Zeitung Heute : „Wir sind auf der Liste als Feindesland“

Terrorforscher Hirschmann über die Umstände und die Hintergründe in Dschibuti und über die Bedeutung des versuchten Attentats

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Kai Hirschmann (38) ist stellvertretender Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen.

Herr Hirschmann, die erste direkte Morddrohung gegen einen Deutschen – ist das eine neue Qualität des Terrrorismus?

Wir haben ja schon seit Madrid erlebt, dass einzelne regionale Mini-Al-Qaidas anlassbezogen, vielleicht auch personenbezogen bomben, weil ihnen die eine oder die andere Regierung nicht gefällt, dass sich allerdings Drohungen gegen Politiker, gegen Einzelpersonen richten, das ist für die Al-Qaida-Ideologie durchaus ungewöhnlich. Man hatte noch nie ein konkretes Attentat vor. Das ist ein willkommener Anlass, spektakulär auf sich aufmerksam zu machen. Die Kombination aus Soldaten und einem Staatsoberhaupt.

Sie gehen also davon aus, dass es Al Qaida war?

Es passt eigentlich in der Region zu der Geisteshaltung Al Qaidas. Es gibt diese Mini-Gruppe, die ursprünglich aus Kenia und Mombasa gekommen ist und die jetzt auch mit somalischen islamistischen Gruppen zusammenarbeitet. Die hatten Dschibuti im Auge aufgrund der Stationierung der westlichen Soldaten. Es ist also kein neues Ziel und man hatte Informationen darüber, dass sich Islamisten durchaus um dieses Ziel gekümmert hatten.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit dieser Leute vorstellen?

In und um Mombasa gab es eine muslimische Gemeinde, ähnlich wie in Somalia – die sind beide langsam durch islamistisches Gedankengut unterwandert worden. So gibt es in Somalia mittlerweile eine feste Gruppe, die eng mit Al Qaida zusammenarbeitet. Das gleiche gilt für Mombasa. Beide stehen in Kontakt mit Gruppen im Sudan, die noch aus bin Ladens Zeit dort stammen. Das sind sozusagen die Wurzeln. Die hat man schon bei den Botschaftsattentaten 1998 in Nairobi und Daressalam bemerken können. Das ist ja auch der Grund, weswegen deutsche Marine im Golf von Aden stationiert ist: Um Al Qaida zu beobachten und die Islamisten zu stören. Das passt natürlich Al Qaida überhaupt nicht, denn was die gar nicht gebrauchen können, ist Beobachtung.

Das stört also wirklich?

Ja, weil die dann nicht mehr in Ruhe arbeiten können. Im Golf von Aden geht es hauptsächlich um die Logistik, den Schmuggel von Waffen etwa.

Wie sind die regionalen Gruppen organisiert?

Mit einer hervorragenden Strutur, Kommunikationskanälen zwischen den einzelnen Mudschahedin-Gruppen, so dass Ostafrika eines dieser Stammesgebiete ist, wo im Prinzip staatlicher Einfluss nicht hinreicht und wo sich Parallelstrukturen etablieren können.

Folgt aus der Bedrohung Raus etwas? Ist sie ein Zeichen größerer Gefahr in Deutschland?

Nein, die Gefahr für Europa ist da. Der Terrorismus ist nicht erst seit Madrid angekommen. Dieser Versuch hatte den Sinn, deutlich zu machen, dass es nicht nur um Länder geht, die den Irakkrieg mitgemacht haben. Es geht um das alte Feindbild von Al Qaida: den Westen. Die Menschen müssen verstehen, dass die Bedrohung unabhängig von Kriegen ist. Wir sind auf der Liste als Feindesland, weil wir uns diese Form der „politischen Auseinandersetzung", die mit Massenmord zu tun hat, nicht gefallen lassen wollen.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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