Zeitung Heute : Wir Propagandisten des Krieges

GIOVANNI DI LORENZO

In den Augen der Kriegsgegner könnte es kaum eine grausamere Bestätigung geben: Erst hat der so hehre Einsatz zum Schutze der Kosovaren deren Lage in schier unvorstellbarer Weise verschlechtert, nun sterben auch noch die Schutzbefohlenen durch die Hand ihrer angeblichen Beschützer.Von da aus ist der Kurzschluß nicht mehr fern: Die Alliierten sind nicht besser als die Serben.

Auf die Anklagebank drohen auch die Medien zu geraten, und Martin Walser verspürt im Angesicht dieses Krieges schon wieder das Bedürfnis umzuschalten, weil die Medien nicht reflektierten, was sie zeigen.Oft stimmt das sogar.Denn vor dem Urteil über den Krieg steht die Information über den Krieg - die Erklärungen der Kriegsparteien, die Bilder der Nachrichtensendungen, die Artikel in Ihrer Zeitung.All das gibt es im Überfluß.Tatsächlich aber ist in diesen Tagen die Zuverlässigkeit all dieser vermeintlichen Informationen mangelhaft: Die Berichterstatter wissen zwar meistens noch, was sie tun, nicht immer aber, was sie tun sollen.

Mittwoch, am frühen Abend, kamen die ersten Meldungen über die getöteten Zivilisten auf der Straße bei Meja.Die Serben sagten, die NATO sei der Täter.Am späten Abend das Dementi der NATO: Möglicherweise wollten die Serben ein selbst angerichtetes Massaker der Allianz anlasten.Am Donnerstag vormittag dann eine Erklärung wie eine Kehrtwendung: Ja, es habe am Mittwoch Luftangriffe gegeben, und zwar auf einen "militärischen" und einen "zivil-militärischen" Konvoi.Das legte den Schluß nahe, die Serben hätten einen Militär-Konvoi absichtlich mit Zivilisten gemischt, um sie als Schutzschilde zu mißbrauchen.Minuten später eine neue Spekulation der NATO: Möglicherweise sei das vermeintliche Massaker nur gestellt.Donnerstag nachmittag schließlich das Eingeständnis, die NATO habe ein Zivilfahrzeug getroffen, "versehentlich".

Beide Kriegsparteien töten Menschen, und beide versuchen, das zu vertuschen.Dennoch sind auch hier nicht beide gleich.Selbst in Demokratien können Journalisten vorübergehend zu Propagandisten werden.Doch können sie, anders als im Reich Milosevics, wo sie systematisch als Kriegstreiber eingesetzt werden, die politische und militärische Führung zur Rechenschaft ziehen, auch wenn das oft Tage, manchmal Jahre dauert.Schon gar nicht darf man allein aus Fehlinformationen oder Falschmeldungen schließen, daß sie einem Krieg die Berechtigung nehmen.Das Entsetzen über die zivilen Opfer der NATO kann eine andere Erkenntnis nicht kaschieren: Daß Krieg eben so grausam aussieht und immer so aussehen wird.Das bringt jene in Not, die sich auf eine rein moralische Rechtfertigung der Luftangriffe verlassen haben.Eine Kriegserklärung kann zwar in seltenen Fällen eine moralische Begründung erfahren, die Kriegsführung selbst aber ist nie moralisch.

Über den Sinn dieses Krieges und die Wahl seiner Mittel muß weiter gestritten werden, vielleicht auch stärker als bisher.Journalisten müssen über alles berichten und auch einen deutschen Verteidigungsminister ruhig fragen, warum er etwa im Zusammenhang mit dem Einsatz von NATO-Flugzeugen das Wort "Bombardierung" für unangemessen hält.Da, wo sie ihre Waffen strecken müssen, weil sie keine Erkenntnisse haben, haben sie das offenzulegen.Doch können sie Militär und Politik der Alliierten immer noch einen Vertrauensvorschuß gewähren.Er läßt sich früher oder später einklagen.

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