Zeitung Heute : „Wir rechnen mit einer Million Opfern des Kinderhandels“

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Experten aus 30 Ländern haben zum Kampf gegen Kinderhandel aufgerufen. Was muss passieren, um die Ausbeutung Minderjähriger einzudämmen, Herr Scharlowski?

Zunächst einmal: Kinderhandel ist mit ganz verschiedenen Formen der Ausbeutung verbunden. Zum einen gibt es die sexuelle Ausbeutung, das heißt Kinder werden in Bordelle verschleppt oder gezwungen, sich auf der Straße zu prostituieren. Der zweite Bereich ist die Ausbeutung durch Arbeit wie in Westafrika auf Plantagen. Auch dazu gehört, dass Kinder gezwungen werden als Bettel oder Klaukinder und Drogenkuriere zu arbeiten.

Welche Dimensionen erreicht dieser Kinderhandel?

Man muss mit Zahlen äußerst vorsichtig sein. Alle, die genannt werden, sind Schätzungen. Aber wir rechnen mit jährlich einer Million Opfern des Kinderhandels.

Wie sieht das in Deutschland aus?

Hier ist es noch schwieriger. Die offiziellen Zahlen sind zweistellig – zeigen also kaum die Spitze des Eisbergs. Warum? Weil dabei nur der Kinderhandel im engeren Sinne, nicht aber die verschiedenen Ausprägungen der Ausbeutung erfasst werden, die statistisch unter andere Straftatbestände wie zum Beispiel Menschenraub oder Verschleppung fallen .

Worin sehen Sie die Ursachen für den Kinderhandel?

Das ist von Region zu Region ganz unterschiedlich. Das Hauptproblem ist aber ein Arm-Reich-Gefälle zwischen ländlichen Regionen und Städten oder zwischen armen und wohlhabenden Ländern. Und überall da, wo Familien auseinander gerissen werden, durch Bürgerkrieg, Naturkatastrophen, Zwangsumsiedlungen können Kinder zur Beute von Menschenhändlern werden. Hinzu kommt: Es muss eine Nachfrage geben. Wie beim Sextourismus zum Beispiel. Da spielen auch deutsche Täter eine Rolle, die nach Tschechien oder Thailand reisen und entsprechende Dienste in Anspruch nehmen.

Wie kann Kinderhandel wirksam bekämpft werden?

Entscheidend ist, dass wir Öffentlichkeit schaffen. Einmal um das Problem bekannt zu machen. Zum anderen, um Druck auf Politiker auszuüben. Hinzu kommt: Konkrete Hilfe für betroffene Kinder. Und: Die internationalen Konventionen sind zwar ausreichend, sie müssen aber auch in nationales Recht umgesetzt werden. In Deutschland wurde die Kinderkonvention nur mit einem Vorbehalt ratifiziert, der aussagt, dass Kinder ausländischer Herkunft nicht die gleichen Rechte genießen wie deutsche, wenn sie keinen regulären Aufenthaltstitel haben – was bei gehandelten Kindern natürlich der Fall ist. Diese Kinder haben nicht dieselbe Gesundheitsfürsorge, unterliegen häufig nicht der Schulpflicht und dürfen, selbst wenn sie alt genug sind, nicht arbeiten. Das muss sich ändern.

Boris Scharlowski ist Koordinator der terre-des-hommes-Kampagne gegen Kinderhandel.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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