• Wir sind noch nicht fertig Ohrenwackeln, Gänsehaut, Weisheitszähne: Brauchen wir nicht mehr. Wie der Mensch in Zukunft aussieht.

Zeitung Heute : Wir sind noch nicht fertig Ohrenwackeln, Gänsehaut, Weisheitszähne: Brauchen wir nicht mehr. Wie der Mensch in Zukunft aussieht.

Walter Schmidt

STRAHLENDE ZUKUNFT. Die Models Christy Turlington (rechts) und Hilary Swank sehen schon heute aus, wie Forscher sich die Menschen kommender Generationen vorstellen: dünn, feingliedrig, groß.

Foto: Face to Face

Rehe können es, Hirsche auch und Hunde sowieso: Immer wenn es was zu lauschen gibt, dann richten sie die Ohren auf. Das haben sie den meisten Menschen voraus, immerhin, einige Zeitgenossen gibt es noch, die können mit den Ohren wenigstens wackeln.

Sie hätten auch diese Fähigkeit verloren, wenn seitlich am Schädel nicht noch Reste von Muskeln säßen. Die waren bei unseren Vorfahren noch kräftiger und aktiver. Denn umgeben von wilden Tieren, war gutes Richtungshören überlebenswichtig, anders als heute. „Das Wackeln mit den Ohren hat bei uns keine Bedeutung mehr", sagt Winfried Henke, Biologie-Professor an der Universität Mainz.

Der Körper des Menschen verwandelt sich ständig. Das gilt für jedes Einzelwesen bis zu seinem Tod wie auch für unsere biologische Art. Doch die Evolution arbeitet meist sehr langsam, sie baut auf dem Vorhandenen auf, verbessert es, weist ihm neue Aufgaben zu oder lässt es verkümmern, wenn ein Organ, ein Muskel oder ein Knochen nicht mehr benötigt werden. Denn jede Struktur muss energiezehrend gebildet und unterhalten werden. „Die Natur spart lieber, als dass sie Material verschwendet“, sagt der Biomechaniker Holger Witzel von der Ruhr-Universität Bochum.

Dieser Prozess des Auf-, Um- und Abbaus läuft immer weiter. Und Spuren dieses Wandels speichert der Körper wie eine Chronik aus Fleisch, Knochen und Blut. „Der Mensch ist ein Archiv seiner eigenen Geschichte“, sagt der Anthropologe Friedrich Rösing von der Universität Ulm. So wie man beim Autobau erst nach und nach auf die seitlichen Trittbretter verzichtet hat, auf längst überflüssige Spuren aus der Kutschen-Ära also, so beseitigt die Natur nutzlos gewordene Körperteile oder Verhaltensweisen nicht schlagartig. Die Muskeln zum Ohrenwackeln sind nur eines von vielen Beispielen.

Der Blinddarm ist doch wichtig

Eher kein Rudiment dürfte dagegen der Wurmfortsatz des Blinddarms sein, der lange für ein Relikt eines früher größeren Organs gehalten wurde. Der „Appendix“, also Anhang, „ist nicht mehr wie früher als ein überflüssiges und störendes, sondern eher als ein unbekanntes Organ zu betrachten, dem möglicherweise sogar eine spezielle Funktion im lymphatischen Abwehrsystem zukommt“, urteilt der Frankfurter Chirurg Bernd Hontschik. Früher bei den ersten Beschwerden rasch entfernt, versucht man den Wurmfortsatz heute möglichst lange im Bauchraum zu belassen, da sein Lymphgewebe bei der Abwehr von Infektionen hilft, wie die Rachenmandeln im Mund. Nicht umsonst wird er manchmal „Dickdarmmandel“ genannt. In jedem Fall ist der Appendix biologisch noch wichtiger als die beim Menschen noch an körpereigene Waffen erinnernden Eckzähne. Drohen lässt sich damit kaum noch.

Darüber, wozu uns die weitere Evolution verwandeln wird, können Wissenschaftler nur spekulieren. Doch gelangt der Ulmer Anthropologe Friedrich Rösing zu dem Urteil, es sei „ausgeschlossen, dass die Evolution nicht mehr wirkt“. Ebenso klar ist auch, dass der Mensch seinen genetischen Umbau mit moderner Medizin und Technik manipuliert. „Der reine Darwinismus funktioniert bei uns zurzeit nicht, weil wir seine Faktoren überdecken können“, sagt der Biomechaniker Holger Witzel. Müssten wir hingegen unsere Nahrung noch immer zu Fuß erjagen, spräche einiges dafür, dass die Evolution Kniegelenke und die Lendenwirbelsäule besser an die mechanischen Erfordernisse des aufrechten Gangs anpassen würde. Beide seien „noch nicht durchkonstruiert“, sagt Rösing.

Früher geschlechtsreif

Einige Trends im Körperbau können Anthropologen seit einiger Zeit beobachten: Der Nachwuchs wird immer größer, feingliedriger und früher geschlechtsreif. Mädchen bekommen immer schmalere, also männlichere Hüften, die Rubens-Figur mit ihrem gebärfreudig breit wirkenden, aber nicht unbedingt gebärfreudigeren Becken scheint zu verschwinden. „Die Figuren der Models entsprechen auch dem biologischen Trend“, sagt Rösing. Nicht so einfach zu klären ist, ob die Veränderungen bereits im menschlichen Erbgut verankert sind oder bloß durch bessere Hygiene und eine eiweißreichere Kost gerade in jungen Jahren hervorgebracht werden.

Sogar unsere Bewegungsarmut mischt mit. „Aufgrund mangelnder körperlicher Arbeit, von der sich unsere Gesellschaft zunehmend entlastet, werden wir wahrscheinlich einen grazileren Körperbau bekommen“, vermutet der Biologe Winfried Henke. Auch beim Knochengerüst spart die Natur eben Aufwand und Baumaterial ein, wenn beides zum Überleben oder für die Weitergabe von Erbanlagen nicht mehr nötig ist. Salopp gesagt: Auch schwächliche Gestalten bekommen heute problemlos Kinder, können sich und ihre Familie ernähren. Das gilt übrigens auch für die Träger von Erbleiden wie Diabetes, die früher oft nicht einmal ins zeugungs- oder gebärfähige Alter kamen. Hier und in anderen Fällen verändert medizinischer Fortschritt das Erbgut des Menschen.

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