Zeitung Heute : „Wir teilen vieles miteinander“

Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Freien Universität Berlin, Professor Peter-André Alt, über eine neue Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag.

Die Zusammenarbeit mit Verlagen und Kulturstiftungen hat Tradition an der Freien Universität. Durch die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur unterhält die Universität bereits eine Kooperation mit dem S. Fischer Verlag und der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik wird besetzt von dem jeweiligen Träger des Berliner Literaturpreises, den die Stiftung Preußische Seehandlung auslobt. Nun geht die Freie Universität eine Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag ein. Als regelmäßiges Format soll die Siegfried-Unseld-Vorlesung Studierende mit namhaften Autoren zusammenbringen. Im Interview erläutert der Präsident der Freien Universität, Professor Peter-André Alt, Hintergründe und Ziele.

Herr Professor Alt, was versprechen sich die Freie Universität und der Suhrkamp Verlag von der Kooperation?

Viele der für das Verlagsprogramm wichtigen Autoren sind auf die eine oder andere Weise mit der Freien Universität verbunden. In den Sechzigerjahren, als die Freie Universität auch in unruhiger Zeit ein Ort der kritischen Diskussion war, waren Suhrkamp-Autoren wie Hans Magnus Enzensberger an Debatten beteiligt, die an unserer Hochschule geführt wurden. Heute wiederum publizieren viele unserer Geisteswissenschaftler bei Suhrkamp. Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom ist Ehrendoktor am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften, Durs Grünbein, Suhrkamp-Autor und herausragender zeitgenössischer Schriftsteller, ist immer wieder zu Gast bei uns. Suhrkamp und die Freie Universität teilen vieles miteinander. Diese gemeinsame Tradition soll in einer neuen Veranstaltung fortgeführt werden.

Im Titel führt die Veranstaltung den Namen des 2002 verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld.

Er hat Suhrkamp über Jahrzehnte geprägt und es wie kein anderer verstanden, die Strömungen der Zeit nicht nur zu erkennen, sondern vorauszusehen. Das hat Siegfried Unseld verbunden mit einer ungeheuer intensiven Pflege der Beziehungen zu seinen Autoren. Mit der Veranstaltung, die seinen Namen trägt, wollen wir dieser besonderen Verlegerpersönlichkeit ausdrücklich Reverenz erweisen.

Um welche Themen soll es in den Siegfried-Unseld-Vorlesungen gehen?

Ein gemeinsames Interesse des Verlages und der Freien Universität richtet sich auf die Beziehung zwischen Literatur und Religion sowie Literatur und Mythos. Suhrkamp verlegt seit 2007 im Verlag der Weltreligionen Bücher zu diesem Themenkomplex – ein fulminantes Zeugnis dafür, wie Gelehrte über heilige Texte immer neue Einsichten vermitteln. Aus diesem Bereich könnten Themen gewonnen werden. Es soll bei der Auswahl grundsätzlich auch um den gesellschaftlichen Auftrag von Literatur gehen, die sogenannte littérature engagée.

Wer wird eingeladen?

Das werden wir jeweils mit dem Verlag festlegen. Ähnlich wie bei der Hegel Lecture – mit der die Siegfried-Unseld-Vorlesung künftig im Wechsel stattfinden wird – soll die Auswahl eine gute Mischung sein aus Autorinnen und Autoren verschiedener Generationen und Kulturen. Wir wünschen uns Autoren, die zu uns passen und in ihrem Selbstverständnis als gesellschaftskritische Denker die Geschichte der Freien Universität repräsentieren.

Worüber werden die Autorinnen und Autoren sprechen?

Das ist ihnen freigestellt. Sie können über ihr eigenes Werk sprechen oder einen bestimmten Text, über ihre Schreib- oder Welterfahrungen, über Lust und Unlust beim Schreiben, über ihr Grundverständnis von Literatur oder über Reisen als Ressource literarischer Phantasie. Das Spektrum ist sehr offen.

Uwe Tellkamp, dessen 2008 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Der Turm“ ein großer Publikums- und Kritikererfolg war, wird die erste Siegfried-Unseld-Vorlesung halten. Er will über die Rolle des Mythos im Roman sprechen. Wie ist die Wahl auf Tellkamp gefallen?

Wir haben mit Uwe Tellkamp einen Autor gewinnen können, der eine verbindende Figur ist und zur mittleren Generation gehört. Sein Roman „Der Turm“ ist ein Bestseller, ein bedeutsames Buch, das ganz klassisch Provinzialität und Weltläufigkeit verbindet. Das ist übrigens typisch für Literatur: Sie findet die Welt in der Provinz.

Welche Perspektiven eröffnet die Zusammenarbeit?

Sehr interessante. Vielleicht werden wir irgendwann – ähnlich dem Vorbild aus den USA – einen Universitätsverlag mit Suhrkamp gründen und die herausragenden Arbeiten der Geisteswissenschaftler der Freien Universität bei Suhrkamp verlegen.

Was bedeutet die Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag für die Freie Universität Berlin?

Wir sind stolz, in Berlin einen Verlag dieses Kalibers zu haben. Die Berliner neigen ja dazu, die Pluralität ihrer Stadt als selbstverständlich zu nehmen. Wir sollten vielmehr sagen: Seht her, wir haben einen der bedeutendsten Verlage Europas hier in Berlin. Und die Freie Universität als Hochburg der Geisteswissenschaften hat daran teil.

Die Fragen stellte Christine Boldt.

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