Zeitung Heute : „Wir müssen erst eins auf die Fresse kriegen“

Der Bestseller-Autor Frank Schätzing über Tsunamis und andere Katastrophen, die Gefahren von morgen – und wie ein Thriller Leben retten kann

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Herr Schätzing, wie fühlt man sich als Lebensretter?

Wie bitte?

In Ihrem Erfolgsroman „Der Schwarm“ beschreiben Sie, wie ein Tsunami Nordeuropa zerstört. Als zehn Monate später auf die Küsten Südostasiens tatsächlich eine Monsterwelle zurollte, überlebten manche nur, weil sie Ihr Buch gelesen hatten.

Stimmt. Gerade habe ich wieder ein Ehepaar getroffen, eine ganz abenteuerliche Story. Der Mann hat abends in Sri Lanka am Strand gesessen und das Tsunami-Kapitel gelesen. Am nächsten Tag ist er, weil er sich nicht lösen konnte, statt zum Frühstück erst mal zum Strand gegangen, um weiterzulesen. Er schlägt gerade das Buch auf, als plötzlich das Wasser zurückweicht. Wie vom Donner gerührt sitzt er da, denkt: Das kann doch nicht wahr sein. Dann ahnt er, was passiert. Er evakuiert den Strand und rettet zwanzig bis dreißig Leute, inklusive sich selbst und seine Frau. Ich habe mich lange mit ihnen unterhalten.

Was war das für ein Gefühl?

Das ist schon sehr eigentümlich, wenn da Leute sagen: Ohne Ihr Buch wären wir jetzt tot. Schwer zu realisieren. Übrigens wird man dabei keineswegs größenwahnsinnig, im Gegenteil, eher demütiger. Du denkst: Gott sei Dank!

Haben Sie mal einen Tsunami erlebt?

Nein, aber ich habe so gut wie jedes Filmdokument, das je von einem Tsunami aufgenommen wurde, gesichtet. Das Wasser verschwindet in einer affenartigen Geschwindigkeit, plötzlich werden Sachen sichtbar, die Sie normalerweise niemals sehen. Bei dem verheerenden Tsunami an Weihnachten sind viele neugierig rausgelaufen in die plötzliche Ebbe und haben sich die herumliegenden Fische angesehen. Kaum einer hat gewusst, wie Tsunamis funktionieren – und dass das Wasser mit tödlicher Wucht zurückkommt.

Wissen Sie eigentlich, wie vielen Menschen Sie das Leben gerettet haben?

Vielleicht ein paar hundert Leuten. Einige Dutzend haben reagiert, mir geschrieben. Ein Tauchlehrer, der das Buch gelesen hatte, evakuierte seine Tauchschule und den ganzen Strand. Irre. Irre.

Sie haben prophetische Gaben.

Nicht im Geringsten! Ich habe nur ein Naturphänomen beschrieben, das seit Anbeginn der Welt immer wieder auftritt.

Bis zu Ihrem Buch hatte kaum jemand von diesem Phänomen gehört.

Was auch mit unserer Gabe der Verdrängung zu tun hat. 1755 zerstörten ein Erdbeben und ein Tsunami Lissabon, eine Riesenwelle klatschte über die Stadt, riss sie nieder. Aber das ist kaum noch in den Köpfen. Man glaubt, die Erde hat sich beruhigt, uns trifft es nicht. Darin liegt eine große Gefahr. Ein Teil unserer Allgemeinbildung ist verloren gegangen: grundlegendes Wissen darüber, wie dieser Planet funktioniert.

Im „Schwarm“ trifft es Nordeuropa. Wie wahrscheinlich ist das?

Das kann durchaus passieren. Vor der Küste Norwegens hat es vor 8000 Jahren eine Rutschung am Meeresboden gegeben, die einen Tsunami verursachte. Geologen können das heute noch nachweisen. So findet man in Schottland und anderswo plötzlich eine dicke Schlammschicht im Sediment, durchsetzt mit den Resten von Meeresorganismen.

Auf der Kanarischen Insel La Palma kann es bei einem Vulkanausbruch zu einem gewaltigen Bergrutsch kommen. Ein Tsunami, der dort losrollt und die Ostküste der USA bedroht – ist auch das möglich?

Nicht nur möglich. Das ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. Wobei nicht klar ist, ob der Hang im Ganzen abbricht oder eher harmlos in kleinen Etappen.

Woher kommt Ihre Faszination fürs Meer?

