Zeitung Heute : Wir sind die Roboter

Alles wird automatisch. Das Arbeitsamt hat einen neuen Online-Auftritt. Doch wie gut ist arbeitsagentur.de wirklich? Ein Selbstversuch

Ole Meiners

Wer keinen Windows-PC hat und auch einen DSL-Anschluss nicht sein Eigen nennt, der hat auf dem „Virtuellen Arbeitsmarkt“ der Bundesanstalt für Arbeit (BA) bereits verloren: Seit dem 1. Dezember hat das Arbeitsamt im Internet ein neues Gesicht und präsentiert sich unter der Adresse „arbeitsagentur.de“ im Stile der bereits etablierten Online-Jobbörsen wie Stepstone und JobScout24. Bereits seit 1997 bietet die BA im Internet freie Stellen und Ausbildungsplätze an und wendet sich auch an Arbeitgeber mit Personalvakanzen. Aber auch jeder Arbeitslose kennt „SIS“, das Stelleninformationssystem des Arbeitsamts, das an den Selbstbedienungs-Terminals auf den Amtsfluren die Kunden mit Informationen über freie Arbeitsplätze schnell informiert – wenn man die korrekte, mehrstellige Berufskennziffer auswendig weiß.

Die eingesetzte Arbeitsamt-Technik sei teilweise bis zu 30 Jahre alt, räumte bei der Präsentation von arbeitsagentur.de in Nürnberg BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt ein: „Unser bisheriges Online-Angebot ist veraltet.“ 15 Millionen Euro ließ sich die BA das Lifting hin zur modernen Online-Jobplattform kosten. Das gesamte Projekt des „Virtuellen Arbeitsmarkts“ schlägt dem Steuerzahler mit 77 Millionen Euro zu Buche und soll in den nächsten zwölf Monaten abgeschlossen sein – auch bei den BA-Mitarbeitern an der Vermittler-Front. Gleichzeitig hat der „Job-Roboter“ seine Arbeit aufgenommen. Dieses Suchinstrument durchforstet das World Wide Web nach freien Arbeitsplätzen. Die BA wird nicht müde zu beteuern, dass die Datenbestände der Jobbörsen und der Tageszeitungen nicht ausgeweidet werden und der Roboter ohnehin nur den Beratern im Amt zur Verfügung steht.

Nach anfänglichen Startproblemen durch eine Server-Überlastung und dem Eingeständnis, 70000 Stellengesuche hoch qualifizierter technischer Fachkräfte aus Kostengründen nicht in das neue System (insgesamt: 350000 Angebote) eingepflegt zu haben, arbeitet arbeitsagentur.de jetzt im Regelbetrieb. Grund genug, einmal genauer hinzuschauen – als Arbeitssuchender.

Anmeldung

Die virtuelle „Bea“ begrüßt den Besucher auf arbeitsagentur.de mit einem freundlichen Lächeln und der Aufforderung, auf sie zu klicken, um zu zeigen, was Sie tun kann. Mattes Hellgelb, rote Akzente, eine schwarzgraue und moderne Typografie – unaufdringlich und freundlich. Wer „Bea“ folgt, kann sich als Arbeitssuchender einen Überblick über die Möglichkeiten des Systems geben lassen – und landet bisweilen vor einer weißen Wand. Einige Browser zeigen die erwartete multimediale Einführung nicht an, das Fenster bleibt leer. Mit einem Apple-Macintosh-Computer hat „Bea“ wohl nicht gerechnet, erst der Internet Explorer von Microsoft kann die Präsentation starten.

