Zeitung Heute : „Wir müssen die Schüler und Lehrer erreichen“

Mathematiker lassen Saurier auferstehen und schenken Hans Magnus Enzensberger einen Stern. Ab Januar feiern sie das Jahr der Mathematik

Mathematik ist Kunst, ist Film, ist Hightech. So sieht es Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik an der TU Berlin und einer der Organisatoren des Wissenschaftsjahres 2008, das der Mathematik gewidmet wird. Im Auftrag der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und verschiedener Fachgesellschaften arbeitet er mit dem Bundesforschungsministerium, der Gesellschaft „Wissenschaft im Dialog“ und der Deutschen Telekom Stiftung zusammen. Außerdem leitet er die „Berlin Mathematical School (BMS)“ der drei Berliner Universitäten, die innerhalb der Exzellenzinitiative vom Bund und den Ländern gefördert wird.

Denken wir das Jahr der Mathematik vom Ende her. Wann wird es ein Erfolg gewesen sein?

Wenn es uns gelungen ist, ein neues Bild der Mathematik in der Öffentlichkeit und vor allem in den Schulen zu vermitteln: dass Mathematik spannend, vielseitig, bunt und hochaktuell ist und ganz viel mit unserem Leben zu tun hat. Wir müssen erreichen, dass von dem Mathematikjahr über 2008 hinaus etwas bleibt.

Wie soll das geschehen?

Es soll zum Beispiel ein Informationsbüro aufgebaut werden, das Inhalte, Informationen und Materialien rund um die Mathematik für die Schulen und die Medien aufbereitet und bereitstellt. Das zielt natürlich weit über 2008 hinaus. Das Büro soll sich zu einer Anlaufstelle entwickeln für Lehrer und Journalisten.

Wo setzen Sie die Schwerpunkte?

Mir ist ganz wichtig, dass wir als Wissenschaftler einen Zugang zu den Schulen finden. Es wird nicht so sehr darauf ankommen, dass an jeder Wand ein Plakat zum Mathematikjahr prangt, sondern dass an jeder Schule mindestens ein Lehrer als Multiplikator fungiert, um die Begeisterung für das Fach in die Klassen zu tragen. Darüber hinaus könnte das Informationsbüro auch Service für die Öffentlichkeit bieten. Die Mitarbeiter sollen helfen, spannende Storys zu entdecken, die sich in der Mathematik verbergen, damit sie ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Das findet leider noch viel zu selten statt.

Was darf die Öffentlichkeit während des Jahres der Mathematik erwarten?

Wir werden vier Schwerpunkte setzen: Einer wird „Mathematik zum Anfassen“ sein, mit Ausstellungen und dazu gehörigen Katalogen. Ein zweiter wird eine Schulkampagne sein, um Schüler, Lehrer und Eltern für Mathematik zu begeistern. Der dritte Schwerpunkt hat zum Ziel, die Verbindung zwischen Mathematik und Industrie darzustellen. Natürlich gibt es auch Großveranstaltungen wie die Eröffnung des Mathematikjahres im Januar. Für mich hat aber eindeutig Vorrang, die Mathematik in die Schulen zu tragen.

Immer wieder ist die Kritik zu hören, dass Mathematik an den Schulen anders vermittelt werden muss. Wie müsste man den Unterricht gestalten?

Die Frage, wofür Mathematik nützlich ist und warum sie gelernt werden soll, muss auf vielfältige, ernsthafte und aktuelle Weise beantwortet werden. Ernsthaft heißt, dass es nicht genügt, autoritär zu verkünden, dass jeder Mathematik können muss. Vielfältig heißt, dass Mathematik als etwas Spannendes und Herausforderndes dargestellt wird, woran man beweisen kann, dass man denken kann. Vielfältig heißt aber auch, dass es nicht nur eine Antwort geben kann, sondern unterschiedlichen Schülern unterschiedliche Antworten zu geben sind. Aktuell heißt zum Beispiel aufzuzeigen, dass Mathematik eine wichtige Grundlage unserer Hightech-Industrie ist. Dieser Zusammenhang wird im Unterricht viel zu wenig hergestellt.

Welche Gründe sehen Sie für dieses Versäumnis?

Die Lehrpläne bieten einerseits viel zu wenig Freiräume für Lehrer und Schüler. Andererseits widerspiegeln sie ein Bild der Mathematik aus dem 19. Jahrhundert. Die Stundenpläne sind überfrachtet und lassen keinen Platz für Fantasie. Ich weiß nicht, ob den Schülern bewusst ist, welche Berufsmöglichkeiten sich einem Mathematiker bieten. Ob in der Auto- oder Filmindustrie – überall gibt es für Mathematiker tolle Jobs. Mathematik ist eine Grundlage der modernen Technologien.

Für die meisten Menschen ist die Mathematik nur eine Ansammlung unverständlicher Formeln, nichts als graue Theorie. Helfen Sie, die bunte Seite zu entdecken!

Die Kunst ist eine solche bunte Seite der Mathematik. Viele Künstler beschäftigen sich mit mathematischen Strukturen und deren bildhafter Umsetzung. Denken Sie nur an die weltberühmten geometrischen Muster von Victor Vasarely. Die Mathematik gibt dem Künstler aber auch ganz neue Hilfsmittel an die Hand.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Etwa die mathematische Grafik. Sie ist eine neue Methode, mathematische Strukturen umzusetzen. Nehmen Sie zum Beispiel den Enzensberger-Stern. Damit ehrte die Deutsche Mathematiker-Vereinigung den Literaten Hans Magnus Enzensberger im vergangenen Jahr für seine Verdienste um das Ansehen dieser Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Es handelt sich um ein Objekt, das im Computer entworfen und dargestellt wurde. Als solches ist der Stern ein mathematisches Gebilde, das ich übrigens als sehr ästhetisch empfinde.

Wo steckt denn noch Mathematik drin?

In Kinofilmen. Sie sind eine solche bunte Facette der Mathematik, denn jeder moderne Kinofilm ist mathematische Hochtechnologie. Am augenfälligsten wird es in den computeranimierten Streifen. Denken Sie nur an die Ratten aus dem Animationsstudio Pixar. Da steckt – neben einer Menge Kreativität – eigentlich nur Mathematik drin. Und dass die Dinosaurier wieder auferstanden sind, ist ohne Mathematik einfach undenkbar.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche

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