Zeitung Heute : „Wir nehmen unsere Kinder nicht ernst genug“

Auch aus Kohle müssen wir in Zukunft Energie gewinnen, meint Volker Hauff, der Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Zum heute stattfindenden Jahreskongress zieht er Bilanz über die Leistungen der Bundesregierung und über die Verantwortung der Bürger

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NEUE WEGE IN DIE ZUKUNFT: ZUM JAHRESKONGRESS DES NACHHALTIGKEITSRATS

Herr Hauff, vor einem Jahr fand der Weltgipfel in Johannesburg statt. In der Einladung zu Ihrem jetzt stattfindenden Jahreskongress heißt es, dass es um die Nachhaltigkeit ruhig geworden ist. Sind Weltgipfel also doch nur AlibiVeranstaltungen ohne praktische Relevanz?

Nein, das glaube ich nicht. Der Gipfel von Johannesburg hat sicherlich nicht alle Erwartungen erfüllt, aber insgesamt überwiegt seine positive Seite. So ist es zum Beispiel gelungen, den Grundgedanken der Nachhaltigkeit auf der internationalen Tagesordnung zu halten. Es ist gelungen, am Multilaterismus festzuhalten . . .

. . . also daran, dass die Staatengemeinschaft zusammen agiert und nicht nur einzelne Staaten miteinander Verträge schließen . . .

Es ist gelungen, den Vorrang der Wirtschaftspolitik vor der Umweltpolitik abzuwehren. Es blieb dabei, dass Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Entwicklung nebeneinander stehen. Aber der Satz, dass es etwas ruhig geworden ist, der ist auch richtig.

Und wie passt das zusammen?

Im Vorwort zur Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung hat der Bundeskanzler einen Satz veröffentlicht, den ich für sehr richtig halte. Er schreibt dort, dass das Leitbild der Nachhaltigkeit das rote Band der Politik im 21. Jahrhundert ist. Nur, das wurde in der Alltagspolitik nicht eingelöst, jedenfalls nicht voll eingelöst.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Ein Beispiel ist die Agenda 2010. Sie wird den Kriterien der Nachhaltigkeit nicht gerecht, etwa bei der Abschaffung der Kilometergeldpauschale. Die war sicherlich historisch mal berechtigt. Damit sollten schließlich die Nachteile von Menschen aus dem ländlichen Raum bei der Arbeitssuche ausgeglichen werden. Aber das war mal vor 30 oder 40 Jahren richtig. Mittlerweile hat sie sich in das Gegenteil verkehrt. In der öffentlichen Debatte hätte man sagen müssen, dass diese Entfernungspauschale heute vor allem eine Begünstigung dafür ist, aus den Ballungsräumen rauszuziehen in Gegenden, wo das Land besonders billig ist. Und damit nehmen die Landschaftszersiedelung und der Landschaftsverbrauch zu. Gerade das aber will Nachhaltigkeit reduzieren. Hier wurde Politik nicht an einem Leitbild von Nachhaltigkeit orientiert, sie war als Verzierung willkommen, aber nicht wirklich akzeptiert.

Sie sagen also, dass die Bundesregierung ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat?

Ja, jedenfalls nicht in einem umfassenden Sinn. Zurzeit gibt es noch ein großes Konfliktfeld zwischen dem Rat und der Bundesregierung – und zwar beim Thema Energie-Contracting. Das ist ein scheinbar abstrakter Begriff. Der Grundgedanke ist aber ganz einfach: Da kommt jemand und sagt, an deinem Gebäude mache ich dir die und die Veränderungen. Die Energieeinsparungen, die ich dabei erziele, benutzen wir dann dazu, um die Investitionen zu finanzieren. Man finanziert also Investitionen zur besseren Nutzung der Energie bei Häusern über die eingesparte Energie. Das gibt es bereits in der Privatwirtschaft in größerem Umfang. Im Bereich der öffentlichen Hand aber wird das viel zu wenig praktiziert. Und das ist das Gegenteil dessen, was wir für richtig halten. Es geht doch darum, Strukturen zu verändern. Und da muss sich die Bundesregierung noch erheblich anstrengen, um die Ziele, die sie sich selbst in der Nachhaltigkeitsstrategie gesetzt hat, zu verwirklichen. Manches davon wird man nicht einlösen können. Aber zurzeit verwässert einiges, der politische Wille fehlt, Nachhaltigkeit ins Zentrum der Politik zu stellen. Das gilt für die Gesundheitsreform, bei den Reformen der Sozialsysteme und und und . . .

Nachhaltigkeit lebt überdies wesentlich davon, dass sie nicht nur in politischen Entscheidungen vorkommt, sondern im Alltag der Bürger. Hat sie denn hier Fuß gefasst?

