Zeitung Heute : Wir sind nur Kopien von Biografien

DEUTSCHES THEATER Anne Habermehl ist mit „Luft aus Stein“ zu den Autorentheatertagen eingeladen.

PATRICK WILDERMANN

Seit dem Unfall macht Paula Fotos. „Weil das Leben wunderschön ist. Und das alles passt nicht in meinen Kopf.“ Fotos, findet Anton, sind Verrat. Am Augenblick. „Du hast Angst vor dem Tod“, wirft er Paula vor. In solch präzisen und zugleich unprätentiös-poetischen Sätzen schildert Anne Habermehl in ihrem Stück „Luft aus Stein“ das selbstzerstörerische Liebesverhältnis eines Geschwisterpaares. Der lebensmüde Anton hat auf gemeinsamer Fahrt das Auto gegen die Tunnelwand gefahren, die fragile Paula versucht seitdem, ihre Gedanken zu fassen zu bekommen und ihre Sprache wiederzufinden. Das Porträt einer Generation ohne Halt? Nein, das wäre Anne Habermehl dann doch zu hoch gegriffen. „Aber das Bild, mit offenem Mund dazustehen und nicht zu begreifen, was passiert, finde ich im Moment treffend für meinen Zugang zur Welt“, sagt sie. „Und ich glaube, das teile ich mit vielen.“

„Luft aus Stein“, von Habermehl in eigener Regie am Schauspielhaus Wien uraufgeführt und jetzt zu den Autorentheatertagen eingeladen, hält sich indes nicht nur in der Gegenwart auf. Der Text springt zwischen den Zeitebenen. Erzählt in Momentaufnahmen vom Bruch zwischen einem Kriegsheimkehrer und der Frau, mit der er vor dem Feldzug ein Kind gezeugt hat. Von einer alleinerziehenden Mutter, die in den 60er Jahren ihre Tochter ziehen lassen muss. Und von Paula und Anton, die im Hier und Heute die Orientierung verloren haben. 1943, 1963, 2010, 1944, 2013. Das Stück wirft Schlaglichter auf eine scheinbar ungeordnete Folge von Ereignissen. Wie die Schicksale miteinander verschränkt sind, erschließt sich erst allmählich, dafür umso wirkmächtiger.

Sie habe versucht, sagt Habermehl, „einer deutschen oder auch mitteleuropäischen Identität nachzuspüren“. Und habe dabei gemerkt: „Ich muss immer weiter in der Geschichte zurückgehen.“ Vielleicht hält die Vergangenheit Antworten für uns parat. Vielleicht, so legt der Text einmal nahe, sind wir nur „Kopien von Biografien“. Was die Dramatikerin zwar nicht als eigenes Empfinden verstanden wissen will. Aber sie beobachtet bei sich durchaus „Charakterzüge, die aus der Generation meiner Mutter oder Großmutter stammen“. Was wir heute erlebten, ist sie überzeugt, „kann man nicht ungetrennt von dem sehen, was sich vor 50 oder 100 Jahren ereignet hat“.

Habermehl, 1981 in Heilbronn geboren und Absolventin des Studiengangs Szenisches Schreiben an der UdK, besitzt ein besonderes Talent dafür, die Bruchstellen einer selbstgewissen Gesellschaft offenzulegen, die nicht zurück- und nicht über sich selbst hinausschaut. In „Narbengelände“ von 2010 erzählt sie von der scheiternden Flucht eines Paares aus der DDR kurz vor dem Mauerfall. In „Letztes Territorium“, 2008 am Hamburger Thalia in der Gaußstraße uraufgeführt, lässt sie einen algerischen Flüchtling in eine Stuttgarter Familie stolpern und Welten aufeinanderprallen. Fragt man Habermehl, ob sie an eine Bewusstseinsschärfung durch Theater glaube, überlegt sie einen Moment. Die Autorin wählt ihre Worte auch im Gespräch mit Bedacht. Einerseits, entgegnet sie, „bilde ich mir nicht ein, dass ich jemanden zum Denken erziehen könnte. Das ist auch nicht meine Absicht“. Auf der anderen Seite: Ja, sie glaubt an das Theater als einen Ort der Auseinandersetzung, der Selbstbefragung.

Habermehl liebt das Schreiben für die Bühne. Und macht sich zugleich keine Illusionen über den Betrieb, den sie „schnelllebig und untreu“ nennt. Und der in vielerlei Hinsicht noch immer erschreckend konservativ sei. Dass zum Beispiel die starke Präsenz von Dramatikerinnen wie jetzt bei den Autorentheatertagen überhaupt zum Thema werden müsse, findet sie doch ziemlich gestrig. Wo starke Frauen gefeiert würden, hört Habermehl Reden ihrer Mutter von 1976 nachhallen. „Mein Gott“, seufzt sie, „wir haben 2013!“ PATRICK WILDERMANN

7. und 8. Juni, 20 Uhr,

DT-Box

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!