Die ist da, seit ich Jules Vernes „20 000 Meilen unter dem Meer“ gelesen habe. Später habe ich meinen Tauchschein gemacht. Ich bin von allem fasziniert, was man nicht direkt sehen kann. Das Tolle am Meer ist doch: Nach ein paar Metern wird’s dunkel, aber dann geht es erst richtig los – das beschäftigt die Fantasie.

Keine Angst vor dem Meer?

Im Gegenteil.

Die Idee für den „Schwarm“ soll Ihnen im Traum gekommen sein.

Um das richtig zu stellen: Ich habe natürlich nicht das ganze Buch geträumt, sonst hätte ich sechs Monate im Koma gelegen.

Sie hätten nur noch abschreiben müssen.

Ja, super, nicht? Aber die Kernidee habe ich tatsächlich geträumt, vor etwa zehn Jahren. Ich schwebte über den Ozean und sah einen gigantischen Fischschwarm. Im selben Moment wurde mir klar: Da hat sich etwas gegen die Menschen verschworen. Stell dir mal vor, dachte ich, als ich aufwachte, alles Leben im Meer würde sich zusammenrotten und gegen uns zu Felde ziehen. Das hast du so noch nicht gelesen, also mach ein Buch draus. Ich wusste sofort, dass ich es den „Schwarm“ nennen würde. Immerhin, morgens um drei.

Tsunamis, Hurrikans, Erdbeben – passieren in letzter Zeit mehr Katastrophen oder nehmen wir sie nur mehr wahr?

Letzteres. Ich denke schon, dass es einen Klimawechsel gibt, der zu mehr Monsterstürmen führen wird. Da ist aber immer noch die Frage: Wie viel davon ist hausgemacht und was ist das Resultat einer natürlichen Entwicklung? Wir erleben das Ende einer Eiszeitepoche. Immer wieder kam es in der Geschichte zum Abschmelzen und Anwachsen der Polkappen. Und schon der Anstieg von einem Grad Meerestemperatur setzt die Heftigkeit von Hurrikans enorm nach oben.

In den 80er Jahren herrschte die Angst vor einem Atomkrieg. Heute liest man Nachrichten über schreckliche Naturkatastrophen, die uns bevorstehen, wie das Ende des Golfstroms – und wir nehmen es so hin.

Das sind andere Ängste. Wenn der Golfstrom versiegt, was passiert denn da? Das muss ich mir erst mal vor Augen führen. Gar nicht so einfach für die Fantasie. Es ist ja nicht so, dass einer auf den Knopf drückt, und – patsch! – alles ist vereist. Dass hier über Köln ein Atompilz aufsteigt, ist viel leichter vorstellbar. Außerdem war die Atomgefahr damals viel realer, näher an uns dran. Ich denke, dass unsere Ängste heute eher in Richtung Terrorismus gehen: Dass ich eben nicht weiß, was mich erwartet, wenn ich in die U-Bahn steige.

Ist das der Grund, warum Klimakonferenzen nur schleichend vorankommen?

Offenbar brauchen wir das Eintreten des Desasters, damit wir etwas dagegen tun. Menschen sind nicht dazu gemacht, präventiv zu handeln. Wir müssen die Katastrophe erst erlebt haben. Ich muss eins auf die Fresse kriegen, dann werde ich wach und sage: Ach, so ist das!

Ihr Kollege Michael Crichton hält die weltweite Reduzierung von Treibhausgasen für Geldverschwendung …

Crichton hat in manchem Recht. Da wird zum Teil zu viel Geld verschwendet auf der Basis unzureichender Fakten. Und wo er auch Recht hat: Unsere Vorstellung von einem Gleichgewicht der Natur ist romantisch und idiotisch. Wir haben das Gefühl, wir müssten eine harmonische Natur wiederherstellen. Aber die Natur ist nicht harmonisch, sie ist chaotisch.

Crichton meint, wir müssen nichts tun, wir hätten eh keinen großen Einfluss auf die Klimaerwärmung.

Und da irrt er. Da ist er mir nicht sehr sympathisch. Crichton ist großartig, aber sein letztes Buch „Welt in Angst“ ist ideologisch einseitig. Und auch darum kein Meisterwerk, weil ihm allzu deutlich anzumerken ist, dass er zuerst eine politische Message hatte und sich dann überlegt hat, wie er die mit einem Thriller rüberkriegt. Es muss aber umgekehrt sein: Ich muss einen Thriller zunächst mal schreiben, um die Leute gut zu unterhalten. Wenn dann die Message en passant dazukommt, ist das okay.

Hat der „Schwarm“ eine Message?

Die ist reingewachsen. Man darf das Buch aber auch lesen und einfach nur Spaß haben.

