Zeitung Heute : Wir müssen leider draußen bleiben

Von Tanja Stelzer

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In Hamburg, wo ich wohne, gibt es einen besonders schönen Stadtteil, der Eppendorf heißt. Eppendorf war perfekt zum Shoppen, als ich noch in einer Lebensphase war, in der Shoppen ein bisschen wie Sex war: Es war aufregend, und danach war man völlig k.o., aber sehr entspannt. Neulich, als meine Freundin C. mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch war, erinnerten wir uns sehnsüchtig an frühere gemeinsame ShoppingFeldzüge. Wir dachten, wir könnten es ja noch einmal versuchen. Der Laden, auf den C. es abgesehen hatte, ist nur über eine lange Außentreppe zu erreichen. Am oberen Ende der Treppe stand eine Verkäuferin, eine der coolen Sorte mit tief sitzender Hüfthose, ein Bein lässig nach vorn gestellt, so dass der Hosenbund effektvoll auf den schmalen Knochen saß. Als wir unsere zwei Buggys mit den Kindern die Treppe hochgehievt hatten, fragte sie: Wollt Ihr hier einziehen?

In Eppendorf gibt es auch viele Cafés, wo man früher, bei kleineren Unterbrechungen eines Shopping-Tages, Milchkaffee bestellte, später dann Latte Macchiato. Jetzt trinkt man in den Cafés wahrscheinlich irgendwas anderes, das ich nicht kenne, denn ich gehe nicht mehr in diese Cafés. Jedenfalls nicht in solche, auf deren Türen diese kleinen Aufkleber mit dem durchgestrichenen Kinderwagen kleben.

Vermutlich sitzen in diesen Cafés Menschen, die viel Zeit haben, so viel, dass sie „Das Methusalem-Komplott“ von der ersten bis zur letzten Seite lesen und dann bei etlichen Gläsern des mir unbekannten Getränks darüber diskutieren können, warum es in diesem Land immer weniger Kinder gibt. Wir Eltern haben anderes zu tun. Wir müssen unseren Töchtern und Söhnen zeigen, wie man allein mit dem Löffel isst und wie man im Sandkasten einen Kuchen backt. Wir müssen ihnen die Welt erklären: Das ist ein Auto, von dem darfst du dich nicht überfahren lassen; das ist ein Hund, der kann beißen; das ist ein Café, da darfst du nicht rein. Wir müssen ihnen was beibringen, damit sie später knochenschonende Sportarten, Hüfthosen mit integriertem Korsett und Gesundheitssneakers für jugendwahnsinnige Greise erfinden können.

Freunde von uns wollten, als ihr Kind zwei Wochen alt war, auf Sylt ein Hotelzimmer mieten. Die Dame am Telefon war sehr freundlich und bot ihnen verschiedene Zimmer an, sie konnten sich eins aussuchen. Als meine Freundin nach einem Kinderbett fragte, sagte die Rezeptionistin: Ja, dann haben wir natürlich nichts mehr frei. Hätten Sie nicht gleich sagen können, dass Sie mit einem Säugling kommen? Unsere Gäste mögen kein Kindergeschrei.

Deutschland und Italien liefern sich seit einiger Zeit einen Wettkampf um die niedrigste Geburtenrate in Europa. In Deutschland ist die gefühlte Kinderfeindlichkeit maximal, ganz anders in Italien. Kürzlich, im Urlaub, haben wir uns Olbia angeguckt. Durch die Straßen schlenderten grauhaarige Herren und Damen in lässigen Jeans und mit noch lässigeren, extrem großen Sonnenbrillen, es waren die neuesten Modelle. In zwei Einkaufsstraßen zählten wir 20 Sonnenbrillen- und 14 Kinderläden; die Kinderläden waren allerdings alle leer. Meine These: Die Italiener machen Kinderläden auf, weil sie denken, dann machen die Leute Kinder. Sie haben Angst, dass es sonst vielleicht niemanden geben wird, der die Sonnenbrillenkollektion 2020 entwirft.

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