive Delirium trifft – ein Kulturschock. Es ist halt ’ne Volkskrankheit, und jede Krankheit hat eine Inkubationszeit.

Schalke 04 oder 1. FC Köln?

Der 1.FC, auf jeden Fall. Die Kölner haben Selbstironie. Beim Wort Selbstironie guckt der Schalker hilflos zum Dolmetscher. Die Kölner kommen zu uns ins Westfalenstadion...

...Ihr Herz schlägt für Borussia Dortmund ...

...und kriegen ein, zwei Tore ’rein. Dann fangen sie mit den unseren an zu singen „Wir sind nur ein Karnevalsverein“. Und schon ist die Stimmung gut. Das sind drei Punkte, die wir auch in der kommenden Saison wieder gerne nehmen.

Die Grünen plakatieren zurzeit: „Schwarz-Gelb, nein danke“.

Da gibt eine Partei die Wahl schon verloren und versucht nur noch zu drohen mit dem Schreckgespenst des schwarzen Durchmarschs. Der Slogan ist auch fußballerisch blöd, denn schwarz und gelb sind die Trikotfarben von Alemania Aachen und Borussia Dortmund, und dort wird ja auch gewählt. In Dortmund hat mal ein lokaler Hörgerätehändler die Kommunalwahl aufgemischt, der war von der CDU und niemand kannte ihn, auch in der CDU kannte den keiner. Seine Plakate waren eine Coverversion des Safrangelb, das Borussia damals trug. Der Mann kam auf fast 50 Prozent. Die Farbe war halt gut.

Wird der Humor von NRW eher durch den Typ lustige blonde Rheinländerin vertreten oder von Helge Schneider aus Mülheim?

Weder, noch. Schneider siedelt an der Nahtstelle zwischen Korn vom Vater und selbst gedrehtem Joint. Ob dieser schädeldurchgeblasene Humor repräsentativ ist? Eher nicht. Wir haben nicht solche Landesvertreter wie die Bayern mit Ottfried Fischer oder Gerhard Polt. Das liegt auch daran, dass wir Kellerkinder sind. Du gibst nicht damit an, dass du aus Herne-Baukau kommst.

Es gibt keine NRW-Identität?

Nö, dafür ist das Bundesland zu jung. Es gibt regionale Bezugspunkte. Die Münsterländer etwa richten alle Verkehrsschilder nach Münster aus, auch wenn es dorthin 40 Kilometer sind und nach Dortmund nur acht. Und es gibt eine Ruhrgebietsidentität. Das ist mit sechs Millionen die größte Stadt Deutschlands, aber aufgeteilt in Regierungsbezirke wie Arnsberg. Nach dem Krieg war hier alles platt, und man verlegte die Verwaltungen in halbwegs intakt gebliebene Dörfchen ringsum. Das ist heute absurd: Arnsberg! Außerdem wohnt in der Nähe Friedrich Merz.

Der größere lebende Sauerländer: Friedrich Merz oder Franz Müntefering?

Es gibt noch mehr berühmte Sauerländer: Heinrich Lübke!

Der frühere Bundespräsident lebt nicht mehr.

Doch. Denn in meinem Herzen lebt Heinrich Lübke auf ewig fort.

„Westdeutsche Allgemeine“ oder „Rheinische Post“?

Oh, das ist ein Thema des Jammers. Das größte Bundesland hat keine publizistische Posaune im nationalen Meinungskonzert. Aber wenn ich schon wählen muss: die „WAZ“. Sie ist gedruckter Opportunismus nach dem Motto: „Liebe Leser, lassen Sie mich ganz kompromisslos sagen, ich bin völlig Ihrer Meinung.“ Na toll!

Günter Wallraff aus Köln oder der gerade verstorbene Arbeiterschriftsteller Max von der Grün?

Von der Grün. Ich habe mal erlebt, wie er als Juror die Einsendungen von Schülern aussuchen sollte. Es waren Zeichnungen für die Titelseite eines Telefonbuchs. Da saß dann dieser mit allen Literaturpreisen behängte Mann und quälte sich ab, weil er keinem Schüler unrecht tun wollte.

Ihr Kindertraum: Binnenschiffer oder Bergmann?

Lokomotivführer. Ersatzweise Fußballer oder Rennfahrer. Doch meine Tante Lisa sagte, Lokführer ist gut, da musst du nicht zur Armee. Lokführer wurden von den Nazis freigestellt, weil man sie auch so militärisch einsetzen konnte. Ich habe erst später kapiert, was das bedeutet hat: Noch 20 Jahre nach dem Krieg war das Primat der Tante, wähle den Beruf so, dass du es nicht noch mal mit so einer Scheiße zu tun bekommst.