Die Message könnte lauten: Der Mensch sollte demütiger sein.

Demut, das ist so ein klerikaler Begriff …

Wir sind ja in Köln.

Gerade da. Die Kölner sind fromm, aber nicht christlich. Nein, mehr Respekt, mehr Umsicht. Darum geht es. Nachhaltiges Vorgehen. In unserem eigenen Interesse. Wissen Sie, der Erde ist es scheißegal, wie viele Rassen auf ihr rumlaufen. Der Planet sieht das neutral. Aber wenn wir hier weiterleben möchten, müssen wir begreifen lernen, welche Rolle wir einnehmen.

Die wäre?

Dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, dass wir nicht über allem stehen, alles steuern können, sondern eingebunden sind als Teil in ein großes Ganzes. Alles, was wir tun, fällt auf uns zurück.

Klingt ein bisschen wie eine Rede vom Gründungsparteitag der Grünen.

In dem Punkt haben die Grünen ja auch Recht. Wir sind nur eine von zig Millionen Varianten des Lebens auf einer Kugel, mehr nicht. Wenn morgen die Wanderameisen aus irgendeinem Grund intelligent und unternehmungslustig werden, sehen wir alt aus. Wenn wir in die Tiefsee gehen, wo wir uns nicht auskennen, um Löcher in den Boden zu bohren, müssen wir damit rechnen, dass da was rauskommt, das wir nicht einschätzen können. Nur was die grünen Fundis daraus gemacht haben, ist naiv. Irrsinnige Summen auszugeben, um eine Energietechnologie zu verdammen auf Grund von Halbwissen …

... Sie sprechen von der Atomenergie.

Da ist zu viel Schwarz-Weiß-Malerei betrieben worden. Damals dachte ich auch: stoppt das! Aber über Fusionsreaktoren sollte man wieder nachdenken dürfen – und zugleich über neue Sicherheitsmethoden. Das einfach in die Ecke zu stellen, ist nicht die Lösung. Wo ist denn die Alternative? Wenn wir alle nur noch Rapsölautos fahren und Vegetarier werden, bräuchten wir vier weitere Erden, um den ganzen Raps und das Gemüse anzubauen.

Die knapper werdenden Ressourcen – ist das ein Thema für einen Roman?

Fast alles ist ein Thema für einen Roman. In den nächsten zehn, zwanzig Jahren könnte es also auch da einiges geben.

Soso …

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen! Aber den Gefallen tue ich Ihnen nicht. Das Thema meines nächsten Romans bleibt geheim.

Wann kommt er denn?

2007.

Wie entsteht bei Ihnen ein Thriller?

Wenn ich eine Idee habe und denke, Mensch, das könnte ein Buch ergeben, arbeite ich eine Woche dran, entwickle einen Miniplot und teste ihn an vier Menschen: meiner Frau, meinem Verleger und meinen zwei besten Freunden.

Und dann?

Manchmal merke ich, dass ich mich in die falsche Idee verliebt habe. Ab und zu konkurrieren ein paar Ideen, und ich muss mich entscheiden. Ab da ist niemand mehr involviert, bis zur letzten Seite.

Wissen Sie von Beginn an, was passiert?

Ich weiß, wo die Reise hingeht. Ein wenig Freiheit haben die Charaktere. Aber ich würde nie eine Figur ins Jenseits schicken, der ich versprochen habe, dass sie überlebt.

Leben und Tod stehen fest.

Ja. Bei einer Figur im „Schwarm“ tut es mir im Nachhinein leid, dass ich sie habe sterben lassen.

Ach. Bei welcher?

Na hören Sie mal! Es gibt ja Menschen, die das Buch noch nicht gelesen haben.

Nicht mal Ihre Frau bekam das Manuskript zu lesen, bis es ganz fertig war.

Richtig. Daraus entsteht eine gewisse Einsamkeit, man brutzelt lange im eigenen Saft. Aber eine Story bildet sich ja nicht linear, bei jeder Etappe gehe ich wieder zurück und gleiche den Anfang an. Insofern ist es Quatsch, die ersten Seiten lesen zu lassen, weil sie sich sowieso wieder ändern werden. Für mich gibt es nur eins: Ich mache das Ding fertig. Dann aber kriegt es als Erstes meine Frau.

Hatten Sie Angst vor dem Moment?

Ich habe mir den Schweiß von der Stirn gewischt! Abends hatte ich meiner Frau drei Leitz-Ordner in die Hand gedrückt und bin am nächsten Tag ins Büro gefahren. Ich wusste natürlich, dass sie anfängt zu lesen …

Wie konnten Sie da arbeiten?

