Zeitung Heute : Wir sind das Publikum!

Wir beleben eure Räume, essen eure Brezeln, ersehnen den besonderen Moment. Über die Liebe der Zuschauer zum Theater.

Der Lappen muss hoch ... so sagt man im Theater. Zum vierten Mal erscheint unsere Beilage zur Langen Bühnennacht, und von Anfang an war Susanne Husemann dabei. Die Berliner Künstlerin malt mit Vorliebe Theatervorhänge – sie hat früher auch als Regisseurin in der freien Szene gearbeitet. Hier gibt der blutrote Stoff den Blick auf eine Birke frei. Vielleicht ein Stück von Tschechow, vielleicht eine russische Oper. Susanne Husemanns Bilder spielen mit dem Geheimnis und der Erwartung. Der Vorhang auf – und alle Augen offen.
Der Lappen muss hoch ... so sagt man im Theater. Zum vierten Mal erscheint unsere Beilage zur Langen Bühnennacht, und von Anfang...

Die Berliner Bühnen schenken Neugierigen eine Lange Nacht mit über 150 Kostproben ihrer Arbeit. Selbstlos ist das natürlich nicht. Das Theater braucht ein Publikum, vertrautes und neues, das seine Räume erst belebt. Kino dagegen braucht ein Publikum, das möglichst viel konsumiert, während es widerstandslos erträgt, wie erst einmal Werbung von der Leinwand rinnt. Und gutes Reinigungspersonal, das die Spuren von Nachos, Popcorn und Eiskrem wieder beseitigt.

Das Theaterpublikum konstituiert sich in den Foyers, es entscheidet sich für Programmheftlektüre, Weinglasjonglage, Leutegucken – und versucht, alles irgendwie zusammen hinzubekommen. Man schätzt ab, wen was interessiert, fängt Hörfetzen fremden Wissens auf und studiert die Gemeinschaft, die man an diesem Abend bildet. Ein fragiles Gefüge, so unwiederbringlich wie die Vorstellung selbst, und bestenfalls ihr Spiegel.

Dafür braucht es Zeit wie für jeden Vorgang der Synchronisierung, des sich Einlassens. Ohne eine ordentliche Pause klappt das einfach nicht, klagt Freund F. nach einem Theaterabend in Kinolänge, abgespult ohne Unterbrechung. Er fühlt sich beraubt: um den Austausch, der das Folgende in neuem Licht erscheinen lassen kann, das Luftholen, Sortieren, um Fassung Ringen: alles inmitten des Publikums und eben noch nicht auf dem Weg in die Tiefgarage, zurück in die Abgeschiedenheit des Individualverkehrs. Kapitalismus und Depression: Ja, es gibt Momente, an denen man wieder mal an Frank Castorf denken muss, als seine Volksbühne noch ein Programmmotor der Stadt war. Zur Langen Nacht nimmt sie ab Mitternacht alle auf und verschmilzt sie zu einem Partyvolk.

Seltsam: Es heißt „Wir sind das Volk“ aber nie: „Wir sind das Publikum!“ Vielleicht, weil Publikum sein kein unbedenklicher Zustand ist. Wer in die Oper geht, mag als sentimental-konservativer Kultursubventionsschleicher erscheinen, ein Sprechtheateranhänger als bibliophiler Gegenwartsflüchtling, der Kabarettenthusiast als Traumtänzer auf einem längst erkalteten Vulkan.

Die Theater tun alles dafür, mehr über ihre Klienten zu erfahren, aus denen sich, nach undurchschaubaren Gesetzen, das Publikum zusammensetzt. Sie postierten freundliche junge Menschen vor ihren Toren, die, mit Computer oder Klemmbrett ausgerüstet, Fragen über Fragen stellen. Wer die wohl jemals aufrichtig beantwortet hat? Man will doch immer mehr sehen, als man im letzten Quartal geschafft hat, bleibt doch immer ein Stück weit taub für das, was einem eigentlich in den Ohren klingen sollte. So bekommt man eine Statistik gerade, die mehr über die potentielle Theaterlust als die tatsächliche Theaterbesuchsfrequenz aussagt.