Leben im Ruhrgebiet, Traum oder Trauma?

Keine Frage, ein Traum! Den Bayern wäre ja nach 1945 der Arsch abgefroren, wenn nicht täglich Güterzüge voller Kohle Richtung München gekarrt worden wären, Kohle, die unter mörderischen Bedingungen gefördert wurde. Die Bayern wären schlicht erfroren. Später waren sie die Ersten, die sagten, der Kohlepfennig muss weg! Das interessiert uns nicht, dass die Jungs, die uns 20 Jahre lang die Briketts geschickt haben, an Tuberkulose und Staublunge elend verrecken. Mit diesem Gefühl lebt das Ruhrgebiet: Wir haben keine Lobby.

Katholisch oder evangelisch?

Ich plädiere für eine starke Duldungsstarre gegenüber den Katholiken. Durch sie kommt NRW in den Feiertagscharts gut weg. Die katholische Kirche ist eine Macht auf dem Land, und Köln ist die reichste Diözese der Welt, auch wenn sie das nicht mehr laut sagen, weil das pornografisch klingt.

Der Tatort aus Duisburg oder der aus Köln?

Götz George hat als Kommissar eine Kerbe in die Zeitleiste gehauen, in Duisburg gibt es die Epoche vor und die nach Schimanski. Die Rolle war einfach gut erfunden: Ich habe keine tolle Bildung, ich komme aus einer Gegend, wo keiner tot überm Zaun hängen möchte. Ein Underdog mit Selbstbewusstsein, das passte genau nach Duisburg. So wie der Tatort aus Münster mit seinem vornehmen Gerichtsmediziner zu den Pfeffersäcken dort passt.

Also bitte! Münster ist neulich zur lebenswertesten Stadt der Welt erklärt worden.

Es gibt dort obszön wohlhabende Leute, und auf 200000 Einwohner kommen 60000 Studenten und Uniangehörige. An der Lamberti-Kirche hängen noch die drei geschmiedeten mannshohen Käfige, in denen die Anführer der Wiedertäufer zu Tode gefoltert worden waren. Ist zwar erst 469 Jahre her, aber die katholische Kirche erinnert offenbar gern an ihre ausgefeilte Interviewtechnik.

Es ist die Stadt der Fahrräder, das müsste Ihnen gefallen. Es wird erzählt, Sie seien Freizeitradler.

In Münster sehe ich bis zum Horizont plattes Land, und es bläst gelegentlich heftiger Wind, da geht es nicht voran. Ich knechte mich lieber am Berg ab, da bist du irgendwann oben und genießt den Triumph. Dieses Gefühl ist dem Münsteraner unbekannt.

Beim Durchfahren sieht NRW eher nicht wie eine Gebirgslandschaft aus.

Wohin fährt der Niederländer zum Skifahren? Zu uns. Der Schnee ist nicht ganz so kalkulierbar wie in den Alpen, aber wir haben ein veritables Wintersportgebiet. Die Bobbahn von Winterberg liegt übrigens nicht in Thüringen oder Bayern, sondern hier. Ja, NRW ist eine komplette kleine Kulturnation. Wir kämen auch ohne euch klar!

Ihr Lieblingsnachbar: Belgien oder Holland?

Ein NRWler verbringt spätestens den zweiten Urlaub seines Lebens in Holland. Da erlebt er das erste Mal Ausland. Wenn die holländischen Kinder auf dem Spielplatz rauskriegen, es redet einer deutsch, dann rufen die „Heil Hitler“. Und schon begreift auch ein Sechsjähriger, dass da etwas richtig Scheiße gelaufen sein muss. Andererseits gibt es grenzübergreifende Handelskammern und ganze Gemeinden, die zusammenarbeiten.

Urlaub in Zandvoort oder am Ijsselmeer?

In Irland. Wenn ich totgetrampelt werden möchte, kann ich auch Ferien in der Berliner U-Bahn machen.

Samstagnachmittag: Rasen mähen, Auto putzen oder Stadion?

Am Dortmunder Westfalenpark gibt es eine Radrundstrecke für heftig rauchende Ausgleichssportler, 800 Meter nierenförmig in einem Wäldchen. Und bei den Heimspielen von Borussia Dortmund höre ich an der Geräuschkulisse, wie es steht.

Sie hatten mal eine Dauerkarte für Borussia.

