Zeitung Heute : „Wir sind halt komische Leut’“

Zum vierten Mal ehrt der Fonds Darstellende Künste Theater- und Tanzschaffende mit dem george tabori preis. Der große „Spielmacher“ selbst wäre an diesem Tag 99 geworden – und es hätte Torte gegeben.

Essen ist Hoffnung. Ignaz Kirchner und George Tabori als Koch Lobkowitz in „Mein Kampf“, Burgtheater Wien 1987. Foto: © Oliver Herrmann
Essen ist Hoffnung. Ignaz Kirchner und George Tabori als Koch Lobkowitz in „Mein Kampf“, Burgtheater Wien 1987. Foto: © Oliver...

Vor sieben Jahren waren es 92 Torten, die wir George Tabori an seinem 92. Geburtstag am 24. Mai 2006 im BE überreichten. Am 24. Mai 2013 wären es natürlich 99 Torten gewesen und wiederum einige mehr zur Aufmunterung. Diese Torten entstanden wie sein Theater: wenige und nur leichte Zutaten in feiner Balance. Es kommt ja immer auf die richtige Mischung an – und auf die Geduld in der Zubereitung. Hektik bewirkt gar nichts. Die 18 Stunden, die ich für die Torten in der Backschule der Berliner Bäckerinnung verbrachte, verflogen dennoch äußerst kurzweilig, ging es doch um ein poetisches Gebilde zum leibhaftigen Genuss: die Tabori-Torte.

Diese Torte – französischen Ursprungs und ins Wienerische abgewandelt – vermag durchaus eine Art Rausch zu bewirken. Jedenfalls hatte das Publikum all die Torten in einer Dreiviertelstunde verputzt und doch keine Nebenwirkungen verspürt außer dem Bedürfnis nach mehr. George selbst hat auf seine Weise unser spontanes Tortenfest weitergeführt: Seinem nächsten Stück, es wurde sein letztes und ein Jahr später uraufgeführt, gab er den Titel „Gesegnete Mahlzeit“. Im Essen sah George, der doch gar kein großer Esser war, einen spirituellen Verwandlungsvorgang. „Iss, Söhnchen, nicht aus Hunger, sondern in der Hoffnung, eine Kraft in dich aufzunehmen, die du in all den kommenden Jahren brauchen wirst …“, gibt der Koch Lobkowitz seinem Freund Schlomo Herzl als Rat in „Mein Kampf“.

Immer verbindet Tabori das Essen mit Hoffnung. In „Jubiläum“ – geschrieben zum Gedenken an den 30. Januar 1933 – bricht am Ende des Stücks, das auf einem Friedhof spielt, der Musiker Arnold, der immer noch verzweifelt betet, dass man in Auschwitz doch nur Brot gebacken habe, einen Laib Brot, den ihm sein toter Vater als Geschenk gebracht hat, und gibt jedem ein Stück als Zeichen der Versöhnung („MITZI: Schmeckt komisch. ARNOLD: Wir sind halt komische Leut’.“).

Und in Taboris erstem in Deutschland aufgeführten Theaterstück (es ist seinem in Auschwitz ermordeten Vater Cornelius gewidmet; die geradezu schicksalhafte Premiere war 1969 in der Schiller Werkstatt) wurde das Essen, wurde Menschenfleisch als Menschenspeise zum zentralen, nicht nur bildhaften, sondern ganz und gar realen Vorgang. Das Stück hat den lapidaren Titel „Die Kannibalen“ („The Eating Play“).

Die Berliner Aufführung wühlte die Menschen zutiefst auf und polarisierte die Meinungen. Für Rolf Michaelis war der begeisterte Applaus ein Argument gegen das Stück. „Da fragt man sich doch“, so schrieb er in „Theater heute“, „ob ein deutsches Theater (schon) der rechte Gerichtshof ist, vor dem verhandelt werden darf, ob ein Jude, um zu überleben, einen anderen Juden fressen darf …“ Für Friedrich Luft hingegen waren Stück und Aufführung ein „Wunder“.

Die konträren kritischen Haltungen begegneten in den kommenden Jahrzehnten oft Taboris Theaterarbeit. Er wohl aber sah im deutschsprachigen Theater durchaus den richtigen „Gerichtshof“ und entschied sich zu bleiben und hier zu arbeiten, auch wenn es in den ersten Jahren für ihn sehr oft sehr mühsam war. „Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne“ – das genügte ihm, um seine Themen darzustellen. Er hatte die gelassene Gewissheit, irgendwann werden die großen Theater ihre Bühne auch ihm freigeben. Und so kam es schließlich, denn Taboris Theater ist einzig. Wie sein Witz. Selbst in seinen Träumen. „Ich hatte einmal einen lustigen Albtraum“, erzählte George Tabori gelegentlich, „zwei kannibalistische Kritiker wollten mich als Rindsroulade verspeisen. Da sitzen sie vor dem Topf, und der eine schaut hinein und sagt: ,Also eigentlich mag ich den Tabori nicht’. Da sagt der andere: ,Na dann iss nur die Nudeln’.“ Ob Tabori wohl Nudeln mochte?

Seine Leibgerichte waren Bratkartoffeln, von Ursula Höpfner gemacht, auch Palatschinken (Palacsinták) und natürlich das Wiener Schnitzel, das ihn sogar zu einem Theaterstück inspirierte, zur „Ballade vom Wiener Schnitzel“. Bei Tabori wurde Alltäglichkeit zu Metaphorik, sagte er doch stets von sich: „Ich bin ein Spielmann“.

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