Zeitung Heute : „Wir müssen aufeinander zugehen“

Auszüge aus der Antrittsrede des neuen Bundespräsidenten Christian Wulff:

„Dies ist für mich ein bewegender Moment. Er erfüllt mich mit Freude und Ernst, mit Zuversicht und Demut. Ich weiß um die große Verantwortung, die das Amt des Bundespräsidenten mit sich bringt. Ich bin dankbar dafür, nun in diesem Amt dienen zu dürfen – Deutschland und den Deutschen und allen Menschen, die hier leben ...

Heute vor 15 Jahren war das Reichstagsgebäude verhüllt von einem großen silbrigen Tuch. Hunderttausende kamen und staunten, wie fremd und zugleich wie schön dieser Schicksalsort deutscher Demokratie auf einmal wirkte, dank künstlerischer Kraft und technischem Können. Das Kunstwerk hat damals ein Gemeinschaftsgefühl geweckt zwischen Menschen aller Altersstufen, Nationalitäten, Herkünfte, Berufe ...

Heute sind das Reichstagsgebäude und der Deutsche Bundestag die Mitte unserer parlamentarischen Demokratie und ein Muss für jeden Berlinbesucher. Die Silhouette ist weltweit ein Symbol unserer geglückten Einheit in Freiheit. In diesem Bau herrscht der Geist der parlamentarischen Demokratie, wie es die Mütter und Väter des Grundgesetzes erhofft und vorgedacht haben – friedfertig und wehrhaft, vielstimmig und solidarisch, auf Mehrheiten gebaut und die Minderheit achtend ...

Unser Land ist reich an alledem. Seine größte Stärke sind die Menschen, die hier leben. Ihre Vielfalt und ihre Talente machen Deutschland lebens- und liebenswert. Mir ist es wichtig, Verbindungen zu schaffen: zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus Ost und West, Einheimischen und Zugewanderten, Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Arbeitslosen, Menschen mit und ohne Behinderung. Das ist nicht einfach – es gibt unterschiedliche Interessen, es gibt Vorurteile gegeneinander, Bequemlichkeiten und Anspruchsdenken. Ich will helfen, über all das hinweg Brücken zu bauen. Wir müssen unvoreingenommen aufeinander zugehen können, einander aufmerksam zuhören, miteinander sprechen.

Es gibt so viele Erfolgsgeschichten. Ich erinnere mich an die Begegnung mit dem Vater von Frau Özkan, der ersten Landesministerin muslimischen Glaubens in Deutschland. Ein Mann, der hier seit über 40 Jahren hart arbeitet und auf die Bildung und den Fleiß seiner Kinder Wert gelegt hat und der nun erlebt, wie erfolgreich und geachtet seine Tochter in unserer Gesellschaft ist. Seine Augen strahlten vor Glück. Ich wünsche mir ein Land, in dem möglichst alle Eltern dieses Glück empfinden können. Dabei weiß ich: Es gibt noch längst nicht genug solcher Erfolgsgeschichten. Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein, dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle gleich gute Bildungschancen bekommen? Meine Antwort auf solche Fragen lautet: Wenn wir weniger danach fragen, wo einer herkommt, als wo er hinwill. Wenn wir nicht mehr danach fragen, was uns trennt, sondern was uns verbindet ... Dann wird Neues, Gutes entstehen – aus urdeutscher Disziplin und türkischem Dribbling zum Beispiel, aus preußischem Pflichtgefühl und angelsächsischer Nonchalance, aus schwäbischer Gründlichkeit und italienischer Lebensart – und demnächst vielleicht aus rheinländischer Lebenskunst und chinesischer Bildungsbegeisterung.

Und Deutschland wird auch dann gewinnen, wenn wir weniger danach fragen, wie alt jemand geworden ist, sondern erkennen, wie jung viele geblieben sind. Ich bin immer wieder beeindruckt von dem Elan, mit dem bei uns Seniorinnen und Senioren Verantwortung übernehmen und Gutes bewirken ...

Darum ist es so wichtig, dass unser Land viele Gelegenheiten bietet dafür, Verantwortung zu übernehmen und für andere da zu sein. In Deutschland ist die Freiheit verbürgt, Vereine zu gründen und Bürgerinitiativen. Aber diese Freiheit ist nichts ohne das Bedürfnis so unendlich vieler Bürgerinnen und Bürger, sie zu nutzen und zu leben. Das gilt auch für die politischen Parteien. Sie sind viel besser als ihr Ruf. Sie bieten den politisch Interessierten eine Heimat und ringen um die besten Lösungen für unser Land. Dennoch greift das Gefühl um sich, die Parteien seien verschlossen und neigten dazu, die Herausforderungen nicht beim Namen zu nennen und die politischen Angelegenheiten unter sich auszumachen. Erinnern wir uns: Die politischen Parteien wirken an der politischen Willensbildung des Volkes mit ... Wenn nun immer mehr politische Entscheidungen von immer weniger auch in Parteien aktiven Menschen vorbereitet und getroffen werden, dann sollten wir weniger diese Aktiven kritisieren als vielmehr die anderen wieder stärker für die Aufgabe der politischen Selbstbestimmung begeistern und sie daran beteiligen ... Und auch die Bürgerinnen und Bürger, die nicht in Parteien engagiert sind, müssen leicht die Erfahrung machen können, wie spannend die Mitarbeit an politischen Aufgaben sein kann ...

Nehmen wir nur das Beispiel der Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns seit mehr als zwei Jahren in Atem hält. Seither lastet auf der Bundesregierung eine besonders hohe Verantwortung. Durch rasche und besonnene Entscheidungen ist es gelungen, die Folgen der Krise deutlich abzufedern – vor allem die Folgen für den Arbeitsmarkt. Dazu haben viele beigetragen: die Tarifparteien, vorausschauende Unternehmen, verantwortungsvolle Gewerkschaften und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ... Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass sich Krisen dieses Ausmaßes nicht wiederholen. Darum ist es wichtig, die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen und den Finanzmärkten endlich gute Regeln zu geben ...

Wir müssen offen sein für die Kooperation mit allen anderen Teilen der Welt auf der Grundlage gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens. Dazu müssen wir andere Kulturen besser kennen und verstehen lernen, müssen wir auch hier auf andere zugehen und den Austausch verstärken. Das können wir schon hier bei uns einüben, in unserer Bundesrepublik, in unserer bunten Republik Deutschland. Besonders dazu will ich in den kommenden Jahren beitragen. Wenn viele sich dafür begeistern, dann werden wir unser Land und was in ihm steckt ganz neu entdecken. Ich bin überzeugt: Dann wird uns auch in Zukunft viel gelingen, dann werden wir noch oft so fröhlich und staunend auf das blicken, was da gelungen ist – ganz wie damals vor dem verhüllten Reichstag.“

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