Zeitung Heute : „Wir schätzen das Risiko ein“

Mediziner Lau erklärt, wie ein Gutachten entsteht

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STEFFEN LAU

arbeitet am Institut

für Forensische Psychiatrie der Charité Campus

Benjamin Franklin.

Foto: R/D

Herr Lau, wie gut kennen Sie die Menschen, über deren weiteres Schicksal Ihr ärztliches Urteil mitentscheidet?

Wir sprechen mit ihnen mindestens dreimal drei Stunden lang. Das Hauptinstrument für die klinisch-psychiatrische Beurteilung ist das Gespräch, Inhaftierte suchen wir dafür auf. Jeder hat allerdings auch das Recht, ein solches Gespräch abzulehnen.

Worauf müssen Sie bei den Gesprächen besonders achten?

Im Hinterkopf haben wir natürlich immer die Frage nach Auffälligkeiten und Symptomen. Wir achten auf auffallende Gedanken und Einschätzungen, die etwa auf ein Wahnsystem hindeuten, wir versuchen die Persönlichkeit zu beurteilen.

Wie erkennt man, ob ein „Hang zu gefährlichen Straftaten“ vorliegt, also eine Sicherungsverwahrung nötig ist?

Das ist manchmal nicht ganz einfach, schon weil wir Psychiater den von den Juristen gebrauchten Begriff „Hang“ nicht verwenden. Aber aufgrund der Ergebnisse der Rückfallforschung schätzen wir das Risiko ein. Dabei ist die Delinquenz-Vorgeschichte des Betroffenen wichtig. Es geht aber nicht nur darum, wie viele Straftaten er schon begangen hat. Wichtig ist vielmehr der Rahmen, in dem sie geschahen, denn der kann sich in der Zwischenzeit auch geändert haben. Wir müssen dafür viel Aktenmaterial durcharbeiten, das ist eine trockene, aber oft sehr ergiebige Arbeit. Im Gespräch müssen die Täter anschließend Gelegenheit bekommen, ihre eigene Version darzustellen. Dabei gehen wir teilweise auch konfrontativ vor. Oft ist das Selbstbild der Betroffenen oder ihre Vorstellung von Männlichkeit auffallend.

Ihre Begutachtung spielt auch eine Rolle, wenn es später um die Entlassung von Straftätern geht, die sich in Sicherungsverwahrung befinden.

Die Sicherungsverwahrung ist gewissermaßen die letzte Maßnahme, die unser Strafrecht kennt. Man kommt also mit gefährlichen Menschen in Kontakt, auch mit schwer zu verändernden Persönlichkeiten. Aber es gibt trotzdem Faktoren, die für eine Entlassung sprechen können: Zum Beispiel muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Die Lebensumstände können sich geändert haben. Nicht zuletzt kann die Zeit eine wichtige Rolle spielen: Das Alter kann zum Beispiel bei Sexualstraftätern ein prognoseverbessernder Faktor sein.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.

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