Wer eine nachhaltige Entwicklung will, darf nicht nur auf staatliche Entscheidungen setzen. Das war auch ein Argument, das wir bei der Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung kritisiert haben, die aus unserer Sicht sehr staatsgläubig ist. Denn es gibt ganz andere Aktionsfelder, es gibt ganz andere Handelnde neben den staatlichen Stellen, und die spielen eine große Rolle. Die vier großen Akteure sind die Politik, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft und die Wissenschaft. Vor zwanzig Jahren war ohne Zweifel die Wissenschaft einer der drängenden Akteure bei der Weiterentwicklung alter Gedanken. Auch die Politik hat eine große Rolle gespielt. Heute sind die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft sehr viel weiter. Hier gibt es eine Neuorientierung und ein Suchen, wie man Nachhaltigkeit in seinem eigenen Leben einrichten kann. Die Wissenschaft hat sich bei diesem Thema fast abgemeldet. Gerade in der Zivilgesellschaft gibt es aber einen wichtigen Trend: Die Menschen übernehmen heute in größerem Umfang Verantwortung für ihr Verhalten.

Wo sehen Sie derzeit die größten Defizite in der Umsetzung der Nachhaltigkeit?

Darin, dass wir unsere Kinder nicht ernst genug nehmen. Und das ist falsch, das ist egoistisch. Die Verantwortung für die Zukunft anzunehmen, bedeutet nicht, eine große Last zu tragen, sondern auf eine falsch verstandene Freiheit zu verzichten. Auf eine Freiheit, die nur den eigenen Wohlstand und den eigenen Genuss in den Mittelpunkt stellt. Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit ist der, ernsthaft die Interessen der kommenden Generationen und ihre Bedürfnisse mit einzubeziehen in die Entscheidungen, die wir heute zu fällen haben.

Nachhaltigkeit hat immer einen globalen Aspekt. Das Scheitern der WTO-Verhandlungen im September hat wieder gezeigt, wie schwer es sein kann, sich international zu einigen. Gibt es für die großen Probleme heute überhaupt noch gemeinsame Lösungen?

Ich glaube schon, dass es Lösungen gibt. Aber richtig ist, dass wir vor zehn Jahren, als der ganze Prozess mit der Konferenz in Rio so richtig in Schwung kam, eine völlig andere Situation hatten. Damals gab es eine große Euphorie, eine Friedens-Dividende, erheblich mehr Mittel, um die friedliche Entwicklung zwischen den Völkern zu begünstigen. In Johannesburg dann gab es die Ernüchterung. Aber es gibt beides: Felder, da läuft es ganz gut, andere, da gibt es Anlass zur Kritik. Wir sollten pragmatisch die Felder herausfinden, wo wir einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können.

Dann nehmen wir doch mal als konkretes Beispiel die Energie. Sie ist auch auf Ihrem Kongress ein großes Thema. Und zwar geht es um die Rolle der Kohle in der künftigen Energieversorgung. Kann Kohle, deren Vorkommen endlich ist, überhaupt noch ein Thema für eine Nachhaltigkeitsstrategie sein?

Kohle muss sogar ein Thema sein. In der Energiepolitik muss man die Bundesregierung zweifellos loben, weil sie sich bemüht hat, die regenerativen Energien nach vorn zu bringen. Trotzdem bleibt es eine Tatsache, dass die Kohle eine ganz wesentliche Rolle in der Energieversorgung spielt. Wenn man das Ganze nicht nur mit der nationalen Nabelschau betrachtet, dann gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass die Kohle auf absehbare Zeit weltweit ein ganz wesentlicher und unverzichtbarer Energieträger ist . . .

. . . und auch einer, der für einen wesentlichen Teil der Emissionen verantwortlich ist.

Es kommt darauf an, diesen Energieträger mit entsprechenden Maßnahmen in eine Nachhaltigkeitsstrategie einzuordnen. Es gibt neue Kohletechnologien, die international eine große Rolle spielen, bei denen wir in der Bundesrepublik aber ein Defizit haben. Kohle wird uns noch über Jahrzehnte hinweg beschäftigen. Als ein Land, das traditionell in der Kohletechnologie eine führende Rolle hat, glauben wir, dass wir uns gerade auch unter dem Aspekt der ökonomischen Entwicklung stärker damit befassen sollten.

Was hat der Rat im kommenden Jahr vor?

Wir werden uns eingehend mit dem Thema Energiepolitik befassen. Daneben wird es weiterhin um den Flächenverbrauch gehen.

Wie steht es um den Privatmenschen Hauff, schlägt sich Nachhaltigkeit in Ihrem persönlichen Leben nieder?

Meine Frau erinnert mich immer wieder daran, was ich alles falsch mache. Wenn ich zum Beispiel ins Auto steigen will, um einen halben Kilometer weiter einzukaufen, anstatt das Fahrrad zu benutzen. Ich streng mich schon an, und das hat dazu geführt, dass ich heute sehr viel anders lebe als vor 30 Jahren.

Das Gespräch führte Roland Koch.

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