Zeitung Heute : „Wir müssen die Instrumente richtig nutzen“

Kriminologe Kreuzer über Wege, mit Sexualverbrechern umzugehen

-

ARTHUR KREUZER (65)

ist Professor für

Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Universität Gießen.

Foto: Universität Gießen

Werden Kindermörder in Deutschland hart genug bestraft?

Wir haben dazu alle rechtlichen Instrumente. Wir müssen sie nur richtig bedienen und konsequent anwenden. Wir können Täter zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilen, auch über einen Zeitraum von 15 Jahren hinaus. Die Strafe kann sogar bis zum Lebensende dauern, wenn ein Wiederholungsrisiko besteht. Daneben gibt es die Möglichkeit, Täter nach der Haft in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen. Und wir haben die Sicherheitsverwahrung für Täter, die mehrfach auffällig geworden sind.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat gefordert, Kinderschänder lebenslang wegzusperren. Das Gericht in Aachen ist dem jetzt im Grundsatz gefolgt. Was halten Sie davon?

Lebenslang ist in einem solchen Fall die angemessene Strafe. Wegen der schweren Schuld ist davon auszugehen, dass die Täter auch nach 15 Jahren weiter in Haft bleiben. Allerdings haben wir – und das hat uns das Bundesverfassungsgericht ausdrücklich aufgegeben – keine Einsperrung von Tätern, die automatisch bis zum Lebensende dauert. Es muss immer das Prinzip Hoffnung gelten. Wenn jemand sich durch Behandlung so weit ändert, dass er kein Risiko mehr darstellt, dann muss man ihn wieder freilassen.

Wo sehen Sie dann den Handlungsbedarf für den Gesetzgeber?

Ich sehe im Strafrecht keinen Handlungsbedarf. Wir haben hohe Strafandrohungen – bei Mord die Höchststrafe. Mehr getan werden müsste bei der Prävention, zum Beispiel der Kontrolle des Internets. Die Möglichkeiten der Polizei müssen verbessert werden, Zugänge zu bekommen und Verdachtsfällen nachzugehen. Hier sind wir noch nicht sehr weit gekommen.

Ist die Verschärfung von Strafen überhaupt geeignet, Kinder besser vor Tätern zu schützen?

Ich sehe keine Sicherheitslücke. Es gibt keinen Grund, aus populistischen Gründen die Strafen zu erhöhen. Die öffentliche Debatte über eine Verschärfung führt dazu, dass Gutachter immer vorsichtiger werden. Da ändert sich etwas, und zwar nicht zum Besseren. Diese Entwicklung könnte dazu führen, dass in Zukunft wesentlich mehr Leute in Justizeinrichtungen verwahrt werden als nötig. So sind die Verwahrungszeiten in psychiatrischen Krankenhäusern in den letzten Jahren drastisch heruntergegangen, ohne dass sich die Rückfalltaten vermehrt hätten. Auch bei Sexualstraftaten an Kindern gibt es – anders als die Medien nahe legen – eine rückläufige Tendenz. Wenn wir also die Strafen verschärfen, sperren wir mehr Leute ein, als eingesperrt werden müssten.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben