Zeitung Heute : „Wir müssen unseren Einsatz erhöhen“

Helmut Schwarz, Präsident der Humboldt-Stiftung, fordert mehr Geld für junge Forschertalente

Ihre Amtszeit als Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) begann mit einem Paukenschlag, denn die AvH rief den am höchsten dotierten deutschen Forscherpreis ins Leben. Exzellente Wissenschaftler aus dem Ausland erhalten fünf Millionen Euro und ein Ticket an eine deutsche Universität. Warum erhöhen Sie den finanziellen Anreiz?

Die kurze Antwort lautet: Um international konkurrenzfähig zu bleiben. Die längere ist etwas differenzierter. Mit dem Preisgeld für die Humboldt-Professur möchten wir exzellente Forscher langfristig an eine deutsche Universität binden. Sie sollen mit fünf Millionen Euro eine Arbeitsgruppe aufbauen. Wir wollen damit ganz gezielt Exzellenzkeime fördern und das Harnack-Prinzip wieder in den Universitäten verankern.

Was verstehen Sie darunter?

Die berufenen Wissenschaftler sollen einen Freiraum bekommen, um mit anderen Forschern über neue Gedanken, Ansätze und Entdeckungen diskutieren zu können, und dies quer zu den Disziplinen. Leider fehlt uns hierfür ein genuiner Ort, etwa ein Faculty Club, der eine der wesentlichen Brutstätten für neue Ideen sein kann. Dies ist mir in Cambridge sehr deutlich geworden.

Wie wichtig sind finanzielle Anreize im internationalen Vergleich?

Wir müssen unseren Einsatz erhöhen, da selbst kleine Länder wie Finnland oder Irland in der gleichen Größenordnung investieren. Noch ist die AvH-Stiftung einzigartig, aber sie ist nicht mehr allein auf der Welt. Schon kommen ausländische Einrichtungen auf uns zu und kopieren uns. Der Kampf um die besten Talente wird mit viel Einsatz auf einer globalen Bühne ausgetragen. Hier bedarf es zukunftsweisender Konzepte.

An welche denken Sie dabei?

Wenn ich über die Grenzen meiner Stiftung schaue und den Hochschulstandort Deutschland betrachte, so fallen mir auf Anhieb mehrere ein. Eines der Hauptprobleme sehe ich in den Verfahren zur Berufung unserer Professoren. Die Universitäten wählen in der Regel aus der Bewerberschar einen Kandidaten aus. Frei nach dem Motto: Wir nehmen nur diejenigen, die sich anbieten.

Was ist daran falsch?

Das kann nicht der Königsweg sein. Hier muss ein radikales Umdenken erfolgen. Wir müssen aktiv suchen und werben. Wir müssen eigeninitiativ auf Personen zugehen, die wir für die Besten halten. Das fängt übrigens schon bei den Studenten an! An der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, in Oxford und Cambridge verfahren sie nach diesem Prinzip. Dort reisen Verantwortliche um die halbe Welt, um exzellente Personen für sich zu gewinnen.

Brauchen Deutschlands Hochschulen eine neue Berufungskultur?

An die Berufung der Professoren muss eine wichtige Bedingung geknüpft sein: Jede oder jeder Neuberufene muss einen echten Zugewinn für die Fakultät darstellen. Wenn er oder sie das nicht erfüllt, wird die Person nicht berufen und die Stelle nicht besetzt! Daran müssen wir uns in Deutschland gewöhnen.

Gibt es dafür international Vorbilder?

Die ETH Zürich beispielsweise praktiziert so genannte Direktberufungen. Sind drei Viertel der Fakultätsprofessoren für die Person, so wird sie berufen – ohne Ausschreibungsverfahren, ohne externe Gutachter. Das alles geschieht innerhalb eines halben Jahres. Sie sehen, es gibt Dinge, die kann man auch ohne viel Geld lösen. Ich erinnere nur an die Worte von Gerhard Casper, ehemaliger Präsident der Stanford-Universität. Er wurde gefragt, was eine Universität machen müsse, damit sie in der Top-Liga mitspielen kann. Seine Antwort: „Versuche, die besten Professoren und die besten Studenten zu gewinnen.“ Ende. Alles andere ist Nebenkriegsschauplatz.

Und doch spielen die finanziellen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle …

… selbstverständlich. Und da bin ich auch schon bei meiner nächsten Forderung. Deutschland braucht einen umfassenden Wissenschaftstarif. Dabei geht es nicht nur um die Gehälter für Professoren, sondern auch um jene für Sachbearbeiter oder Labormitarbeiterinnen. Versuchen sie heute einmal einen sehr guten Techniker oder eine Fremdsprachensekretärin für die Universität zu gewinnen.

