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Von Pfadfindern und Pfadbrechern: Ein Graduiertenkolleg untersucht blockierte Organisationen

Christine Boldt

Manche Pfade haben Elke Schüßler in ihrem früheren Job als Unternehmensberaterin fast in den Wahnsinn getrieben. Zum Beispiel, wenn eine vernünftige Idee – zur Vereinfachung der Entscheidungsprozesse in einer Firma etwa – von scheinbar unsichtbaren Kräften ins Abseits gedrängt wurde. „Man könne es probieren“, so zunächst die vage Antwort der Verantwortlichen, doch dann liefen die vorgeschlagenen Neustrukturierungen oft doch wieder vor die Wand. „Institutionelle Trägheit, vorauseilender Gehorsam oder Angst sind Beharrungskräfte, die eine Organisation in ihrem Ist-Zustand gefangen halten können“, erklärt Elke Schüßler. „So wird vorhandenes Innovationspotenzial häufig nicht genutzt, Veränderungsimpulse verlaufen im Sand.“ Strukturen hätten eine Neigung, sich durch Gewohnheit und Zeit zu verfestigen, das heißt, sich zu Pfaden auszuprägen. Bis sie sich schließlich verselbstständigten und niemand mehr nach Ursache und Nutzen frage.

Niemand? Nicht ganz. Denn spätestens seitdem die halbe Republik über „Reformstau“ oder „gesellschaftlichen Wandel“ diskutiert, geht es immer auch um die Möglichkeiten und Bedingungen von strukturellen Veränderungen. Und Begriffe wie „Betriebsblindheit“, „Routinen“ und „Markteintrittsbarrieren“ scheinen auch auf die Entscheidungsunfreiheit des Einzelnen zu verweisen. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz von Pfadabhängigkeiten – das heißt fest gefahrenen Strukturen – ist längst auch in unserer Sprache verankert. Meist ahnt der Einzelne nicht, wie sehr ihn der Pfad regiert.

Seit diesem Sommersemester ist Elke Schüßler eine von 16 Stipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die im Rahmen des Graduiertenkollegs „Pfade organisatorischer Prozesse“ an der Freien Universität nach Pfadabhängigkeiten forschen. Angesiedelt ist das betriebswirtschaftliche Kolleg am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft, die Kollegiaten und beteiligten Wissenschaftler allerdings kommen nicht nur aus der BWL, sondern auch aus anderen Fachrichtungen. „Eine Wunschgruppe“, schwärmt Jörg Sydow, Sprecher des Kollegs und Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmenskooperation an der FU Berlin, mit Blick auf die interdisziplinäre Zusammensetzung der Gruppe. „Hier arbeiten neben Betriebswirtschaftlern VWLer, Politologen, Soziologen und Psychologen an einem betriebswirtschaftlich und gesellschaftlich relevanten Themenkomplex – das verspricht ungeheuer fruchtbar zu werden.“

Wie aktuell und praxisbezogen die Pfadforschung am Kolleg ist, verraten einzelne Forschungsprojekte der Kollegiaten. Ein Thema war der Start des Airbus A380. Wie reagiert Boing auf den Entwicklungs- und Marktvorsprung seines größten Konkurrenten? Und: Kann Boing überhaupt noch reagieren oder ist das Unternehmen in seinem historischen Pfad derart „eingeloggt“, dass es eine Strategie der Großraumflugzeuge überhaupt nicht mehr fahren kann?

Ein anderes Beispiel ist die Krise der Berliner Bankgesellschaft, deren dramatische ökonomische Folgen Berlin noch über Jahre hinweg knebeln werden. Warum wurden die Warnhinweise, die das Unternehmen seit seiner Gründung begleiteten, nicht beachtet? Welche Ereignisse, welche Interessen führten auf den verhängnisvollen Pfad? Und: Was können Unternehmen und Politik aus einem solchen Fall lernen?

Wie und warum entstehen in eine bestimmte Richtung blockierte Entscheidungspfade, so genannte „Logg-Ins“? Warum tippen wir zum Beispiel heute immer noch auf der Tastatur „QWERTY“ (benannt nach den Buchstaben in der linken Hälfte der oberen Reihe der amerikanischen Schreibmaschinentastatur, deutsch: ,QWERTZ‘)? Entwickelt wurde sie vor 130 Jahren, dabei gab es in der Zwischenzeit immer wieder Modelle einer effektiveren Buchstabenanordnung.

Gefördert wird das Graduiertenkolleg mit rund 1,5 Millionen Euro über insgesamt neun Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Bundesweit finanziert die DFG derzeit 270 Kollegs, darunter zehn im Bereich Wirtschaftswissenschaft. Fast sieben Prozent aller Dissertationen (Humanmedizin nicht mitgerechnet) werden an deutschen Hochschulen inzwischen im Rahmen von Graduiertenkollegs abgelegt.

Ein „Pfad“ mit Zukunft: Auch die von den Ministerpräsidenten initiierte „Exzellenzinitiative“, die besonders herausragende „Projekte“ wie Graduiertenschulen oder so genannte „Exzellenzcluster“ fördern will, belegt den Erfolg der Graduiertenkollegs. Deren Teilnehmer sind bei Abschluss ihrer Dissertation übrigens im Schnitt drei Jahre jünger als ihre individuell promovierenden Kollegen.

In drei Jahren will Elke Schüßler promoviert sein. Dann werden ihr mit ihrem Psychologie-Studium in England, einem Master in Industrial Relations and Personnel Management an der renommierten London School of Economics (LSE) und drei Jahren in einer Unternehmensberatung wohl verschiedene Arbeitswelten offen stehen. Alles andere als ein festgetrampelter Pfad.

Die Autorin ist Koordinatorin des Pfadkollegs am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Berlin. Weitere Informationen über das Graduiertenkolleg unter www.pfadkolleg.de.

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