Nicht gut. Nach zwei Stunden rief sie an und meinte: Ich wollte dir nur sagen, ich habe die ersten 50 Seiten gelesen, und ich find’s geil.

Eine Erleichterung …

Ein Befreiungsschlag ohnegleichen! Eine Falle beim Schreiben ist ja: Man beschäftigt sich so intensiv mit einem Thema, dass man nach einer Weile denkt, das weiß doch jeder. Im „Schwarm“ spielen Methanhydrate eine große Rolle, und irgendwann bin ich davon ausgegangen, wenn ich das nächste Kind nach Methanhydraten frage, bekomme ich einen langen Vortrag gehalten.

Für den „Schwarm“ haben Sie vier Jahre komplizierte Geologie recherchiert …

Es gibt nichts Kompliziertes. Es gibt nur Leute, die es kompliziert machen. Wenn ich mich lange genug mit der Relativitätstheorie beschäftige, hab’ ich sie auch irgendwann verstanden.

Zu Einsteins Zeit hieß es, nur zwölf Menschen auf der Welt verstünden die Relativitätstheorie. Sie sind der Dreizehnte?

Ach was, heute versteht die beinahe jeder. Das soll nicht arrogant klingen, aber es gibt eine falsche Ehrfurcht vor den Wissenden. Dabei ist der Experte nur darum Experte, weil er über Jahre gelernt hat, was er weiß. Er ist ja nicht als Experte auf die Welt gekommen. Jeder Mensch, der bereit ist, Zeit und Energie zu investieren, etwas zu lernen, wird damit genauso vertraut werden.

Herr Schätzing, Gefahr ist Ihr Geschäft. Welche Gefahren sehen Sie auf uns zukommen?

Vor allem ökonomische Gefahren, eine Zweiklassengesellschaft, die Dritte Welt, Migrationsbewegungen … Was die Naturkatastrophen betrifft, so gibt es nur eine, von der ich meine, dass man ihr mehr Aufmerksamkeit widmen sollte: ein Meteoriteneinschlag. Das ist eine Gefahr, die unterschätzt wird.

Wäre doch was für ein neues Buch.

Nein. Das Problem ist: Ich würde zwar über eine reale Gefahr schreiben, die Hollywood aber schon in zwei Filmen totgeritten hat …

… „Deep Impact“ und „Armageddon“.

Das heißt, ich habe jedes damit verbundene Bild schon gesehen. Ähnliches gilt für die Gentechnologie. Ein relevantes Thema, aber schon zu sehr vorweggenommen durch Science-Fiction.

Wann wird der „Schwarm“ verfilmt?

Wir sind in einem sehr konkreten Verhandlungsstadium mit einem Riesenproduzenten in Amerika.

Man hört, Sie wollen eine Rolle spielen.

Mini!

Welche?

Ach, was weiß ich, einen Dockarbeiter vielleicht. Ist nur ein Gag. Was mich mehr interessieren würde, wäre an der Musik mitzuarbeiten. Musik ist meine alte, erste Liebe, noch vor dem Schreiben.

Bei jemand wie Ihnen, der sich sehr mit Naturwissenschaften beschäftigt, gibt es da noch Platz für Spirituelles?

Es gibt Platz für Spirituosen! Ich habe jede Menge Single Malts bei mir zu Hause stehen, ich liebe schottischen Whisky. Aber im Ernst: Ich bin nicht gläubig im Sinne des orthodoxen Christentums. Ich kann mir keinen Gott vorstellen, zu dem man samstags beten kann, damit der FC gewinnt …

Das würde auch nicht helfen …

… wenn es einen Gott gibt, dann hat er sich von diesem Verein abgewandt! Au backe, das wird man mir jetzt nachtragen. Jedenfalls, ich kann mir schon vorstellen, dass es eine Intelligenz gibt, die hinter unserem Universum steht, nur halt anders als die gängigen Gottesbilder. Vielleicht sind wir ein Experiment in einer Petrischale.

Geben Sie uns einen Tipp, worüber der neue Roman handeln wird.

Also, im Jahr 2000 habe ich „Lautlos“ geschrieben, ein Buch über internationalen Terrorismus. Dann kam 9/11. Danach habe ich ein Buch über Tsunamis geschrieben, und ein Dreivierteljahr später rollte einer durch. Nun sagen meine Freunde schon: Schreib bloß nicht über Meteoriten ...

Das Gespräch führten Bas Kast und Lorenz Maroldt.

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