Zeitung Heute : „Wir müssen uns auf eine lange Zeit der Terrorbekämpfung einstellen“

Sicherheitsexperte Thamm über die Bedrohung in Deutschland und was der Einzelne tun kann, um sich zu schützen

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BERND GEORG THAMM

ist Publizist

und Terrorsimusexperte.

Im vergangenen Jahr erschien sein Buch: Terrorismus.

Ein Handbuch über Täter

und Opfer.

Foto: ntv

Herr Thamm, auch wenn die Hintergründe zu dem vereitelten Bombenattentat im Dresdner Hauptbahnhof nicht geklärt sind, ist ein terroristischer Akt nicht auszuschließen. Wie groß ist die Bedrohung in Deutschland?

Deutschland ist ein Ziel von Terrorismus, gerade vor dem Hintergrund reorganisierter Zellen des Netzwerks Al Qaida. Deutschland ist namentlich von AlQaida-Führungspersonen wie Osama bin Laden schon Ende 2002 als Ziel erwähnt worden.

Welche Bereiche sind gefährdet?

Es gibt zwei große Komplexe. Da sind zum einen Deutsche im Ausland. Da muss man leider zur Kenntnis nehmen, dass diese so genannte weiche Ziele abgeben. Sie bewegen sich weitgehend ungeschützt in Regionen, in denen Zellen von Al Qaida aktiv sein können. Das gilt vor allem in touristischen Zentren der muslimischen Welt. Dazu kommen ausländische Repräsentanzen, diplomatische Vertretungen und nicht zuletzt Bundeswehrsoldaten.

Und der zweite Komplex?

Der andere Bereich ist das Inland, wo eine sehr hohe abstrakte Gefährdung besteht. Die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und der Nachrichtendienste macht deutlich, dass Deutschland wie andere europäische Staaten auch, in islamistische Netzwerkstrukturen eingebunden ist. Ihre erfolgreiche Bekämpfung durch Strafverfolgungsbehörden bringt uns in Visier dieser Gruppen. So sind zum Beispiel Freipressungsaktionen inhaftierter Terroristen nicht auszuschließen. Das sieht zumindest das Kriegshandbuch von Al Qaida so vor. Wir können uns in Deutschland nicht in Sicherheit wiegen, dass diese Art des Terrorismus an uns vorübergeht.

Gibt es keinen Bonus durch den Anti-KriegsKurs der Bundesregierung während des Irakkonfliktes?

Nein, überhaupt nicht. Wer das glaubt, der irrt schlicht und ergreifend. Wir sitzen mit Großbritannien, den USA und vielen anderen Ländern in einem Boot. Deutschland hat Überflugrechte gewährt, Objektschutz von amerikanischen Militäreinrichtungen übernommen, Waffenlieferungen an die Türkei und anderes mehr geleistet. Das reicht für islamistische Gewalttäter allemal aus, um Deutschland ins Visier zu nehmen.

Haben Politik, Strafverfolgungsbehörden und Nachrichtendienste diese Gefahr erkannt und ihre Arbeit entsprechend darauf ausgerichtet?

Ja, auf jeden Fall. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass auch wir in Deutschland noch kein umfassendes Lagebild zur Gefährdung zeichnen können. Was aber nach den Anschlägen vom 11. September 2001 durch die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und Nachrichtendienste bekannt geworden ist, macht deutlich, dass wir uns auf eine lange Zeit der Terrorbekämpfung einstellen müssen. Das kann zehn, 15 oder mehr Jahre dauern. Zudem macht die Internationalität des Terrorismus deutlich, dass Praktiken der 70er Jahre zur Bekämpfung nicht mehr ausreichen. Heute gehören Nachrichtendienste und die Bundeswehr dazu. Aber die informelle Zusammenarbeit dieser eigenständigen Organisationen bedarf weiterer Feinabstimmung.

Kann der Kampf gegen den Terrorismus überhaupt gewonnen werden?

Die Vorstellung, das Böse in der Welt auf einen Null-Level drücken zu können, geht wohl zu weit. Die Lage beim Terrorismus ist ähnlich wie bei der international organisierten Kriminalität. Das heißt: Wenn wir alles Machbare tun, die richtigen Sachmittel und das nötige Personal einsetzen, werden wir – und das ist ein Erfolg – eine vorzeigbare Schadensbegrenzung erzielen. In Europa und Nordamerika werden Zugriffserfolge der Strafverfolgungsbehörden und ein permanenter Fahndungsdruck dafür sorgen, dass sich in unseren Breitengraden Mitglieder terroristischer Zellen ungern niederlassen. Das konnten sie bis zu den Anschlägen vom 11. September. Seitdem ist der Druck größer. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Wie kann sich der Einzelne schützen?

Das Beispiel Israel zeigt, dass es vor bestimmten Gefahren keinen perfekten Schutz geben kann. Selbstmordattentäter, die ihren Tod nicht nur billigend in Kauf nehmen, sondern als Märtyrer sogar anstreben, können nicht hundertprozentig abgewehrt werden. Das hat sich auch gerade bei dem verheerenden Bombenattentat auf Bundeswehrsoldaten in Kabul gezeigt. Das wird immer wieder vorkommen.

Kann man gar nichts machen?

Ein gedehntes Jein zur Antwort. Wir leben glücklicherweise in einer offenen Gesellschaft, die aber eine Vielzahl von Angriffsflächen bietet. Zu den Schwachstellen gehören Kaufhäuser und öffentlich zugängliche Kultureinrichtungen ebenso wie der öffentliche Nahverkehr. Wir können diese Objekte nicht alle schützen.

Die Menschen können selbst etwas tun …

Die Bürger müssen kritischer werden. Das fängt bei der Urlaubsplanung und der Auswahl des Reiseziels an und hört beim Bemerken und Anzeigen einer herrenlosen Plastiktüte auf einem Bahnsteig auf. Das ist ein Lernprozess, von dem ich hoffe, dass er kopfgesteuert ist. Sicherheitspolitik darf nicht anschlagsbezogen gemacht werden. Das heißt: Wir dürfen nicht erst durch Anschläge mit viel Blut, Tränen und Schmerz das begreifen, was uns der Kopf schon viel früher gesagt hat.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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