Zeitung Heute : „Wir sind das Rückgrat dieser Stadt“

Stephan Schwarz, Präsident der Berliner Handwerkskammer, spricht über die Konkurrenz im Baugewerbe, die Ausschreibungspolitik öffentlicher Auftraggeber und die Ausbildung des Nachwuchses

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Das Berliner Handwerk befindet sich im Umbruch. Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer, erklärt, vor welchen Problemen die Betriebe stehen und welche Chancen sich eröffnen.

In welchem Zustand befindet sich das Berliner Handwerk?

Wir erleben gegenwärtig einen regelrechten Gründungsboom. In Berlin gibt es deutlich mehr als 32 000 Handwerksbetriebe, so viele wie nie zuvor.

Das ist doch nicht schlecht, oder?

Auf den ersten Blick nicht. Aber paradoxerweise ist die Zahl der Beschäftigten im Berliner Handwerk von einer viertel Million Mitte der 90-er Jahre auf heute 190 000 abgesackt. Wir verzeichnen eine deutliche Tendenz hin zu Kleinstfirmen, sprich Ein-Mann-Betrieben. Das ist nicht gesund.

Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen?

In einigen Branchen wie etwa bei den Bauhandwerken sind die fetten Jahre nach dem Regierungsumzug vorbei. Viel schwerer fallen jedoch die Folgen einer falschen Mittelstandspolitik ins Gewicht. Gesunde Handwerksbetriebe bekommen zunehmend Konkurrenz durch Ein-Euro-Jobs oder Ich-AG’s, die ihre Leistungen aufgrund der staatlichen Förderung billiger anbieten können. Die Aufhebung der Meisterpflicht in einigen Handwerken tat ein übriges.

Sollten diese Maßnahmen nicht eigentlich das regionale Handwerk stärken und neue Jobs schaffen?

Eine Zahl soll das Problem verdeutlichen: Seit der Novellierung der Handwerksordnung besitzen mehr als 80 Prozent der Gründer neuer Handwerksfirmen nicht einmal einen Gesellenbrief. Denen fehlt neben dem Fachwissen vor allem das betriebswirtschaftliche Rüstzeug. Bisher ist nicht zu erkennen, dass diese Neugründungen wachsen und tatsächlich Arbeitsplätze schaffen. Im Gegenteil: Viele werden über kurz oder lang Pleite gehen. Bis dahin machen sie gut eingeführten Unternehmen das Leben schwer.

Wie könnte die Politik diesem Trend entgegensteuern?

Zunächst einmal brauchen wir ein klares Bekenntnis der Landespolitiker zu Handwerk und Mittelstand. Als Arbeitgeber, Ausbilder und Steuerzahler bilden wir das Rückgrat der Berliner Wirtschaft. Und das Land müsste wieder mehr in die Bauerhaltung der öffentlichen Gebäude investieren, in Kitas, Rathäuser oder Hochschulen. Diese Mittel sind in den vergangenen Jahren um fast 80 Prozent geschrumpft. Das trifft natürlich die kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Region besonders hart. Auch die Ausschreibungspolitik von Unternehmen des Landes müsste mehr auf den regionalen Mittelstand zielen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Das Universitätsklinikum Charité hat unlängst ein ganzes Bündel von Leistungen zur Vergabe ausgeschrieben – von Bauleistungen über die Verpflegung der Patienten bis hin zur Medizintechnik. Das Paket soll an ein einzelnes Konsortium gehen. Bisher wurden diese Leistungen von mehr als 200 kleinen und mittelständischen Betrieben erbracht. Der Wirtschaftssenator hat sich dafür eingesetzt, die Leistungen kleinteilig auszuschreiben, damit auch der Mittelstand mitbieten kann. Immerhin stehen hier 2500 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Der Finanzsenator und der Wissenschaftssenator, der im Aufsichtsrat der Charité den Vorsitz führt, lehnen dies ab. Also kommen wieder einmal nur die Großen zum Zuge.

Müssten sich die verschiedenen Senatsverwaltungen hier nicht besser abstimmen?

Im Sinne einer gemeinsamen politischen Willensbildung: natürlich! Bei der Charité geht es um jährlich 140 Millionen Euro, die entweder regionalen Handwerkern zugute kommen oder an große Unternehmen irgendwo in anderen Landesteilen abfließen. Um es einmal klar zu sagen: Wir wollen keine Subventionen, sondern Fairness im Wettbewerb.

Die Industrie klagt immer über zu hohe Lohnnebenkosten. Betrifft Sie dieses Problem auch?

Sogar in besonderem Maße, denn das Handwerk ist ausgesprochen personalintensiv. Nun muss man wissen, dass sich die Lohnnebenkosten mittlerweile schon auf über 40 Prozent summieren. Das müssen Sie also auf die Stundenlöhne aufschlagen – ungeachtet dessen, dass der Preiskampf durch Firmen aus dem Umland oder aus Osteuropa immer schärfer wird. Gelänge es, die Kosten für Arbeit zu senken, müssten wir uns auch nicht mit der leidigen Schwarzarbeit herumschlagen.

Wie wirkt es sich auf die Ausbildung von Lehrlingen aus, dass die Betriebe immer kleiner werden?

Wir werden in diesem Jahr wieder rund 6000 Lehrlinge ausbilden. Auf drei Lehrjahre hochgerechnet, haben wir also rund 18 000 Lehrlinge. Das entspricht einer Ausbildungsquote von knapp zehn Prozent – deutlich höher als in den anderen Wirtschaftszweigen.

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