Warum nicht einfach mehr dieser Lust frönen? Was hindert die Bewohner und Gäste dieser Stadt daran, jede Bühne Abend für Abend an den Rand ihres Fassungsvermögens zu bringen, Sitzplatzkontingente restlos zu erschöpfen und Wartelistenschlangen um die Häuser zu ziehen, die jeden Kunstbegeisterten erblassen lassen? Die Theater tragen daran, dass sie sesshaft geworden sind und nicht mehr regelmäßig abbrennen, sondern brav produzieren und Budgets meistens einhalten. Sie ähneln längst mehr unserem Alltag als unserer Sehnsucht.

Richard Wagner, ein Theaterverrückter, der alles Profane am Theater hasste, plante nicht umsonst, ein eigens für seinen „Ring“ errichtetes Haus nach der Aufführung von den Flammen holen zu lassen. Auf dass er ohne Ende in unseren Herzen lodere, der besondere Moment, unkorrumpierbar von Repertoirebetrieb und tariflichen Ruhezeiten.

Mit den Brandschutzbestimmungen in einer Großstadt ist diese pathetische Pyromanie nicht vereinbar, weshalb Theatermacher zur Fackel des Festivals greifen. Es soll konzentrieren, kontrastieren, kommentieren und dabei stets illuminieren. Inzwischen sind auf diesem Wege alle Bühnen Berlins zu Festivalhäusern mutiert, jede Vorstellung ist thematisch fokussiert, und Programmbücher liefern Zusammenhänge, derer wir in diesem Leben wohl nicht mehr habhaft werden.

Wer dennoch eine Bühne aufsucht, entgeht seiner Überforderung am zuverlässigsten durch den Theaterschlaf, ein mysteriöses Stadium zwischen Wachen und Träumen, bei dem sich der Schnarchpegel nach der Dynamik der Opernpartitur richtet. Theaterschläfer können direkt und stets pünktlich zu heftigem Applaus erwachen. Meist pfeifen sie zur Pause am Urinal treffsicher die wichtigste Melodie des verronnenen Aktes, ersatzweise aber den Walkürenritt.

Und dann ran ans Büffet! Hier lassen sich weitere Gründe dafür ausmachen, warum wir nicht alle immer im Theater sind. Wir würden verbrezeln. Dieses aus fernen Gefilden eingeschleppte Laugenbackwerk ist zur Theaterverköstigung Nummer eins aufgestiegen. In ihrer verschlungenen Machart gleicht sie mancher Inszenierung, dem Leben ohnehin. Der Rest ist zäh oder krümelig. In ihrer durch Butterinjektionen anreicherten Variante bietet die Theaterbrezel immerhin einen gewissen Schutz vor Weinen mit allzu aggressiver Säure.

Natürlich lebt das Theater vom konsumierenden Gast. Einige kleine Bühnen müssten ohne ihr Café schließen. Würden die Pausenbüffets besser, ergänzt durch einladende Nach-der-Vorstellung- Tresen, wäre auch die Bühne nicht mehr alleine für alle Kulinarik verantwortlich: eine Entlastung mit erheblichem künstlerischem Potenzial.

Unverhohlen den Zusammenhängen zwischen Getränk und Bühne geht seit Jüngstem der „Neuköllner Weinsalong“ im Heimathafen nach, auch auf der Langen Nacht. Für alle anderen Theater gilt: Die Verträge der Kultur-Caterer sollten offengelegt werden wie bei der Berliner Wasserversorgung. Liebe Piraten, bitte übernehmen. Bei Erfolg muss keine Hauptsubventionsbühne geschlossen werden, um die freie Szene besser zu unterstützen: Mit den Büffet-Überschüssen der Staatsoper werden künftig alternative Aufführungstechniken in Heiligensee finanziert und ein Operndorf nahe dem neuen Großflughafen initiiert.

Träume einer Langen Nacht, die in Berlin ohnehin kein Ende findet. Nach einer „Orestie“ oder „Götterdämmerung“ ist ein Mehrgangmenü drin, und dann bleibt immer noch Zeit, um nicht zu früh im Club zu landen. Theater ist, was dich erreicht, während du eigentlich an etwas ganz anderes denkst.

Ulrich Amling

ist Kulturredakteur des Tagesspiegels.

Er schreibt vor allem über Klassik,

kümmert sich aber auch um die Kulturbeilagen Ticket und Spielzeit.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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