Worin liegen die wesentlichen Hürden?

Es geht wegen des Gehaltsgefüges nicht. Die Eliteuniversität Konstanz hat genau diese Negativerfahrung machen müssen. Wir brauchen also erstens mehr Geld und zweitens müssen wir beweglicher werden, um auf individuelle Lebensläufe und Leistungen reagieren zu können. Nur dann sind wir konkurrenzfähig. Wir haben eine lange Wegstrecke vor uns.

Wann werden wir Licht am Ende des Tunnels sehen?

Zu meinem 120. Geburtstag? Also in meiner aktiven Amtszeit vermutlich nicht.

Geld ist nur die eine Seite der Medaille. Verlangen höhere Flexibilität und aktives Agieren nicht zwingend nach professionellen Wissenschaftsmanagern?

Ja, wir sind, etwa in den Fakultäten, nicht so organisiert, dass wir mit wirklich großen Budgets sachgerecht umgehen können. Nichts gegen meine Kollegen, die Dekane. Ich hatte auch einmal die Ehre, dieses Amt auszuführen. Sie sind jedoch nur Laiendarsteller mit bester Absicht.

Welche Alternativen schlagen Sie vor?

Wir müssen einen neuen Personentypus ausbilden, der in der Wissenschaft verankert ist und gleichzeitig über Managerfähigkeiten verfügt, um eine Universität, eine Max-Planck-Gesellschaft oder eine Fakultät leiten zu können. In den USA ist das ein eigener Beruf. Diese professionelle Qualität müssen auch wir erreichen, dann wird sich ein starker Universitätspräsident über starke Dekane freuen und umgekehrt.

Schauen wir auf den wissenschaftlichen Nachwuchs. Wie ist es um ihn in Deutschland bestellt?

Auch hier stehen wir vor einer großen Baustelle. Wir geben unserem wissenschaftlichen Nachwuchs zu spät und zu wenig Gestaltungsspielraum und überfrachten ihn mit zu vielen Verwaltungsaufgaben und Unterrichtsstunden. Unsere jungen Forscher müssen frühzeitig den Wissenschaftsbetrieb und seine Fallstricke kennen lernen. Dazu gehört auch, dass sie ein Team führen können. Man muss ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie Personen mit eigenem Recht und mit eigenen Ideen sind. Daran hapert es leider. Viele von ihnen werden nach wie vor wie Sklaven behandelt. Ähnlich wie die Universität selbst, die im Sinne einer nachgeordneten Behörde ihrer Ministerien noch heute Sklave ist. Leider!

Einerseits sollen die Studenten möglichst früh an der Forschung beteiligt werden, andererseits stellen die Bachelorstudiengänge strenge Stundenpläne auf, in denen kaum Platz dafür bleibt, in die Labore zu gehen oder den Horizont zu erweitern. Liegt darin nicht auch eine Gefahr für die Qualität des wissenschaftlichen Nachwuchses?

Ja. Trotz der großen Einschränkungen durch den Bologna-Prozess, ich erwähne nur die Verschulung des grundständigen Studiums, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Studenten so früh wie möglich wissenschaftsbezogen arbeiten und sich auch auf internationalem Parkett bewegen können. Das ist es, was ich als junger Mann in Cambridge erfahren habe. Wir müssen die jungen Leute frühzeitig in den Forschungsprozess integrieren und darüber ihre Persönlichkeit stärken.

Wie kann das konkret geschehen?

Da die Umwandlung der Studiengänge in Bachelor- und Masterfächer nicht mehr aufzuhalten ist, sollten wir auf Folgendes achten: Diese Art von Verschulung, die in der Bachelorphase beginnt, sollte nicht auch noch in die Promotionsphase überschwappen.

An den Universitäten gibt es aber nicht nur Doktoranden, sondern vor allem Studenten, die sich ihr Rüstzeug erst noch erwerben müssen.

Um die Verfachhochschulung unserer Universität zu stoppen, müssen diese mittelfristig deutlich kleiner werden und nur die Studenten ausbilden, die ein wissenschaftlich geleitetes Studium anstreben. Einen Großteil müssen die Fachhochschulen übernehmen. Deshalb ist es richtig, sie auszubauen – aber nicht auf Kosten der Universitäten, sondern mit Extramitteln. Wenn das in der Studienreform beachtet wird, sehe ich noch etwas Hoffnung für das deutsche Studiensystem.

Das Gespräch führten Kristina R. Zerges und Stefanie Terp.

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