Zeitung Heute : „Wir sind gut und stark in schlechten Zeiten“

Botschafter Leif Fagernäs zeigt sich überrascht vom deutschen Interesse an finnischer Kultur

Rolf Brockschmidt

„Ich habe eine europäische Karriere gemacht, aber wo immer ich eingesetzt war, bin ich im Urlaub in Deutschland gewesen“, erzählt Leif Fagernäs. Er ist seit vergangenem Jahr Finnlands Botschafter in Berlin mit vorherigen Stationen in Prag, London und Frankfurt am Main. Und er sagt das in einem sehr guten Deutsch. „Von der Tschechoslowakei aus, wo ich von 1976 bis 1978 war, sind wir fast täglich nach Deutschland zum Einkaufen gefahren.“ Später verbrachte sein Sohn die ersten Schuljahre in Frankfurt am Main. „Er spricht heute noch fließend Deutsch mit hessischem Akzent, und zu Hause spreche ich mit ihm oft Deutsch, um es nicht zu verlernen.“

Heutzutage ist Englisch die erste Fremdsprache an Finnlands Schulen. Deutsch sei leider nicht mehr so gefragt wie zu seiner Zeit, sagt der Botschafter, dessen diplomatische Karriere vor allem durch Handelspolitik geprägt war. „Deutschland ist seit mehr als zehn Jahren, seit dem Fall der Sowjetunion, unser größter Handelspartner. Wir investieren viel in Deutschland, vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen. Für Finnen ist Deutschland ein Brückenkopf. Und Deutschland hat in Finnland noch immer ein Image, das besser ist als die Wirklichkeit.“

Natürlich hat Leif Fagernäs den Wahlkampf verfolgt. Man stehe vor ähnlichen Herausforderungen auf dem Gebiet der Gesellschaft und der Energiepolitik. Aber er habe in Deutschland ein „grand design“ vermisst, er habe mehr erwartet.

Finnland hat zwei Umwandlungen erlebt. Die vom Agrarstaat in das Industrieland nach dem Zweiten Weltkrieg, denn bei hoher Arbeitslosigkeit sind viele Finnen nach Schweden ausgewandert. „Vor zehn Jahren hatten wir dann die größte Rezession. Der Handel mit der Sowjetunion war zusammengebrochen, die Wirtschaft war um 13 Prozent zurückgegangen, wir hatten eine Bankenkrise und 20 Prozent Arbeitslose.“ Daraufhin habe man viel gespart, die Steuern erhöht und viel Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt. „Wir sind nach Schweden das zweite Land, das sehr viel in die Entwicklung investiert“, sagt Fagernäs nicht ohne Stolz. Nach dem Nokia-Boom beginne sich die Biotechnologie zu entwickeln. „Und wir haben immer noch neun Prozent Arbeitslosigkeit“, sagt der Botschafter, und fügt mit einem Lachen hinzu: „Aber wir sind gut und stark in schlechten Zeiten.“ Heute habe man wieder eine positive Bilanz im Budget.

Die Investitionen in die Forschung hätten dazu geführt, dass ein promovierter Ingenieur heute eine sehr angesehene Person sei. „Meine Frau ist so eine Ingenieurin, ich habe nur Jura studiert“, sagt er. Überhaupt studierten mehr Frauen als Männer an den Universitäten. Und mehr Frauen als Männer machten das Abitur. Im Parlament stellten sie knapp die Hälfte der Abgeordneten „und in der Botschaft hier haben sie eindeutig die Mehrheit.“

Noch etwas ist ihm in Deutschland aufgefallen: die völlig unterschiedliche Unternehmenskultur. In Finnland pflege man Teamwork, kenne im Gegensatz zu Deutschland kaum Hierarchien und bringe seinen Mitarbeitern großes Vertrauen entgegen. Hierarchien könnten die Erneuerung bremsen. Und an die Ladenschlusszeiten kann er sich nur schwer gewöhnen.

Aber eines hat ihn in Deutschland total überrascht: das große Interesse an finnischer Kultur. „Deutschland ist tatsächlich unser wichtigster Partner für den Kulturexport. An 17 Universitäten wird Finnisch gelehrt, allein 30 finnische Romane sind im letzten Jahr auf Deutsch erschienen. 70 Opernsänger, Solisten und Dirigenten haben ihre Karriere in Deutschland gemacht. Dirigenten und Sänger sind ein Exportschlager.“

Dass Berlin nun Regierungssitz ist, hat in Finnland Hoffnungen geweckt. „Wenn wir etwas in der EU regeln möchten, sprechen wir mit Berlin. Wir hatten eine aktivere Ostseepolitik erwartet. Hamburg, Mecklenburg- Vorpommern und Schleswig-Holstein tun da mehr als der Bund.“ Berlin sei für Finnland die erste Großstadt in Europa, allerdings habe man sich mit dem neuen Standort der Botschaft von den Wirtschaftsräumen entfernt. Die meisten Finnen wohnen in Nordrhein-Westfalen, etwa 1200 in Berlin. Berlin sei interessant für Studenten und Touristen, eine Stadt, die noch immer ihre Identität suche. In den neuen Ländern wisse man gut über Finnland Bescheid, in Bayern kaum. „Bayern ist für uns ein Problem. Leider wurde unser Generalkonsulat geschlossen, also muss ich viel reisen, da es keine traditionellen Beziehungen zu Bayern gibt.“

Mit dem neuen Botschaftsgebäude von Rauno Lehtinen, Pekka Mäki und Toni Peltola im Komplex der Nordischen Botschaften ist Leif Fagernäs sehr zufrieden. „Dieses Ensemble hat sich bewährt. Jedes der fünf Länder hat etwa 10 000 Besucher, mit den Veranstaltungen zusammen hatten wir alle in den letzten drei Jahren 300 000 Besucher. Wir müssen uns öffnen, Führungen sind möglich.“ Die Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft werde immer wichtiger.

Das freut den leidenschaftlichen Diplomaten, der schon im zarten Alter von 15 Jahren auf die Frage nach dem Berufswunsch in der Schule ohne zu zögern geantwortet hatte: Diplomat. „Ich hatte immer großes Interesse für Sprachen, Reisen und fremde Kulturen. ich habe nichts bereut.“

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