Zurück ins Hauptfenster. Ein erster Blick in die Schnellsuche, vielleicht ist ja der Traumjob dabei. Suchbegriff: Journalist; Postleitzahl: 10876 – der erste Treffer in Berlin, der zweite in Brandenburg, die nächsten quer durchs Bundesgebiet. Treffer 19 bis 25 dann wieder in der Hauptstadt, unter anderem mit einem Angebot als Musikalienhändler. Wo nichts ist…

Profil

Wer bin ich? Was suche ich? Wer diese Fragen für sich beantworten kann – und da kann „Bea“ nicht weiter helfen –, weiß um sein Profil auf dem Arbeitsmarkt. Die privaten Job-Börsen arbeiten seit Jahren mit der Technik, möglichst viele Eigenschaften und Wünsche des Arbeitssuchenden abzufragen, um die am besten passenden Job-Angebote auszugeben: das so genannte „Matching“. Darauf setzen auch Personalchefs und lassen sich von JobScout und Co. kostenpflichtig die qualifiziertesten Bewerber ermitteln – ohne eine Anzeige in der Zeitung zu schalten oder die Stelle dem Arbeitsamt zu melden.

Mit dieser Methode will auch arbeitsagentur.de den besten Bewerber auf die offene Stelle vermitteln. Für die Erfolg versprechende Suche muss der Arbeitssuchende sein Profil anlegen. Erste Hürde: die Anmeldung als Benutzer mit einem Kennwort, das Groß- und Kleinbuchstaben sowie eine Zahl voraussetzt – da kommen selbst Computer-Profis ins Grübeln. Dann die Enttäuschung: Zum Freischalten des Profils wird eine PIN benötigt, die als Brief verschickt wird. Das bremst den Enthusiasmus, aber man kann die Selbstdarstellung schon vorbereiten. Zwei Tage später ist Post aus Nürnberg da – das Profil ist online.

Wenn man es denn überhaupt geschafft hat, ein Profil zu erstellen. Das System meldet den Benutzer nach zehn Minuten Inaktivität automatisch ab – aus Sicherheitsgründen. Wer über eine Freitext-Formulierung länger als zehn Minuten nachdenkt, ist weg vom Fenster des Arbeitsamts. Wie beim Online-Banking muss sich der Benutzer wieder anmelden, die eingegebenen Daten sind teilweise verloren. Seltsam auch, dass auf einigen Rechnern deutsche Sonderzeichen falsch dargestellt werden. Gibt man Umlaute ein (weil man Müller und nicht Mueller heißt) und will die Eintragungen sichern, gehen die Daten verloren und der Browser stürzt ab. Wäre das der Internet-Auftritt der Hausbank, man hätte ihr längst den Rücken gekehrt.

Resonanz

Arbeitslosigkeit ist zurzeit kein Einzelschicksal, trotzdem wollen die wenigsten Betroffenen ihre Kritik in Verbindung mit ihrem Namen in der Zeitung sehen. Ein Computer-Trainer, der auch Arbeitssuchenden die Grundbegriffe des Internet erklärt, findet es „eine ganz große Sauerei, dass man kaum erkennen kann, ob die Sozialversicherungsnummer eine Pflichtangabe ist“. Alle Tester bemängeln extrem lange Ladezeiten bei Verwendung eines 56k-Modems – bis zu einer Minute und ohne Ladehinweis. Außerdem: „Ich habe das Gefühl, dass ich mich festlegen muss“, beklagt ein 28-jähriger Einzelhandelskaufmann, „ich kann nicht angeben, dass ich neben einer festen Arbeitsstelle auch einen Aushilfsjob suche.“ Eine Verwaltung mehrerer Profile unter einem Benutzernamen ist nicht möglich.

Überfordert sind selbst erfahrene Internet-Nutzer, wenn sie im eigenen Profil ihre Fähigkeiten angeben sollen: „Ich verstehe das nicht“, sagt ein 35 Jahre alter, arbeitsloser Buchhalter, „ohne Hilfe kann ich mein Profil nicht erstellen.“ Überraschungen auch bei der Anzeige von Angeboten: Einige Stellen hätten längst besetzt werden sollen. Lohnt sich da noch eine Bewerbung? Der geforderten Flexibilität und den Patchwork-Lebensläufen zahlreicher junger und gut qualifizierter Arbeitssuchender wird das System auch in anderen Punkten nicht gerecht. Irgendwie beschleicht einen das Gefühl, hier die Geburtsstunde einer Erfolgsgeschichte à la Toll Collect zu erleben.

Im Internet:

www.arbeitsagentur.de

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