Ja, ich bin auch unter Inkaufnahme eines vergurkten Spiels hingegangen, weil sich die Fans immer Neues ausgedacht haben. Gesänge wie „Einfach gut, bei McDonald’s gibt es Schalker Blut“. Irgendwann wurden die Zuschauer mit Werbung und Sponsorenquatsch in eine Konsumrolle reingeprügelt, dann hat der Verein vom Band die alten Fangesänge eingespielt, und der Stadionsprecher sagte: „Singt doch mit!“ Da wollte ich nicht mehr.

Trotzdem kommen immer 80000 Zuschauer.

Das ist bewundernswert. Die lassen sich auch von dem Spekulantenpack nicht vergraulen, das den Verein gerade zu ruinieren versucht. Als neuer Clubname ginge „Grashoppers Dortmund“, wegen Münte. Ich fand allerdings die Idee, im Ruhrgebiet ein sozialdemokratisches Bayern München zu etablieren, immer schon Kopfschuss.

Rheinischer Kapitalismus oder rheinischer Sauerbraten?

Ganz klar rheinischer Kapitalismus. Den Sauerbraten gibt’s ja noch, und ich bin immer für die untergegangenen Sachen.

Bei den Radiosendern: Den Klassiker WDR 2 oder die Jugendwelle Eins Live?

Ich nehme WDR 5 mit der Musik von Eins Live, die spielen tagsüber die Charts und abends Indie. WDR 5 hat einen sagenhaften Wortanteil von 50 Prozent, das ist noch richtiges Radio. Doch die Musik stellt garantiert sicher, dass diese Worte wirklich nur an eine penibel ausgesuchte Elite geraten. Die senden unablässig Jazzgezupfe. So viel konnte Django Reinhardt zu Lebzeiten gar nicht klampfen, wie die gerne senden würden.

Ein kleiner Verdacht: Der Wortanteil im WDR ist so hoch, weil die Staumeldungen so lange dauern.

Der WDR könnte zu jeder vollen Stunde die Verkehrshinweise als Taschenbuch herausgeben, das stimmt. Mich stören die Staus nicht.

Bericht aus Bonn oder Bericht aus Berlin?

Friedrich Nowottny ist der Gottvater des Infotainment, der Erfinder der politischen Unterhaltung. Mit ihm war der Bericht aus Bonn ein avantgardistisches Format. Das Bedürfnis des Publikums nach einer Stunde Sozialkunde pro Woche ist völlig auf Sabine Christiansen übergegangen.

Bei der Umzugsdebatte waren Sie auf der Seite der Kleinkarierten.

Volle Kanne. Bonn war gut. Vor dieser deutschen Hauptstadt hat nicht einmal Luxemburg Angst gehabt. Bonn signalisierte: Wir sind klein, fein, und wenn du mal Langeweile willst, komm in unser Dorf und langweile dich hier. Da steht nicht dieses friederizianische und bismarcksche Geprotze rum und auch keine Naziästhetik, die einem sagt: Du Wurm! Es ist doch schön, dass die Chefpazifisten aus SPD und Grünen das erste Mal von Berlin Bundeswehrsoldaten in den Krieg schickten. So ist unser nordrhein-westfälisches Panier nicht beschmutzt. Ich brauche keine Hauptstadt, die ruft: Hallo, wir sind die Dicksten! Berlin tut das.

Die Nordrheinwestfalen sind bescheiden?

Mit Ausnahme der Düsseldorfer.

Die Sonntagsfrage: Jürgen Rüttgers oder Peer Steinbrück?

Die SPD wird weitermachen wie bisher, die hat nichts gelernt, fürchte ich. Rüttgers will mal den neoliberalen Kapitalismus, und nach der ersten Hartz-IV-Demonstration sagt er dann wieder: Wir müssen das sozialverträglich machen. Er wirkt manchmal, also wolle er vier Jahre überlegen, welche Meinung er hat. Jürgen Jein oder Peer wer? Das ist doch mal ’ne Alternative.

Grüne oder FDP?

Die Grünen sind ja rasch dem Heuschreckenschutzverband beigetreten und zielen auf die Kerngruppe saturiertes Bürgertum. Ihre Spitzenkandidatin Bärbel Höhn ist eine echte Mutter Courage, die würde ohne den grünen Rest 20 Prozent bekommen. Und die FDP in NRW mit Parolen wie „Die Steinkohlesubventionen müssen weg“ zu vertreten ist echter Extremsport. Immerhin, die trauen sich was!

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