Zeitung Heute : „Wir verbessern uns“

Tagesspiegel-Geschäftsführer Joachim Meinhold über den neuen Druckort

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Was ändert sich für den Leser, wenn der Tagesspiegel nicht mehr in der Potsdamer Straße, sondern in Spandau gedruckt wird?

Erst einmal wird sich etwas für die Anwohner ändern, die heute durch den LKWAn- und Abtransport und den Produktionsbetrieb gestört werden. Für den Leser verbessert sich das Produkt. Er wird in Zukunft eine Zeitung in der Hand halten, deren Druckqualität noch besser ist als bisher, auch wenn sich dieser Qualitätssprung nur dem geübten Auge erschließt. Darüber hinaus profitieren wir davon, dass in Spandau 48 Seiten uneingeschränkt vierfarbig gedruckt werden können.

Das bedeutet mehr Farbe im Blatt und damit mehr Möglichkeiten für den neuen optischen und inhaltlichen Auftritt, den die Zeitung für nächstes Jahr plant.

Richtig, die technischen Voraussetzungen für den Relaunch verbessern sich dadurch. Wir werden Farbe dort einsetzen, wo wir es für sinnvoll halten. „Bunter“ werden wir das Blatt allerdings nicht machen. Außerdem bieten die neuen Rotationen für unsere Anzeigenkunden die Möglichkeit, auf jeder Seite vierfarbige Anzeigen zu platzieren. Das ist für uns und unsere Geschäftspartner von Vorteil. Insgesamt: Wir verbessern uns.

Wird das Blatt auch aktueller, weil später angedruckt werden kann?

Aufgrund der schnelleren Laufzeit der Druckrotationen und der größeren Einsteckkapazitäten entstehen auch Potenziale für eine zeitliche Optimierung. Hinzu kommt, dass kleinere zeitliche Reserven durch den Ausbau der Kooperation der „Berliner Morgenpost“ und des Tagesspiegel im Bereich der Logistik erschlossen werden können. Diese zeitlichen Vorteile werden sich jedoch erst mittelfristig auswirken, wenn sich alles eingespielt hat.

Profitiert der Tagesspiegel auch finanziell von dem Wechsel zur Springer-Druckerei?

Der Tagesspiegel profitiert von dem auf 15 Jahre abgeschlossenen Vertrag vor allem in technischer Hinsicht. Aber auch der Druckpreis für die Zeitung wird tendenziell positiv beeinflusst. Im Wesentlichen dadurch, dass auf den beiden neu angeschafften Maschinen im Druckhaus Spandau auch das „Handelsblatt“ und die Schwesterzeitung des Tagesspiegel, die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“, gedruckt werden. Dadurch sind die Rotationen voll ausgelastet. Das kommt nicht nur den Zeitungstiteln, sondern auch dem Drucker zugute.

Springer mit seiner „Welt“ und der „Berliner Morgenpost“ ist ein direkter Konkurrent des Tagesspiegels. Wie kann es da sein, dass der Tagesspiegel von Springer gedruckt wird?

Der Volksmund sagt: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich …“ Im Ernst: Der Tagesspiegel wird ja bereits seit fast zehn Jahren von Springer gedruckt, denn die GMZ-Druckerei gehört seit 1994 zu 74,9 Prozent dem Springer-Konzern. Auch wenn die Unternehmen im Zeitungsmarkt Konkurrenten sind, ist die Kooperation im Bereich der schweren Technik meines Erachtens für andere Verlagsbereiche richtungweisend. Die bewährte Kooperation zwischen Tagesspiegel und Springer im Bereich der Zustellung und der Logistik ist gleichfalls in beiderseitigem Interesse und sollte – bei gleichzeitiger Konkurrenz im Lesermarkt – weiter ausgebaut werden.

Wäre es denkbar, dass Springer-Blätter Exklusivmeldungen des Tagesspiegel abschreiben, um so einen möglichen redaktionellen Vorsprung des Tagesspiegel einzuholen?

Die Redaktionen des Verlages Axel Springer haben es nicht nötig, abzuschreiben. Zudem gibt es Vertraulichkeitsvereinbarungen, und natürlich verhalten sich alle Drucker ihren Kunden gegenüber neutral. Das Druckhaus Spandau druckt eine so große Zahl von Titeln, darunter bereits heute „Handelsblatt“ und „Süddeutsche Zeitung“, dass schon der Verdacht einer Verletzung der Neutralität im Wettbewerb zurückgewiesen werden muss. Im Übrigen sind Vorkehrungen getroffen worden, um die Einsichtnahme eines Wettbewerbers in die übertragenen elektronischen Seiten des anderen auszuschließen.

Was passiert mit den Druckmaschinen im Hinterhof des Verlagsgebäudes an der Potsdamer Straße?

Die Druckmaschinen werden voraussichtlich nach Osteuropa verkauft.

Und das Gebäude?

Wird ab 31. März 2004 abgerissen. An die Stelle des Druckgebäudes wird die Peter Riggers Baubetreuungs GmbH ein Bürogebäude mit einer Fläche von 27 000 Quadratmetern errichten und an einen Investor verkaufen. Einen kleinen Teil der Fläche wird der Tagesspiegel mieten, den Rest andere Medienunternehmen.

Wann wird es so weit sein?

Der erste Bauabschnitt wird Mitte 2006 fertig, der zweite etwa anderthalb Jahre später.

Und was passiert mit dem Vorderhaus zur Potsdamer Straße, in dem Redaktion und Verlag sitzen?

Das wird im zweiten Bauabschnitt abgerissen und passend zum hinteren Gebäude neu aufgebaut. Redaktion und Verlag werden dann voraussichtlich im hinteren Gebäudeteil sitzen, zum Teil weiter vorne. Die Büroflächen der Firmen werden separate Eingänge bekommen. Was mich besonders freut: Die 1873/74 entstandene, spätklassizistische Anton-von-Werner-Villa im Innenhof des Tagesspiegels wird komplett restauriert, instand gesetzt und in den Komplex integriert.

In der Nacht vom 14. auf den 15. Dezember werden die Druckmaschinen in der Potsdamer Straße endgültig abgeschaltet, tags drauf wird es eine Abschieds feier geben. Für einige, die ihren Arbeitsplatz verlieren, wird es eine traurige Feier sein.

Ich war dort selbst einige Jahre Geschäftsführer und erinnere mich gerne daran. Auch deshalb betrübt es mich sehr, dass die Druckerei geschlossen werden muss. Es ist das Ende einer Druckerei, die nach der Wende – sie wurde nach dem 2. April 1991 schrittweise in Betrieb genommen – mit großen Erwartungen und Hoffnungen der damaligen Gesellschafter verbunden war. Leider war eine Modernisierung nicht bei laufendem technischen Betrieb möglich.

Warum?

Das hätte bedeutet, dass der Tagesspiegel ein Jahr lang überwiegend nur schwarz-weiß erschienen wäre, was seine Marktpositionen im regionalen und überregionalen Anzeigengeschäft gefährdet hätte. Was die Mitarbeiter angeht, danken wir dem Axel Springer Verlag sehr, dass er nach besten Kräften Mitarbeiter nach Spandau, Leipzig und Ahrensburg übernommen hat. Leider war es nicht möglich, allen Mitarbeitern einen neuen Arbeitsplatz anzubieten. Das gilt vor allem für die Mitarbeiter in der Weiterverarbeitung. Wir haben uns bemüht, den Verlust des Arbeitsplatzes in diesen Fällen durch eine Sozialplanabfindung auszugleichen, soweit dies möglich ist.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

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