Zeitung Heute : „Wir sind Freiwild“

Der Tagesspiegel

Von Jan Dirk Herbermann, Zürich

Dies ist eine Geschichte von Verrat und Ehebruch. Die Hauptpersonen sind Thomas Borer-Fielding, der Schweizer Botschafter in Berlin, und ein ehemaliges Nackt-Model, Djamile R.. Die beiden sollen eine Affäre gehabt haben, als Borers Frau Shawne, eine ehemalige Miss Texas, nicht in der Stadt war. Und zwar in der Botschaft, gleich neben dem Kanzleramt.

Dies ist aber auch eine Geschichte über die Medien. Hier sind die Protagonisten das Ehepaar Borer-Fielding, das, wie der Berner Medienwissenschaftler Roger Blum sagt, „so bekannt sind wie die Schröders in Deutschland“. Und auf der anderen Seite die Zürcher Boulevardblätter „Blick“ und „SonntagsBlick“, die mit einer Auflage von jeweils über 300 000 Exemplaren in der Schweiz eine stärkere Stellung haben als „Bild“ und „Bild am Sonntag" in Deutschland. Fast jeder dritte deutschsprachige Schweizer nimmt die Blätter zur Hand.

Den ersten Akt des Schmierenstückes inszenierte der „SonntagsBlick“ in seiner letzten Ausgabe. Borer habe die junge Frau in der Nacht des 21. März in der Botschaft getroffen – Stoff für wilde Spekulationen. Zwei eidesstattliche Erklärungen sollen die Story stützen.

Und, wie Medienwissenschaftler Blum erklärt, gibt es eine Arbeitsteilung zwischen „SonntagsBlick“ und dem täglich erscheinenden „Blick“: „,SonntagsBlick’ zieht die Story hoch, ,Blick’ schreibt die Sache in der Woche weiter nach vorn.“ Und so ist es kein Wunder, dass gestern die Leser von „Blick“ mehr erfuhren. „Herr Borer, Sie lügen!“, lautete die Schlagzeile. Denn Djamile R. behauptet im Interview: „Immer wenn Shawne weg war, hatten wir Sex in der Botschaft.“ Was skeptisch macht: Das Nackt-Model erzählt jeden Tag eine neue Geschichte.

Die ganze Geschichte passt dazu, dass es im deutschen Boulevard- Journalismus zurzeit gewissermaßen Mode ist, Affären von Prominenten tagelang zu Schlagzeilen zu machen. Die Geliebten haben sogar einen Namen: Luder.

Die Schweiz hat kaum Prominente. Zu den wenigen gehören die Borer-Fieldings, die es durch ihre permanenten Selbstinszenierungen zum wohl schillernsten Paar der Alpenrepublik geschafft haben.

Macht sie das zu Opfern einer Rufmordkampagne? Wie weit geht der Schweizer Boulevard-Journalismus – wird hier Haltloses verbreitet? Thomas Borer-Fielding stellt das so dar. Er streitet alles ab. „Blick“ und „SonntagsBlick“ wären seit Jahren von der Idee besessen, seinen Ruf mit falschen Geschichten zu ruinieren. Seine Frau und er, so klagt Borer, „sind Freiwild".

Tatsächlich prügeln die Blätter aus dem Medienhaus Ringier gnadenlos auf das Promi-Paar ein: Als die exaltierte Borer-Gattin Shawne vor einem Jahr für eine Fotostrecke in den Räumlichkeiten der Schweizer Botschaft posierte, konstruierte der „SonntagsBlick“ ein Ehedrama. Borer wolle seine Texanerin „fallenlassen". Ein anderes Mal lichtete die Zeitung Shawne auf dem Schoß vom Rocker Klaus Meine ab – und kompromittierte damit ihren Botschaftergatten. Aber am meisten kompromittierte sich der Gatte selbst: Er unterstellte Meine, homosexuell zu sein und machte Späße über die Körpergröße des Sängers.

„Blick“-Chefredakteur Jürg Lehmann will dieses Mal aber von einer Kampagne gegen die Diva und den Diplomaten nichts wissen: „Wenn Botschafter Borer an eine Verschwörungstheorie glaubt, leidet er unter Verfolgungswahn."

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