Zeitung Heute : „Wir nutzen intensiv die großen Netzwerke“

Adam Wolisz und seine Kollegen arbeiten an neuen Formen der Kommunikationstechnik

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Herr Wolisz, Sie sind Sprecher des „Human-Centric Communication Clusters“ der TU Berlin. Der Forschungscluster hat es in die Endrunde des Exzellenzwettbewerbs der deutschen Universitäten geschafft. Mit Ihren Kollegen arbeiten Sie an grundsätzlich neuen Konzepten der Kommunikation. Was kann man sich darunter vorstellen?

Unser Alltag soll in Zukunft durch den unkomplizierten Zugriff auf Informationen bestimmt werden. Dabei soll es egal sein, in welcher Rolle der Nutzer auftritt oder an welchem Ort er sich befindet, ob er als Tourist bestimmte Öffnungszeiten benötigt oder als Journalist Rechercheergebnisse, ob er die Information in einem Film oder auf einer Buchseite präsentiert bekommt. Die umständliche Umwandlung von einem Nutzergerät auf das andere oder die Suche nach unterschiedlichen Adressen für ein und dieselbe Person wird der Vergangenheit angehören.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben, wie die neue Art zu kommunizieren aussehen soll?

Ich sitze im Moment in Berkeley in Kalifornien und will dringend meinen Kollegen in Berlin erreichen. Ich rufe zunächst sein Handy an, dann seine Büronummer, das Sekretariat und seine Privatnummer, keiner meldet sich. Ich schicke schließlich eine E-Mail und bitte per Telefon seinen Kollegen aus dem Nachbarzimmer, ihm eine Nachricht an die Tür zu heften. Wie Sie sehen, musste ich fünf Telefonnummern und eine E-Mail-Adresse parat haben. Künftig möchte ich in mein Kommunikationsgerät nur noch die Nachricht und den Adressaten eingeben. Wie und wo die Information dann meinen Kollegen erreicht, interessiert mich nur noch am Rande.

Sie planen, Absender durch verschiedene Kommunikationswege zu navigieren. Künftig soll sich aber auch die Aufbereitung und Darstellung der Informationen ändern. Woran denken Sie dabei?

Eine der Kernaufgaben wird sein, die Informationen, also ihren Inhalt, technisch ganz anders bereitzustellen. Auch dafür gebe ich ein Beispiel Sie sind auf der Suche nach einer bestimmten Redepassage eines Politikers. Bis dato mussten Sie lange Mitschnitte von Bundestagsdebatten anschauen, im Internet suchen und anderes mehr. In Zukunft sollen Sie auf Knopfdruck die aufbereitete Information bekommen – egal, ob es sich um Ton, Film und Schrift handelt. Wir wollen die Kommunikation mühelos gestalten.

In dieser Forschungsinitiative der TU Berlin arbeiten verschiedene Disziplinen zusammen. Welche sind es und welchen Beitrag leisten sie?

Wir brauchen Experten, die die Kommunikationsinhalte anders aufbereiten als heute. Wie definiert man das, was wir Inhalt oder neudeutsch Content nennen? Wie können wir Inhalte im weltweiten Informationsraum suchen und zustellen? Wir wollen künftig die reale Welt abbilden und nicht auf Inhalte angewiesen sein, die irgendjemand ins Netz stellt. Wir benötigen Suchmaschinen mit weit mehr Kompetenzen als heute. Denken Sie beispielsweise an Bildanalyse und Bildsuche. Künstliche Intelligenz, Miniaturisierung von Geräten oder intuitive Bedienbarkeit sind weitere wichtige Forschungsfelder. Das künftige System muss auch bei Katastrophen oder böswilligen Angriffen funktionieren und dem Datenschutz genügen. Zahlreiche Fachgebiete der Elektrotechnik und Informatik arbeiten dafür zusammen.

Sind auch Experten außerhalb der Elektrotechnik und Informatik beteiligt?

Die Physiker der TU Berlin, die in der Erforschung der Quantenpunkte weltweit zur Spitze gehören, unterstützen uns. Für die Modellierung und Optimierung von Vorgängen sind unsere Mathematiker verantwortlich. Aber auch Fragen des Designs oder der Ökonomie sind wichtig. Deshalb gehören zu unserer Gruppe ein Soziologe, ein Mediengestalter und Wirtschaftswissenschaftler. Sie sehen, wir sind sehr vielseitig und interdisziplinär – genauso wie unser Projekt.

Wagen Sie einen internationalen Vergleich. Wie kann sich das Projekt im Wettbewerb behaupten?

Zu unserem Team gehören Wissenschaftler, die weltweit einen hervorragenden Ruf haben. Die Zeit ist vorbei, wo wir die Konkurrenz immer nur von hinten sahen. In sehr vielen Bereichen arbeiten wir auf Augenhöhe. Meine Zusammenarbeit mit der Universität in Berkeley ist keine Serie von Bildungsausflügen, sondern aktive wissenschaftliche Kooperation im Rahmen meiner Adjunct-Professur an der Universität von Kalifornien, die einer Honorarprofessur entspricht.

Wie lange werden die Forschungen laufen, an welche Zeiträume denken Sie?

Unser Projekt ist bewusst offen gestaltet. Wir haben uns nicht für ein begrenztes Forschungsvorhaben zusammengefunden, um beispielsweise ein „Space Shuttle“ zu entwickeln. Wir kennen unseren Endpunkt nicht, haben jedoch klar definierte Zwischenziele. Wir investieren seit einigen Jahren Geld und Ideen in unsere Forschung, nicht erst seit Beginn der Exzellenzinitiative. Und wir wissen, dass wir noch eine lange Wegstrecke vor uns haben. Die Entwicklung erfolgt evolutionär, das heißt, dass wir auf gewonnenen Forschungsergebnissen aufbauen, dabei Seitenwege und Nutzerbedürfnisse entdecken. Das wiederum eröffnet uns neue Fragen und Perspektiven.

Neben Ihrer Funktion als Sprecher des Exzellenzclusters betreuen Sie auch ein großes Forschungsnetzwerk der EU. Welchen Nutzen ziehen Sie daraus?

Wissenschaft ist universell und ihre Ergebnisse können nur auf dem internationalen Forschungsmarkt bewertet werden. Daher ist ein ständiger Kontakt mit internationalen Wissenschaftlern, die Präsentation der eigenen Ergebnisse und eine Konfrontation mit anderen Denkweisen wichtig. Den größten Wert sehe ich jedoch in der Vergleichbarkeit und der Bewertung der Ergebnisse. Die Frage „Wie löse ich ein Problem?“ ist eine Frage des Wettbewerbs. Die Frage nach der Evaluation ist aber eine Gemeinschaftsaufgabe. Hierbei können große internationale Netzwerke behilflich sein und deshalb nutzen wir sie intensiv.

Das Gespräch führten Stefanie Terp und Kristina R. Zerges.

Adam Wolisz (56) lehrt und forscht seit 1993 als Professor für Telekommunikationsnetze an der TU Berlin. Er ist Experte für mobile Kommunikation, optische und Sensornetzwerke.

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